ArchFilm geht in eine neue Runde...

Aus dem Film Sérgio Bernardes "Brazilian Architect"

17.09.2017 - 17.12.2017

Filmcasino Wien
Margaretenstrasse 78
1050 Wien
Österreich

 

 

SCHICK & SCHÖN – Traumhäuser #1:
So, 17. Sept. 2017, 13 Uhr
SÉRGIO BERNARDES –  BRAZILIAN ARCHITECT

Einst berühmt, gefeiert und doch heute vergessen: Als schillernde Persönlichkeit der High Society war der brasilianische Architekt Sérgio Bernardes (1919-2002) einst eine feste Größe in der Architekturszene seiner Heimat. In seiner späteren Karriere wandte sich Bernardes von der Dekadenz der bürgerlichen Gesellschaft ab und widmete sich der Lösung der Sozialprobleme und Armut der Welt durch seine fortschreitende Hingabe an einer progressiven gesellschaftlichen Architektur und Sozialutopie. Diese links-populistischen Haltung führte ihn dazu, mit der Militärdiktatur zu kooperieren im Glauben die Regierungspolitik institutionell zu reformieren. Das Ergebnis war eine Reihe von Kompromissen und erfolglose Versuche, die ihn unbeliebt machten und vom Ausland ignoriert wurden. Nur wenige erinnern sich heute an ihn, der in den Nachkriegsjahren zu einem der schillersten Persönlichkeiten der brasilianischen Moderne gehörte. Kollegen wie Oscar Niemeyer und Richard Buckminster Fuller arbeiteten mit dem Workaholic und Lebemann, der in nur einem Monat bis zu 25 Wohnhäuser und Nobelvillen entwarf.

 

SCHICK & SCHÖN – Traumhäuser #2:
So, 15. Okt. 2017, 13 Uhr
IL GIRASOLE – UNA CASA VICINO À VERONA

Das von leisen Elektromotoren angetriebene „bewegliche Haus“ ist ein seltenes Unikum als Manifest (oder ein Nachbote) des italienischen Futurismus. Eine sehr ästhetische und stimmungsvolle Baumonographie von Christof Schaub über ein außergewöhnliches Bauexperiment der 1930er Jahre. Zwischen 1930 bis 1935 realisierte der Genueser Bauingenieur Angelo Invernizzi (1884-1958) gemeinsam mit dem gleichaltrigen Architekten Ettore Fagiuoli (1884-1961) und einem talentierten Mechaniker in Marcellise unweit von Verona den futuristischen Traum von einem beweglichen Haus (Casa girasole heißt „Sonnenblumenhaus“), dessen ausgeklügelte Mechanik und „arrier plan“ der Betonweise als ein gebautes manifest des Futurismo gilt. Dieses bislang eher unbekannte Werk der Moderne ist ein silbrig glänzende Wohnmaschine auf einem riesigen, rundlichen Unterbau inmitten eines verzauberten Weinbergs. In seinem Inneren befindet sich ein Motor, der das Rundhaus 360 Grad langsam um die eigene Achse zu drehen vermag und immer wieder Aus- und Einblicke erlaubt. Die Villa folgt dem Tageslauf der Sonne oder den Ausblicken in die liebliche Landschaft.

 

So, 15. Okt. 2017, 13 Uhr
A TROPICAL HOUSE 

Nach dem formal strengen Aufbau seines Vorgängerfilms TOWER HOUSE macht der Filmemacher Karl-Heinz Klopf mit A TROPICAL HOUSE erneut eine Studie in statischen totalen und halbtotalen Einstellungen über das singuläre Eigenheim des indonesischen Architekten Andra Matin (geb. 1962), einem neuen Vertreter der regionalen Strömung einer „Tropischen Moderne“. Das Bauwerk befindet sich nahe Jakarta in dem noblem Vorort Bintaro. Das ganze Bauensemble von Haus und Garten scheint trotz seines physischen Gewichts und statischer Erdverbundenheit geradezu in der Luft zu schweben. Das Haus ist offen und luftig. Die ruhige Filmstudie besteht fast zur Gänze aus statischen Totalen bzw. Halbtotalen komponiert. Der Innen- sowie Außenraum der Gartenvilla wird Schritt für Schritt und Ebene für Ebene aus einer Vielzahl von Blickwinkeln der Kamera erschlossen. Das vermeintlich einfache Gebäude wird somit zu einem Gegenstand einer konzentrierten Meditation für den Betrachter, der gleichzeitig Zuschauer, Beobachter ist, vor dessen Augen sich die sorgfältig entworfenen Räumlichkeiten entfalten.

Nach dem Film Gespräch mit Regisseur Karl-Heinz Klopf und Helmut Weihsman (Kurator).
 

SCHICK & SCHÖN – Traumhäuser #3: EILEEN GRAY – TRÈS CHIC

Die vorwiegend in Paris tätige irische Architektin und famose Designerin Eileen Gray (1878-1976) war eine der wenigen Frauen, die sich in der starken Männerdomäne der modernen Architektur und Designs am Beginn des 20. Jahrhunderts eindrang und dort sich auch behaupten konnte. Bereits über vierzig Jahren nach ihrem Tod in ihrer Wahlheimat Frankreich gilt Eileen Gray als famose Doyen des Interior- und Möbeldesigns. Als couragierte Feministin und emanzipierte Lady in der schicken Pariser Gesellschaft zwischen den Weltkriegen galt sie als eine der faszinierendsten und extravaganten Frauenfiguren des 20. Jahrhunderts. Ihre kunstgewerbliche Arbeiten und Originalmöbeln erzielen inzwischen Millionenbeträge auf Auktionen. Ihrer Zeit weit voraus, sowohl als emanzipierte Frau als auch als progressive Gestalterin von kunstgewerbliche Hausrats- und Kunstgegenständen, eröffnete sie in ihrer Wahlheimat ihre eigene Galerie, wo sie ihre sinnliche und avantgardistische Produkte herstellte, ausstellte und verkaufte. Ihre berühmt gewordene Möbelstücke, Paravents, Wandschirme, Teppiche, Lampen und vielerlei Kunstgegenstände gelten heute als die Klassiker des Art-Déco-Designs (art décoratifs). Gray gilt nicht nur als Ikone der  klassischen Moderne, ihre Freundschaften mit der Pariser Bohème war das gesellschaftliche Topos ihrer Ideen und Entwürfe. Sie liebte sowohl Männer als auch Frauen, ebenso ihre Leidenschaft für schnelle Autos, Flugzeuge, Schiffe und vor allem das Reisen teilte sie mit Isadora Duncan. Ihre ungewöhnlichen Konzepte für den Zeitgeist der Modernen Architektur sowie Design prägen noch unsere Vorstellung von einem „befreiten Wohnen“ (Sigfried Giedion).

So, 12. Nov. 2017, 13 Uhr
EILEEN GRAY – EINLADUNG ZUR REISE

In dieser monographisch angelegten Künstlerreportage über Eileen Gray versucht Regisseur und Produzent Jörg Bundschuh uns die charismatische Person und das Lebenswerk der irischen Kunstgewerblerin anschaulich im Kontext ihrer Zeit näher zubringen und überaus sachlich-nüchtern darzulegen. Zu Beginn ihres langen Lebens war die Gestalterin eine der faszinierendsten Gestalten des 20. Jahrhunderts, deren Möbeln und Designobjekte inzwischen Kultstatus haben. Lange Zeit geriet sie jedoch beinahe in Vergessenheit, bis sie knapp vor ihrem Tod noch den Beginn ihres verspäteten Nach-Ruhmes erntete. In ihrer Wahlheimat Frankreich feierte die Grand Dame („Lady Gray“) nicht nur ihre ersten beruflichen Erfolge, sondern führte das freie, ungebundene Leben einer jungen, vermögenden Dame und in Kreisen der Elite begehrter Gast und gefragte Künstlerin. Auch als eine blutjunge, selbstbewusste und emanzipierte Frau bewies sich in jeder Hinsicht ihre Unabhängigkeit und eigenes Selbstbewusstsein als integre Künstlerin und Bohémian in der höheren Gesellschaftsschicht. Als selbstständige Architektin und eigene Bauherrin schuf Eileen Gray eines der berühmtesten Privathäuser des 20. Jahrhunderts, ihre eigene schmucke Ferienvilla an der Côte Azur bei Roquebrune-Cap Martin unweit von Monte Carlo, welches als E-1027 getauft wurde und damit in die Architektur- und Sozialgeschichte einging. Mit ihrem damaligen Lebenspartner Jean Badovici entwarf sie das ungewöhnliche Ferienhaus nach ihrem eigenen Vorstellungen und starkem Bedürfnis der Behaglichkeit und Freiheit.

 

So, 12. Nov. 2017, 13 Uhr
TALKING HOUSE – VILLA E-1027 

Die ultramoderne Villa E-1027 von Eileen Gray, erbaut 1924-29 auf einem steilen und schroffen Küstenstreifen auf dem Cap Martin in Roquebrune unweit Monte Carlo an der südfranzösischen Riviera, war Eileen Grays erstes Privathaus für sich und ihren damaligen Lebensgefährten, den rumänischen Architekten, Redakteur und Architekturkritiker Jean Badovici, welches als sommerliches Ferienhaus für die beiden gedacht war. Das Haus, welches auch als Maison en bord de mer in der Zeitschrift L’architecture vivante publiziert wurde, war sehr originell sowohl in der Raumgestaltung als auch in der Inneneinrichtung. In der Pionierzeit der weißen Sachlichkeit baute sie eine Villa am Mittelmeer, ein Gesamtkunstwerk, für das Ende der 1920er Jahre auch ihren berühmten Stahlrohrmöbeln, verstellbare Tische, flexible Wohnungseinrichtungen und Wandschirme entworfen hatte. Für Le Corbusier der mehrmals Grays Hausgast war, wurde die Sommerresidenz  zur erotischen Obsession, der zwischen 1938/39 acht kubistische Sgraffito, teils mit aufgeladenen sexuellen Bezügen auf den kahlen Hauswänden gemalt hatte, was Eileen Gray erzürnte und zum endgültigen Bruch ihrer Beziehung mit dem Meister führte.

Das multimediale Konzept der franco-amerikanischen Videokünstlerin Elizabeth Lennard für dieses Filmgedicht ist eine unorthodoxe Stimmperformance zwischen der Bauherrin Eileen Gray aus Paris und ihrem verantwortlichen Architekten Jean Badovici über ihre verstrickte Partnerschaft in Zitatform auf Grund der minutiös belegten und veröffentlichten Briefkorrespondenz („Maison en bord de mer“) in der Zeitschrift L’Architecture vivante über das gemeinsame Ferienhaus.

 

So 17. Dez. 2017, 13 Uhr
LA GRANDE BELLEZZA - DIE GROSSE SCHÖNHEIT

Der zynisch wie auch polemische Spielfilm über die dekadente Gesellschaft des Geldadels und Schickeria porträtiert humorvoll pointiert die römische Oberschicht und ihre angeberische Promis sowie Adabeis („rich and famous“), die sich selbst hoch loben und nicht zu bemerken scheint, dass ihre goldenen Tage längst gezählt sind. In leicht melancholischer Art und Weise glänzt der Film mit einer Fülle von filmischer Miniaturen über Sinn und Sinnlosigkeit des Daseins inmitten üppiger Dekors und modernen Design. Zugleich ist Le Grande Bellezza eine zeitgenössische Hommage auf Fellinis La Dolce Vita, die hinter aller oberflächigen Schein und Pracht nach Momenten erfüllter Präsenz und Wahrhaftigkeit im sog. „schönen“ und „richtigen Leben“ sucht.