architektur.aktuell 03/2000

architektur.aktuell 03/2000

architektur.aktuell

Für eine Architektur der Gegenwart|In Favour of a Contemporary Architecture

von|by Marco De Michelis

In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden unnötigerweise zahlreiche “Ismen” entwickelt – ihr gemeinsamer Nenner ist die ungewöhnliche Promiskuität verschiedener sprachlicher Mittel. Sie reflektieren die spezielle Situation der zeitgenössischen Architektur, ihre Entstehungsprozesse sowie die neuen Bereiche, in denen die architektonische Praxis vorübergehend überleben kann. Während zuletzt die europäische Stadt in ihrer architektonischen Gesamtheit systematisch untersucht wurde, war sie wesentlichen Veränderungsprozessen ausgesetzt, die ihre Struktur radikal veränderten. Im Zuge dieser Prozesse wurden die Probleme des Zentrums an die Peripherie oder auf die posturbanen Ökosysteme der Büro- und Einkaufszentren, der großen Einheiten der Verkehrsinfrastruktur sowie der deindustrialisierten Zonen mit ihren schwer wiegenden Umweltbelastungen verlagert.


Rafael Moneo: Konzert- und Kongresshaus in San Sebastián, Spanien|Concert Hall and Congress Building in San Sebastián, Spain

Von|by Maddalena Scimemi
Die Einsamkeit des Kursaals

1989 hatte Rafael Moneo den internationalen Wettbewerb um das Konzert- und Kongresshaus von San Sebastian gewonnen. Der in seiner Bezeichnung auf den Traditionstourismus der Baskenstadt anspielende “Kursaal” wurde aber erst 1995 bis 1999 realisiert, weil sein Entwurf ihre gesellschaftlichen Spannungen abzubilden schien oder zumindest deren Widerstand provozierte. Moneos formale Lösung der von der Gemeinde vorgebenen vielfältigen Funktionsanforderungen besteht in einer ebenen Platte, auf der in zwei prismenförmigen Komplexen ein 1.900 Personen fassendes Auditorium und ein Kongresssaal mit 600 Plätzen untergebracht sind. Die topographische Lage bestimmt den Umriss der Platte: ein dreieckiges Stück Land am Ende der Stadt grenzt an einer Seite an den Atlantik und an den beiden anderen an die geradlinig verlaufende Avenida della Zurriola und an den Damm des Urumea-Flusses.


Riepl Riepl: Revitalisierung Musikschule und Kulturhaus “Bruckmühle” in Pregarten, Oberösterreich|Revitalisation of Bruckmühle Music School and Culture Centre in Pregarten, Upper Austria

Von|by Romana Ring
Drei feste Körper

Die Bruckmühle an der Ortseinfahrt zu Pregarten ist eine ehemalige Industrieanlage aus dem 19. Jahrhundert. An der mäandrierenden Feldaist und am Fuße eines bewaldeten Hügels gelegen, ist die Anlage sanft in eine kleine Mulde gebettet, deren steil ansteigende Kante im Norden von einer doch einigermaßen kühn gespannten Eisenbahnbrücke nach oben abgeschlossen wird. Im Südwesten zeugt die lockere Bebauung vom Idyll der einst kleinen Marktgemeinde. Über die Brücke poltern nur mehr wenige Züge. Die Stimmung emsiger Betriebsamkeit unter dem Wahrzeichen des technischen Fortschrittes vergangener Zeiten hat ein wehmütiges Wohlgefallen an der zerbröckelnden Bausubstanz abgelöst.


Essay

Es ist nicht Jetzt|This is not Now

Von|by Diller + Scofidio

Wenn – wie es Victor Hugo im Kapitel “Dies hier wird Jenes umbringen” in seiner Beschreibung der Pariser Notre Dame-Kathedrale prophezeit – das Buch dazu bestimmt war, die Architektur zu töten, und heute die elektronischen Medien das Buch umbringen, was wird dann aus dem örtlich gebundenen, schmerzlich langsamen, materiell unbeweglichen und heute doppelt obsoleten Medium der Architektur werden?


Diller + Scofidio: Brasserie im Seagram Building, New York, USA|Brasserie in the Seagram Building, New York, USA

Von|by Gordon Kipping
“Live” in der Brasserie

Zur Jahrtausendwende wurde die Brasserie im Souterrain des berühmten Seagram Building von Ludwig Mies van der Rohe wiedereröffnet. Der Entwurf der New Yorker Architekten Diller+Scofidio verlieh dem Original von Philip Johnson eine neue Präsenz, wobei der klassisch-moderne Raum des Originals mit zeitgenössischer Sensibilität erfüllt wurde. Seit ihrer Eröffnung 1959 war die Brasserie jahrzehntelang für Schauspieler, Musiker, Sportler und Szeneleute der letzte Stopp bei ihren urbanen Streifzügen.


Jean Nouvel: Umbau der Brasserie Schutzenberger, Strasbourg, Frankreich|Conversion of the Schutzenberger, Strasbourg, France

Von|by Andrea Gleiniger
Virtuelle Flaneure

Brasserie, Bar, Café, Bistro – urbane Orte als transitorische Schnittstellen (groß-)städtischer Vielschichtigkeit, meist temporäre Erscheinungen im Getriebe der Stadt – diese Objekte haben Geschichte gemacht: 1926-28 richtete Theo van Doesburg in Zusammenarbeit mit Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp das Strassburger Café Aubette ein, 1924 J. J. P. Oud das Café Unie in Rotterdam. Die Wahl Nouvels für eine heutige Neuinterpretation der Aufgabe war programmatisch: War schon Theo van Doesburg mit dem Auftrag angetreten, die Räume des Aubette als Ausdruck architektonischer und ästhetischer Modernität zu gestalten, so wünschten sich auch die BetreiberInnen der Brasserie Schutzenberger ein Lokal, in dem die Wende zum 21. Jahrhundert zukunftsträchtig und sinnfällig zum Ausdruck gebracht werden sollte.


Interview

Die Haltbarkeit von Botschaften|The Endurance of Messages
Axel Sowa im Gespräch mit|in conversation with Jean Nouvel

Zur Szenographie des Expo-Pavillons “Mobilität” in Hannover
Ausstellungsarchitekturen sind sonderbare Bauten. Als spektakuläre Provisorien, denen nicht langjährige Haltbarkeit abverlangt wird, rücken sie in die Nähe des Bildhaften, der Momentaufnahme, des verblüffenden Effekts. Nur für die Dauer eines Augenblicks, so könnte man meinen, sind diese flüchtigen Architekturen im Stande, die Wünsche und Sehnsüchte einer Epoche zu bündeln. Als Monumente auf Zeit, denen die Permanenz der gewöhnlichen Architektur entzogen ist, sind sie verkehrte Denkmäler. Sie sind keine bleibenden Marken im öffentlichen Raum, keine Orte des Eingedenkens, die eine Generation errichtet, um der Nachwelt eine verschlüsselte Botschaft zukommen zu lassen. Ihre suggestive Kraft schöpfen Ausstellungsarchitekturen aus der Tatsache, dass in ihnen die räumliche Schwelle die Innen- und Außenraum trennt, zur zeitlichen Schwelle wird.


Interview

Die Zukunft der Arbeit: ein Bühnenbild|The Future of Work: a Stage Set
Axel Sowa im Gespräch mit|in conversation with Jean Nouvel & Frédéric Flamand

Partnerschaften zwischen Architekten und Vertretern anderer Disziplinen bleiben Zwangsehen, solange nur der Auftraggeber von der Notwendigkeit der Zusammenarbeit überzeugt ist. Der Kooperation von Jean Nouvel und Frédéric Flamand haftet weder Zwang an noch ist dem Ergebnis anzusehen, wie die jeweiligen Zuständigkeiten verteilt waren. Nachträglich verfängt sich die Suche nach Einflüssen und Entwicklungsprozessen in einem dichten Gewebe von Ideen und wechselseitigen Inspirationen. Unentscheidbar ist auch, ob nun die Rauminstallation für den Themenpavillon “Zukunft der Arbeit” noch Architektur oder schon kein Theater mehr ist? Die liebgewonnen Kategorien und Berufsbezeichnungen haben im Werk keine Spuren hinterlassen.


Harry Seidler: Wohnpark Neue Donau in Wien|Object in City, Country

Von|by Matthias Boeckl
Der Blick aus der Ferne

Vorspann Die klassische Moderne verwirklichte sich in Amerika und Australien in größerem Maßstab als in Mitteleuropa. Harry Seidler, der Gropius-Schüler, bietet nun Gelegenheit, ihre Ideologie an den seither im sozialen Wohnbau hierzulande weiterentwickelten Standards zu überprüfen. Eine affirmative Interpretation dieser Standards mit einigen großzügigen Beigaben kann zu einem positiven Ergebnis führen. Und sie relativiert einiges an Diskussionen, die sich in Wahrheit mehr auf die “Zugaben” denn auf das prägende Regelwerk des Wohnbaus beziehen. Sie zeigt aber auch, wie wichtig neben gesetzlichen und Bauherrn-Standards die Rahmenbedingungen sind: Überraschenderweise konnten eine privilegierte Lage und Infrastrukturanbindung des Projekts unter fast ausschließlicher Anwendung traditioneller funktionalistischer Wohn- und Städtebauprinzipien in architektonische Qualität umgesetzt werden.


Pentaplan: Wohnanlage “Das tiefe Haus” in Graz, Steiermark|The Deep Building Housing Development in Graz, Styria, Austria

Von|by Nikolaus Hellmayr
Multifunktionaler Prototyp

Vorspann Mariatrost ist das Synonym für ein gutes Stück steirischer Wohnbaugeschichte. In der östlichen Peripherie von Graz, zu Füßen der barocken Wallfahrtsbasilika, entwickelt sich seit Jahren ein qualitätvolles Wohnquartier, geprägt von Villen und Einfamilienhäusern auf den umliegenden Höhen und einer Reihe von bemerkenswerten Wohnanlagen aus den achtziger – und frühen neunziger Jahren in der Talsohle. Die Fahrt mit der Straßenbahn, die das noch immer ländlich geprägte Tal entlang einer idyllischen Trasse mit dem öffentlichen Verkehrsnetz der Stadt verbindet, bietet bequem im Vorbeifahren an Projekten von Bernhard Hafner, Hubert Riess oder der Gruppe 3 einen Überblick über die Wohnbauentwicklung der letzen 15 Jahre.

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