architektur.aktuell 05/1999

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architektur.aktuell

International

Erich Hubmann, Andreas Vass: So hätten die Mauren geparkt/This is How the Moors would have Parked

Von/by Friedrich Achleitner
Neuordnung des Zugangsbereichs zur Alhambra in Granada, Spanien

Die “Neuordnung des Zugangsbereichs” zur Alhambra in Granada ist in Wirklichkeit ein städtebauliches, ökologisches und architektonisches Großbauwerk, das die 20 Hektar umfassende Parkierungsfläche (eine Grundfläche wie Alhambra und Generalife zusammen) in einen integralen Bestandteil der Stadt und der Landschaft verwandelt. Erich Hubmann und Andreas Vass haben mit Peter Nigst zusammen 1989 einen internationalen Wettbewerb gewonnen und dann das Projekt selbständig zur Baureife weiterentwickelt und die Baudurchführung bis heute betreut. Das Projekt unterschied sich von den 80 anderen dadurch, dass es in einer intelligenten Form auf die alte maurische Kultur der Bewässerung von Terrassen reagierte, und dies zum System der eingefriedeten Parkterrassen entwickelte. Obwohl das Projekt noch nicht in allen Teilen ganz fertig ist und die volle Bewässerung nur zeitweise in Betrieb genommen werden kann, ist schon abzusehen, dass es sich hier um ein modellhaftes Projekt handelt, das das Thema Parken, also das massenhafte Abstellen von mobilem Blech nicht nur als funktionales Problem “ordentlich gelöst”, sondern geradezu als eine kulturelle Herausforderung verstanden hat. So wird der kaum zu bewältigende Besucherandrang auf ein erstrangiges bauliches Kulturerbe der Menschheit durch einen “landschaftlichen Filter” gebändigt, der sogar eine Art Vorbereitung oder Einstimmung auf die Alhambra oder den Generalife schafft. (…)

Valerio Olgiati: Fremder Grundriss, passgenaue Form/Foreign Floor-Plan, Precise Form

Von/by Andreas Valda
Oberstufenschulhaus in Paspels, Graubünden/Schweiz

In Graubünden im Domleschg steht ein neues Schulhaus des Bündner Architekten Valerio Olgiati: Ein unregelmäßiger Würfel aus Beton, dem man das eigentümliche Innenraumkonzept von außen nicht ansieht. Anstelle des üblichen Zweispänners mit einer Gang- und eine Zimmerzone beschreibt die Erschließung ein fettes Kreuz, dessen Arme bis an die Außenwände reichen. In der Mitte des Kreuzes befindet sich die Treppe, die Kreuzarme führen zu den Schul- und Vorbereitungsräumen, die sich in den vier Eckfeldern des Quadrates befinden. Im Gegensatz zu den kühlen, dunklen und hallenden Gangzonen sind die Schulzimmer warm, hell und schallschluckend. Erreicht wird diese Wirkung durch eine konsequente Verschalung aus Lärchenholz, durch einen augenfälligen Radiator und große Fensterbänder, die den Blick ins umgebende Bergpanorama öffnen. Das Figürlich-Radikale des Gangraums und das Konkrete, Bodenständige der Lärchenstube ergänzen einander in beeindruckender Weise. Valerio Olgiati ist es in diesem Bergdorf gelungen, avantgardistische Räume mit vertrauten Elementen zu verknüpfen.(…)

Free-Style Minimalism

Helena und Hrvoje Njiric im Gespräch mit/in conversation with Vera Grimmer

Vera Grimmer: Sie haben durch die Gegenüberstellung von Begriffen wie modern-neu; linear-nichtlinear, stereometrisch-flüssig ; Entscheidungen-Möglichkeiten, “Kunstwollen”-Musternehmen ein gewisses Programm aufgestellt. Ich glaube, dass bereits in der Aufzählung dieser Begriffe einige Prinzipien, nach denen Sie arbeiten, anklingen.

Hrvoje Njiric: Solche polemischen Noten kann man in unseren Arbeiten sicherlich verfolgen. Allgemein könnte man sagen, dass die Zeit der heroischen Geste, der Architektur als Kunst, die der Ausdruck einer Caprice oder einer momentanen Inspiration wäre, für uns vorbei ist.

Es geht uns vielmehr um Überlegungen, die die heutige Zeit einbeziehen, sowie auch um die Möglichkeiten, über die der Planer verfügt; der Computer gehört dabei zu den wichtigsten Instrumenten. Durch die Wahl der entsprechenden Datenbasis beziehungsweise deren Eingabe in den Computer sollte man eine verlässliche Ausgangslage definieren können, die dann eine neue Gestaltung, eine neue Ästhetik ermöglicht.(…)

Essay

Eine Stadt erneuert sich/ A City on the Mend

Von/by Irene Konschill
Glasgow 1999 – UK City of Architecture and Design

Glasgow arbeitet bereits seit mehr als einem Jahrzehnt daran, das Bild der postindustriellen Stadt, das durch hohe Arbeitslosigkeit und Kriminalität geprägt war, zu verändern. Ob das Jahresereignis UK City of Architecture and Design mit seinen drei Hauptprogrammen (Lighthouse, Homes for the Future und Millennium Spaces) sowie den zahlreichen kleineren Veranstaltungen diese Veränderungen vorantreiben kann, sei dahingestellt. Die Frage ist: Kann man das Image einer Stadt mit derartigen Events überhaupt dauerhaft verändern? Oder ist Erneuerung vielmehr ein “christo’scher” Vorgang – die Stadt erhält eine neue Verpackung, um neu erlebbar zu werden? Frisch Verpacktes erhält einen neuen Titel und steht in einem anderen Licht. Alte Klischees werden durch großangelegte Werbekampagnen gebrochen – die Stadt wird neu erlebbar.(…)

Österreich

Konrad Frey und Helmut Dominikus: Die Durchgängigkeit der Landschaft/The Permeability of the Landscape

Von/by Gabriele Kaiser
Kindergarten in Hart bei Graz, Steiermark

Konrad Frey und Helmut Dominikus ist mit ihrem Projekt jener seltene Kunstgriff geglückt, Freiräume zu schaffen, anstatt sie zu verbauen: Die Topologie des Grundstücks haben sie in fast mimetischer Weise zur räumlichen Prämisse des Kindergartens erhoben. Im Gegensatz zu den umgebenden, wahllos aus der Gegend herauswachsenden Einfamilienhäusern der Gemeinde wurde ein Baukörper entwickelt, der sich wie eine Gussform in den Hang integriert. Der Kindergarten verschwindet zu großen Teilen unter einer “bespielbaren” Dachwiese, nur die sanft eingewölbten Glasfassaden der Gruppenräume öffnen sich nach Süden zu den vorgelagerten Terrassen. Schon beim Anblick von außen, und, wenn man sich dann durch die Räume des Kindergartens bewegt, wird deutlich, dass es den Architekten in diesem Projekt um größtmögliche atmosphärische Vielfalt im Einklang mit der Landschaft ging, um ein Spiel mit “sowohl-als-auch”, um die Offenheit der Bewegungsflüsse im, durch und rund um das Gebäude. Die Planer verstoßen mit dieser Haltung zwar gegen gewisse ästhetische Reinheitsgebote in der Architektur, haben sich aber mit Intensität in den Dienst der Nutzer gestellt, ohne einer überzogenen Vorstellung von Kindlichkeit zu erliegen. Bemerkenswert ist diese Haltung u.a. insofern, als das Projekt in einem beinahe prototypischen Korsett von Zwängen und Widersprüchen entstand, wie Frey im Interview ausführt.(…)

Gasparin & Meier: Bauen in der Natur und für die Natur/Building in Nature and for Nature

Von/by Vera Grimmer
Badehaus E., Lind im Drautal und Betriebsbauten des Botanischen Garten des Landes Kärnten in Klagenfurt

Zwei Objekte – ein Badehaus, hoch gelegen im Drautal und einen Betriebsbau für den Klagenfurter Botanischen Garten haben die Villacher Architekten Sonja Gasparin und Beny Meier mit großer Rücksicht auf die unmittelbare Umgebung – die gebirgige Landschaft oder einen Steinbruch am Rande der Stadt – geplant. Durch Anfügen eines hölzernen Badehauses verwandelten sie das düstere bäuerliche Steinhaus in ein heiteres Landhaus. Die Gestaltung des mit Lärchenholz bekleideten Badehauses orientiert sich an den dörflichen Wirtschaftsbauten. Für den Botanischen Garten des Landes Kärnten, der sich im aufgelassenen Kreuzbergl-Steinbruch in Klagenfurt befindet, haben die Architekten ein bescheiden dimensioniertes, aber gestalterisch reichhaltiges Ensemble realisiert. Das Ensemble wird durch seinen Kopfbau, einen holzverkleideten Archivturm, von der Stadtseite sichtbar gemacht. Die beiden Objekte, eines in der Natur, das andere für die Natur, stellen sensible Antworten auf ungewöhnliche Bauaufgaben dar.(…)

Helmut Wimmer: Die Schule als Stadtraum/The School as Urban Space

Von/by Leopold Dungl
Volksschule in Wien-Donaustadt, Österreich

Im Ortskern von Breitenlee, knapp an der Grenze zum Stadterweiterungsbereich “Marchegger Ast” ist die Erinnerung an das Dorf, das hier vor langer Zeit entstanden ist, noch ziemlich frisch: Die Häuserfront beidseits des Angers bleibt dicht geschlossen, kein Gebäude am Platz macht der Kirche ernsthaft Konkurrenz. Doch so wie an dieser Stelle bleibt es nicht. Rasch verblasst dieses Bild zum Ortsrand hin, wo freistehende Häuser ihre zentrifugalen Kräfte entfalten. Von da ist es dann nicht mehr weit, bis der letzte Rest von Stadt sich im Umland verliert. Eine Standardsituation, wie man sie nicht nur an der Peripherie Wiens, sondern in praktisch jeder Gegend des Landes findet. Helmut Wimmer war beim Entwurf für dieses Schulhaus also nicht nur mit den konkreten Bedingungen eines unverwechselbaren Ortes konfrontiert, sondern auch mit einer Frage, die so alt ist, wie die Baukunst selbst: Was ist es, das eine Siedlung in ihrem Inneren zusammenhält?(…)

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