architektur.aktuell 05/2001

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commercial arts

Massimiliano Fuksas: Bürohochhäuser und Entertainmentcenter “Twin Tower” in Wien|Twin Tower, High-Rise Office Blocks and Entertainment Centre in Vienna, Austria

Von|by Matthias Boeckl
Literarischer Rationalismus

Die Südkante Wiens ist nicht nur stadträumlich und landschaftlich eine Schlüsselzone der Stadt. An beiden Hängen des Wienerbergs, dessen in Ost-West-Richtung verlaufender Rücken diese Kante bildet, haben sich in den vergangenen eineinhalb Jahrhunderten wesentliche Funktionen ihrer modernen Geschichte angesiedelt. Am Südhang lagen die Ziegelgruben, aus denen der Baustoff der Ringstrasse und ihrer Gründerzeitbauten gewonnen wurde. Mit den Arbeitern dieser Ziegelbrennereien gründete Viktor Adler 1888 die Sozialdemokratische Partei. Am Nordhang des Wienerbergs, im Arbeiterbezirk Favoriten, baute die Stadt unter sozialdemokratischer Führung 1919-1933 eine Vielzahl ihrer besten sozialen Geschoßwohnungsbauten. Und am Rücken des Berges, wo auch das gotische, vom durchreisenden Karl Friedrich Schinkel gezeichnete Wegzeichen der “Spinnerin am Kreuz” steht, errichtete man einen markanten Wasserturm. In den 1920er Jahren entstanden unmittelbar daneben Franz Schusters Gartensiedlung und die Wohnanlage George-Washington-Hof. Die optimistischen Wiederaufbau-Symbole eines Autohauses in den 1950er- und eines Büroturms in den 1960er Jahren werteten das prominente, vom Süden her weithin sichtbare Stadtportal Wiens zusätzlich auf. Mit Massimiliano Fuksas’ Twin Tower setzt die Stadt nun zum letzten Sprung des Baus einer Vorzeige-Skyline an der Südkante an: Der Masterplan des Römers soll diese aufgeladene Zone selbstbewusst formulieren.


Ricardo Bofill: Bürohäuser Palac und Corso in Prag, Tschechische Republik|Palac and Corso Karlin Office Blocks in Prague, Czech Republic

Von|by Veronika Maurer
Prager Stadtsanierung

In Prag wird mittlerweile nicht nur die Renovierung der historischen Substanz mit großem Elan betrieben, auch umfassende Revitalisierungsprojekte, welche in die vorhandenen städtebaulichen Strukturen behutsam eingreifen, können sich zusehends etablieren. Ausländische Architekten scheinen sich in Prag wohlzufühlen und werden mit prestigeträchtigen Projekten betraut. Aber ohne einen Paradigmenwechsel auch bei den Investoren wäre dies nicht denkbar. Der katalanische Architekt Ricardo Bofill erhielt den Auftrag, den Masterplan eines ganzen Viertels zu erstellen, in diesen Maßstäben ein Pilotprojekt für die Stadt an der Moldau. Erste Ergebnisse sind zu sehen, zwei von 18 Objekten sind fertiggestellt: Die Bürohäuser Palác und Corso sind ein vitales Zeichen für das vom Verfall bedrohte Viertel Karlín. Hier eine erste Besichtigung.


Carsten Roth: Logistikzentrum in Röbel/Müritz, Deutschland|Logistics Centre in Röbel/Müritz, Germany

Von|by Klaus-Dieter Weiß
Choreographie der Produktion

Wenn Carsten Roth zwischen den 650 Seen der mecklenburgischen Seenplatte in einer Stadt von 7.000 Einwohnern, irgendwo zwischen Wald, Wasser und Wiesen ein Warenlager baut, dann trauert er nicht den Aufgaben in Metropolen nach, sondern versenkt sich in das Gegebene, als gäbe es nichts anderes. Selbst wenn jeder Produktionsprozess mit Siegfried Kracauer “öffentlich im Verborgenen” abläuft, geht es immerhin um einen Arbeitsort, der Leben und Alltagserfahrung von etwa fünfhundert Menschen bestimmt. In diesem Fall nicht nur tagsüber, sondern in Schichten rund um die Uhr. Die boomende Firma Optimal Media Production, die Datenträger fertigt und vertreibt – CDs, LPs und DVDs voller Musik, Bilder und Software -, führt die sprichwörtliche Verspätung der mecklenburgischen Seele, die sich nie von den Errungenschaften der Moderne überrollen ließ, ad absurdum. Der Bauherr aus dem Westen weiß, dass es nicht nur darauf ankommt, was man tut, sondern auch, wie man es tut. Denn entscheidend ist nicht nur neueste Technologie, sondern auch die gute Stimmung der Mitarbeiter. Mit anderen Worten: Architektur.


Essay

Die gute und die böse Stadt|Good City, Bad City

Von|by Johannes Fiedler
Curitiba oder Alphaville, zwei unvergleichbare Städte im Süden Brasiliens

Die Stadt Curitiba ist die Welthauptstadt des politisch korrekten Urbanismus. Sie nennt sich selbst: “A Capital Social”. Von unzähligen Umweltpreisen bedacht, von Enthusiasten bereist, vielfach kopiert, nie erreicht. Was ist das Besondere an dieser peripheren Stadt eines peripheren Landes? 1,5 Millionen Einwohner, Agrar- und Autoindustrie, eine Insel unnatürlichen Wohlstands in Brasilien, das einer Mehrheit der Bevölkerung nicht einmal ein Einkommen in der Höhe eines Mindestlohns (USD 75,- pro Monat) bieten kann. Curitiba versucht nicht mehr und nicht weniger zu erreichen, als die vielbeschworene “integrierte Stadtentwicklung” auf einem “angepassten” technologischen Niveau. Es handelt sich um die Verknüpfung vielfältiger Programme und Planungen, die weit über den Bereich physischer Maßnahmen hinausgehen und immer die Funktion des Gesamten, die Aktivitäten der Menschen und deren Zugang zu den Vorteilen der Agglomeration im Auge haben. Eine Aufstellung der seit 1966 verwirklichten und bis heute funktionierenden urbanen Programme liest sich wie ein Lehrbuch der nachhaltigen Stadtentwicklung: Verdichtung an radialen Achsen die mit öffentlichen Hochleistungsverkehrsmitteln ausgestattet sind. Ein Bussystem, das so effizient ist wie eine U-Bahn. Zwischen den Hochhausachsen ausgedehnte, öffentliche Grünflächen, die nach den Aspekten der Hochwasserregulierung ausgelegt sind. Mülltrennung und damit verbundene Beschäftigungsprogramme, verpflichtende Umwelterziehung, sozialer Wohnbau für die Bedürftigsten, Dezentralisierung der Stadtverwaltung… Diese Aufzählung ist natürlich ganz unvollständig. Es ist alles da, was gut ist für den physischen und sozialen Zusammenhalt der Stadt. Vieles ist angewandte Sozialromantik, aber es funktioniert. Nicht nur die Bewohner haben den Wert dieser Stadtidee verstanden, auch die ausländischen Investoren (Bosch, Audi, Chrysler) schätzen den Standort sehr. Der Initiator dieser Erfolgsstory, der Architekt und zeitweilige Bürgermeister Jaime Lerner, ist nun Gouverneur des Bundesstaates Paraná, und arbeitet daran, seine Konzepte auf die gesamte Regionalentwicklung umzulegen. Soweit zur “guten” Stadt Curitiba.Die “böse” Stadt ist unter dem Namen Alphaville bekannt und liegt am westlichen Rand von São Paulo, der verrufenen Megacity. Und warum ist Alphaville so böse? Alphaville ist als privatwirtschaftliches Immobilienprojekt entstanden und hat mit Begriffen wie “Öffentlichkeit” oder “Nachhaltigkeit” nichts im Sinn. Diese “Edge City” besteht derzeit aus 24 Gated Communities mit rund 50.000 Einwohnern, aus einem Hochhausbezirk, Shopping Malls, privaten Schulen, zwei Universitäten und zahlreichen Betrieben des Dienstleistungs- und Informationssektors. Täglich pendeln rund 100.000 Menschen nach Alphaville zur Arbeit. Als in den 1960er Jahren ein Stück Autobahn von São Paulo nach Westen gebaut wurde, erkannten die Developer Takaoka und Albuquerque das urbanistische Potential dieser von urwaldartigen Matten überzogenen Hügellandschaft.


propeller z/awg/pool/the unit: Flagship Stores in Wien, Vösendorf und Graz|Flagship Stores in Vienna, Vösendorf and Graz, Austria

Von|by Andrea Nussbaum
Architecture Sells

Die Architektur, so scheint es, hat in den letzten Jahren mit dem Näherrücken und schließlich Überschreiten der Jahrtausendmarke ihre letzte große Hemmschwelle überwunden: die Kooperation mit der Konsumwelt. Vorreiter im Ausverkauf der Architekturethik war und ist die markenfetischistische Modewelt, die – wie noch nie zuvor – mit ehrgeizigen wie finanzstarken Allianzen die Spitzenreiter der zeitgenössischen Architektur geschickt an sich bindet, allen voran das Mailänder Modelabel Prada. Bleibt die Frage, ob wir in zehn Jahren noch die Titan-Hülle des Guggenheim in Bilbao bewundern oder nicht lieber gleich zu den neuen Prada-Stores von Rem Koolhaas und Herzog & de Meuron pilgern werden, um nebenbei ein wenig einzukaufen. In jedem Fall bescheidener präsentieren sich die aktuellen Versuche, eine Corporate DesignArchitektur in Österreich zu etablieren. Umso erfreulicher, dass man hierbei auf die Choreographie der jungen österreichischen Architekturgeneration setzt, die sich dem Diktat des Konsums nur allzu gerne beugt, um ihr Talent in der Konzeption der neuen Flagship Stores von Mode bis Telekommunikation zeigen zu dürfen.


Alessio Princic: Fassade der Union Brauerei in Ljubljana, Slowenien|The Union Brewery Facade in Ljubljana, Slovenia

Von|by Andrej Hrausky
Ein Kleid aus Licht

Wenn man von Norden aus Richtung Gorenjska nach Ljubljana kommt, wird man linkerhand von einer eleganten Glasfassade begrüßt, noch bevor man das enge Stadtzentrum erreicht. Nachts leuchtet die Fassade in ständig wechselndem Farbenspiel. Auch wenn – wie es scheint – Glas und buntes Licht heute keine Attraktionen mehr sind, müssen wir uns Paul Scheerbart und seine Vision von vor nahezu hundert Jahren in Erinnerung rufen: “Um unsere Kultur auf einen höheren Stand zu bringen… müssen wir die Architektur verändern. Um das zu erreichen, müssen wir Glas in die Architektur bringen.” Auch heute haben die Träume von Bruno Taut und Vasily Luckhardt mit Lichtkathedralen und Glasarchitektur ihre magische Kraft nicht verloren. Wie sonst könnten wir uns das Kunstmuseum Bregenz (1990-97) von Peter Zumthor oder den Glaspavillon in Shizuoka/Japan von Kengo Kuma (1995) erklären? Die Vorstellung eines Gebäudes als leuchtender Kristall hat bisher weder ihre ausgereifte poetische Form erreicht noch ihre letztendliche Verwirklichung erfahren.


Spacelab/Marc Spinner: Umbau einer Villa in Frankfurt an der Oder, Deutschland|Conversion of a Villa in Frankfurt an der Oder, Germany

Von|by Claus Käpplinger
Schnitt durchs Haus

Mehr als eine Generation deutscher Architekten lernte, dass das Bauen im Bestand stets den Strukturen des Vorgefundenen folgen müsse. Einfügen und unterordnen sind noch heute die dominanten Strategien, wenn es darum geht, ein altes Gebäude zu erneuern und zu erweitern. Eine Haltung, die nur aufgrund der großen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und der folgenden Wiederaufbaujahrzehnte nachvollziehbar ist. Ganz allmählich wurde jedoch das Überlieferte für sakrosankt erklärt, sein Wert nicht an seinen konkreten Qualitäten, sondern nur an seinem Alter gemessen. Nur vor diesem Hintergrund erklärt sich, weshalb die deutsche Architekturzeitschrift “Bauwelt” den Umbau einer Villa in Frankfurt/Oder auf ihrer letzten Seite präsentierte, dort, wo stets mit scharfer Zunge und viel Biss auf die vermeintlichen Auswüchse des Bauens reagiert wird. So frech, radikal und plakativ erschien den Redakteuren der Umbau des Altbestandes, dass sie in ihm nur den PR-Gag einer Werbeagentur erkennen wollten, für die das junge Berliner Architekturbüro Spacelab zu einer in der Tat gewagten Erweiterung gegriffen hatten.


Günther Domenig/Raimund Beckmann: Kunstakademie in Münster, Deutschland|Kunstakademie in Münster, Germany

Von|by Klaus-Dieter Weiß
Kreative Symmetrie

Auf einem vor hundert Jahren entstandenen Kasernengelände eines preußischen Kürrassierregiments die Kunstakademie Münster und die Architekturabteilung der Fachhochschule anzusiedeln, mag die Sorge vor zuviel räumlichem Drill und historischer Disziplin heraufbeschwören. Der Kasernenhof lebt heute jedoch gerade davon, dass sich die Umnutzungen und Ergänzungen in ihrer Leichtigkeit und Andersartigkeit an der Strenge der symmetrischen Anlage reiben und die Gegenwart sich im architektonischen Wechselspiel der Jahrhunderte viel besser artikulieren kann als ohne Widerpart. Günther Domenig nutzte den Spielraum des denkmalgeschützten Bestands zu einer gegenläufigen Entwicklung – architektonisch wie städtebaulich. Sein Entwurf greift die Idee der Symmetrie zwar auf, gibt ihr aber im Hinblick auf die künftige Entwicklungsachse des Kultur-Campus mit Kunstakademie, Fachhochschule und Universität eine neue, um 90 Grad gedrehte Richtung. Diese Akzentuierung des dominanten Grundthemas war neben der von Domenig stets erwarteten dynamischen Plastizität die große Stärke eines Entwurfs, der im Hinblick auf den vorhandenen Etat jedoch erst nach weiteren Überarbeitungen realisiert werden konnte.


Bernhard Hafner: Werkstättengebäude des Berufsschulzentrums in Graz, Steiermark|Workshop Building of the Vocational College Centre in Graz, Austria

Von|by Nikolaus Hellmayr
Demonstrative Konstruktion

Wie andere Bauten Bernhard Hafners – zum Beispiel das Betriebsgebäude der Grazer Malervereinigung oder in exemplarischer Weise die Laborhalle der Montanuniversität Leoben – ist auch das Werkstättengebäude des Berufsschulzentrums in Graz ein Demonstrativbauwerk. Allein die Form der Rotunde, ungewöhnlich für ein Betriebsgebäude, weist auf den Anspruch hin, den Hafner hier zur Geltung bringt; er führt die Lehrwerkstätte zugleich als Lehrbeispiel für die Arbeit des Architekten in der Auseinandersetzung mit Form, Licht, Geometrie und Material vor. In der räumlichen Durchdringung von Kegel und Zylinder wie auch in deren konstruktiver Umsetzung wird deutlich, wie die funktionellen Prämissen des Werkstättenbetriebs in ein stringentes räumliches Konzept transformiert werden können, ohne die Funktionen selbst dominieren zu lassen. Nicht nur die Arbeit in diesen Werkstätten, auch deren pures Erleben ist ein besonderes ästhetisches und intellektuelles Vergnügen.


Small&Smart
Burr & McCallum: Wohnhaus und Atelier in Williamstown, Massachusetts, USA|Modular House in Williamstown, Massachusetts, USA

Von|by William Morgan

Das Haus in der kleinen Universitätsstadt Williamstown gesellt sich zu einer ganzen Reihe bemerkenswerter Bauten von bekannten Architekten wie Charles Moore, Marcel Breuer oder Maya Lin. Die Bauherren, eine Künstlerin und ein Kunsthistoriker, wollten einen nicht minder guten Entwurf, aber zu einem moderaten Preis. Die in Yale ausgebildeten Architekten, Andy Burr und Ann McCallum, verstehen es mit dem regionalen Stil umzugehen und sind bekannt für ihre zurückhaltende, in der Tradition verankerte und umweltsensible Arbeit. Obwohl 25 Prozent aller neuen Häuser in den USA aus Fertigteilen bestehen, ist dies das erste fabriksmäßig vorfabrizierte Haus des Büros. Wahrscheinlich aufgrund der für die amerikanische Unterschicht typischen Trailer-Wohnwägen, werden Fertigteilhäuser von US-Architekten gern ignoriert. Doch dieses Haus zeigt, wie kostengünstige, industrielle Techniken erfolgreich mit ästhetischen Ansprüchen verschmelzen können. Anstelle der üblichen Horizontal-Konfiguration sind die Einheiten des ca. 125m2 großen Wohnhauses und des angeschlossenen Ateliers (ca. 65 m2) vertikal geschichtet. Die Teile bestehen aus Wellblech, aber die Kanten, die Giebeldächer und die Vertikalität entfalten eher den Eindruck eines “American Gothic”-Farmhouse. Die Holzbrücke, die das Wohnhaus mit dem Atelier verbindet, erinnert an die Fabrikstege der nahen Mühlen. Die Rohre und Metallhalterungen sind ein bezeichnendes Beispiel der preisgünstigen Materialien. Nichts an dem Haus, weder das asphaltierte Dach noch der unbehandelte Beton-Sockel und die Fenster versuchen ihren industriellen Ursprung zu leugnen. Die subtile Platzierung der beiden Einheiten, die ländlich gelb gestrichenen Türen, die in Kontrast zu den grauen Fassaden stehen, und die eleganten Proportionen zeigen, dass große Architektur sich nicht durch hohe Baukosten definiert.

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