architektur.aktuell 06/2001

architektur.aktuell 06/2001

MuseumsQuartier Wien

Das MuseumsQuartier – Außergewöhnliche Dimensionen|The MuseumsQuartier – Extraordinary Dimensions

Von|by Wolfgang Waldner

Das MuseumsQuartier Wien ist in jeder Hinsicht ein Raum mit außergewöhnlichen Dimensionen. Zwischen der Errichtung der kaiserlichen Hofstallungen und der Eröffnung des weltweit achtgrößten Kulturareals liegen nahezu 300 Jahre. Das MuseumsQuartier Wien ist nicht nur das größte Kulturvorhaben in der Geschichte der österreichischen Republik, sondern wohl auch eines der meistdiskutierten. Über Jahrzehnte wurde das 60.000 m2 große Kulturareal mitten im Zentrum der Stadt diskutiert, modifiziert und geplant. Ein alles überragender Leseturm im MuseumsQuartier wurde nach langen Debatten nicht verwirklicht. Auch wenn dieses architektonische Symbol heute fehlt, ist das MuseumsQuartier eine alles überragende Kulturlandschaft geblieben. 


Die barocken Hofstallungen Fischers von Erlach|Fischer von Erlach’s Baroque Stables Building

Von|by Hellmut Lorenz

Der ab 1719 errichtete Bau der Hofstallungen steht am Beginn der barocken Neugestaltung der Hofburg durch Kaiser Karl VI. und Johann Bernhard Fischer von Erlach. Der erste Neubau im Residenzareal seit mehr als einem halben Jahrhundert ist zugleich auch das einzige Bauwerk, aus dem ersichtlich wird, dass die Planungen der Hofburg im Sinne einer modern-barocken Urbanistik über den vom Hofkriegsrat streng überwachten Befestigungsgürtel Wiens hinausgegriffen haben. Erste Ideen dazu dürften bereits während der kurzen Regierungszeit Josephs I. (1705-1711) entwickelt worden sein. Nach einem kurzen und leider nur wenig anschaulichen Hinweis in einer posthum erschienenen Lebensbeschreibung des Kaisers war beabsichtigt, eine “neue kayserliche Residentz … an die Stadt anzuhängen”. Damit wird immerhin klar, dass hier bereits (wohl ebenfalls von Fischer von Erlach) eine Ausweitung der Residenz über die Befestigungen hinaus geplant war – andernorts in diesen Jahren bereits eine urbanistische Selbstverständlichkeit, in Wien hingegen ein erstaunliches Novum.


Stadterweiterung und Kaiserforum, 1809 bis 1945|Urban Extension and the Imperial Forum, 1809-1945

Von|by Margaret A. Gottfried

“Der Krieg ist der Vater aller Dinge” – dieser Satz von Heraklit (um 500 v.Chr.) gilt auch für die Baugeschichte der Wiener Ringstraße. Nachdem seit Anfang des 18. Jahrhunderts immer wieder Versuche unternommen worden waren, der Hofburg mit ihrem Vorfeld eine repräsentative Form zu geben und dies u.a. am Widerstand des Militärs gescheitert war, fiel 1809 der eigentliche Startschuss für das “Unternehmen Ringstraße”: Beim Abzug seiner Truppen ließ Napoléon die Festungswerke vor der Burg sprengen, was zu einer Vergrößerung des Äußeren Burgplatzes führte. Aus dieser gewaltsamen Änderung der baulichen Gegebenheiten ergaben sich neue Denkansätze für das Gelände vor der Burg und die Stadterweiterung.


Zufallsergebnis oder geplante Vielfalt? Das Konzept des MuseumsQuartiers|A Product of Chance or Planned Diversity? The Concept of the MuseumsQuartier

Von|by Dieter Bogner

Zeitgenössische Kunst und Architektur, experimentelles Theater und Tanz, Kunsttheorie und Kunstinformation, experimentelle Medienpraxis und alternative Kulturarbeit, Kinder- und Jugendkultur, Freiräume für Innovation und Entwicklungsarbeit, Restaurants, Buchhandlungen und Cafés prägen das kulturelle Angebot des MuseumsQuartiers. Steckt hinter dieser schwer zu überschauenden Fülle ein ausgeklügeltes Konzept, zielorientierte Planung oder handelt es sich um das chaotische Ergebnis eines Zufallsprozesses? Aus der Sicht des bis 1994 für die Entwicklung des Konzepts verantwortlichen Leiters der MuseumsQuartier Errichtungs- und Betriebsgesellschaft ist die Antwort eindeutig: Eine 1989 entwickelte Vision hat sich durchgesetzt und ist schrittweise Wirklichkeit geworden. Gegen vielfältige Widerstände, den Druck rückwärtsgewandter Interessen und durch Überstehen mannigfacher politischer Wechselbäder entstand im historischen Herzen Wiens, im Areal der ehemaligen kaiserlichen Stallungen ein für prozesshafte Veränderungen offenes, multidisziplinär angelegtes Zentrum zeitgenössischer Kunst und Kultur.


Vom Bild zum Netzwerk – Städtebauliche Aspekte des Wiener MuseumsQuartiers|From Image to Network – Urban Design Aspects of Vienna’s MuseumsQuartier

Von|by Erich Raith

Die unmittelbar erlebbaren baulichen und stadträumlichen Situationen sind ein zentraler Aspekt des Wiener MuseumsQuartiers. Einem Pressetext war folgende Beschreibung zu entnehmen: “Das MuseumsQuartier versteht sich konzeptionell als Mosaik: Seine einzelnen Teile bleiben sichtbar und sind klar umgrenzt, zugleich bilden sie architektonisch wie inhaltlich für den Besucher ein Ganzes.” Noch stärker war das Bild, das die Architekten nach der Wettbewerbsentscheidung selbst zitiert haben, als sie das MuseumsQuartier als “Akropolis” bezeichneten. In städtebaulicher Hinsicht wurde damit ein morphologisches Modell angesprochen, das sich einerseits durch die klare Definition von eigenständigen baulichen Elementen und andererseits durch eine gleichwertig bedeutsame Organisation von Sinnbezügen zwischen diesen Elementen auszeichnet. Die Mosaiksteine definieren hier nicht nur ein ganzes Bild, sie entwickeln vielmehr ein vernetztes System, das auch über den zunächst ins Auge gefassten Bildrand hinaus greifen und zeitlich oder räumlich weiter weg stehende Elemente mit einbeziehen kann. Genau darin liegt die konzeptionelle Stärke des Modells und auch eine Chance, die Gesamtqualität dieses offenen Systems von der Qualität einzelner Elemente tendenziell unabhängiger zu machen. In der bisherigen Projektentwicklung hat sich die Robustheit dieses Konzeptes bereits darin bewiesen, dass es die Verkleinerungen der neuen Museen, oder sogar den Wegfall des “Leseturms” verkraftet hat, wenn auch mit Einbußen (zum Beispiel in Hinblick auf die Überzeugungskraft der städtebaulichen Gesamtkomposition).


Leopold Museum

Gegensätze und Ambivalenzen|Contrast and Ambivalence

Von|by Friedrich Achleitner
Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig

Mit der Pflasterung der Höfe des MuseumsQuartiers gewinnen langsam die einzelnen Baukörper an Kontur, vor allem wird der große Hof – der ehemalige Anspannplatz mit Reithalle – als der größte, geschlossene Platz Wiens in seinen vollen Dimensionen sichtbar. Mit dieser Korrektur der räumlichen Wirklichkeit durch sich selbst bekommen auch die beiden dominierenden Neubauten, das Leopold Museum und das Museum moderner Kunst ihre geplanten, also richtigen Verhältnisse im Ensemble. Man braucht nur mehr wenig Fantasie, um sich das eindrucksvolle Ergebnis vorzustellen. Das Leopold Museum bietet hier mit der weltberühmten Egon Schiele-Sammlung den Publikumsmagneten.


Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig
Produktive Kollisionen|Productive Collisions

Von|by Matthias Boeckl
Umbau der historischen Trakte|The Conversion of the Historic Tract

Was war, was ist und was wird in Zukunft ein Museum moderner Kunst, die Kunst insgesamt sein? Die Frage nach Identität und Struktur eines der wichtigsten kulturellen Bausymbole der Informationsgesellschaft – dem Sphärenscheider zwischen Banalität und quasi-sakralem Sonderstatus bestimmter Produkte – beantworten Ortner & Ortner mit ihrem Bild eines “intelligenten Speichers”. Diese Grundsatzentscheidung zugunsten einer warenartigen Interpretation des heutigen Status von Kunst ist vielleicht nur die Reproduktion einer gesellschaftlichen Realität. Jedenfalls bringt sie die Chance, durch das Stapeln und Rangieren potenziell “auratischer” Objekte dichte Konstellationen zu erreichen, die – so die Absicht – Energie ausstrahlen. Die Hoffnung der Architekten, nach den vielen Programmänderungen und Größenreduktionen des Unternehmens auf diese Weise metaphorisch und immateriell Aussagen über die Kunst zu treffen, fügt der mittlerweile über siebzigjährigen Geschichte der Museen moderner Kunst ein neues Bild hinzu.


Sanierungs-Politik|The Politics of Renovation

Andrea Nussbaum und Matthias Boeckl im Gespräch mit|in conversation with Manfred Wehdorn

Die Entscheidung der österreichischen Bundesregierung, den Siegern der Zweiten Stufe des MuseumsQuartier-Architekturwettbewerbs Ortner & Ortner den denkmalpflegerisch profilierten Architekten Manfred Wehdorn zur Seite zu stellen, war in Architektenkreisen umstritten. Die Befürchtung, dass damit die Neubauten des MuseumsQuartiers gleichsam “historisiert” würden, erwies sich jedoch als gegenstandslos. Ortner & Ortner reagierten auf ihre Weise auf die medial verstärkte Aufregung einer ängstlichen Minderheit aufgeschreckter Bürger – und Manfred Wehdorn schuf mit seiner Auffassung denkmalpflegerisch vertretbarer Interventionen einen gut nutzbaren Rahmen. Diese Aufgabe erforderte ein geschicktes Handling der politischen Aspekte: Zwischen der Skylla des Szene-Vorwurfs blindwütiger Erhaltungsdogmatik einerseits und der Carybdis irrationaler Verschandelungsängste des konservativen Lagers andererseits sollte Wehdorn im Verein mit ebenfalls auf Ausgleich bedachten Politkern das Gesamtprojekt zu einem positiven Ende mitbegleiten. Dabei war zusätzlich noch eine Budgetknappheit zu bewältigen, die dennoch großzügige Neubauten und die solide Sanierung der Altbauten ermöglichen sollte – Wehdorn antwortete darauf mit einem geradezu minimalistischen Konzept, das alles von Büronutzungen über Restaurierungsateliers bis hin zu wechselnden Zeitgeist-Kulturinstitutionen beherbergen kann. Alle Eingriffe sind ables- und revidierbar. Wehdorn fungierte im Gesamtkonzept als politische Absicherung, seine aus der Sicht dogmatischer Denkmalpfleger recht weitgehenden Umnutzungsstrategien kommen aber dem Projekt zweifellos zugute. Matthias Boeckl und Andrea Nussbaum sprachen mit Manfred Wehdorn über Grundsätzliches.


Architektur Zentrum Wien – Erweiterung im Altbestand und Einbau eines Cafés von Lacaton & Vassal|Extension in the Existing Substance and the Insertion of a Cafeteria by Lacaton & Vassal

Orientalische Beziehungen|Oriental Relationships
Matthias Boeckl im Gespräch mit|in conversation with Anne Lacaton

Das Architektur Zentrum Wien ist eine besondere Institution am Ort. Nicht nur weil es durch die selbstgewählte Aufgabenstellung der Reflexion und Dokumentation von Architektur in einer besonderen Beziehung zu den gebauten Architekturereignissen zwischen Fischer von Erlach und Ortner & Ortner steht, sondern auch, weil es in diesem Komplex zu einem wichtigen Verknüpfer mit der internationalen Debatte werden kann. Immerhin zählt es personell und flächenmäßig zu den größten einschlägigen Institutionen Europas. In den neuen, erweiterten Räumen ist sowohl ein Vollausbau zu einem Architekturmuseum möglich (entsprechende Sammlungsbestände akkumulieren sich zusehends) als auch die Weiterführung der bisherigen Strategie einer Plattform zur Untersuchung zeitgenössischer Bauphänomene.


Kunst- & Veranstaltungshalle|Art and Event Hall
Hallen-Kunst in Zwischenlagen|The Art of the Hall In-Between

Von|by Matthias Boeckl

Eines der Ergebnisse der im Laufe der Planungsgeschichte geänderten Vorgaben an den Entwurf des MuseumsQuartiers ist die Erhaltung der ehemaligen Winterreithalle der Hofstallungen und ihre Nutzung als Veranstaltungshalle. Ursprünglich als zentrales Foyer für alle Einrichtungen des Quartiers vorgesehen, dient sie nun den Theaterproduktionen der Wiener Festwochen. Die Kunsthalle der Stadt Wien wurde parallel hinter die alte Reithalle in einen räumlich engen Bezirk der Gesamtanlage gestellt und mittels eines seitig liegenden, gemeinsamen Foyers dieser beiden stadteigenen Institutionen erschlossen. Besonders bei der Adaptierung der alten Reithalle für neue Theaterzwecke musste die Partnerschaft der Architekten Ortner & Ortner und Manfred Wehdorn gangbare Wege der Umnutzung einer gleichwohl noch ablesbaren früheren Funktion finden.


Kindermuseum, Buchhandlung & andere Einrichtungen|Children’s Museum, Bookshop and other Facilities
Baustelle MuseumsQuartier|Building Site MuseumsQuartier

Von|by Gabriele Kaiser & Andrea Nussbaum

Ja, hinter der barocken Fassade verbirgt sich etwas. Zur Eröffnung der Neubauten des MuseumsQuartiers im Sommer 2001 existiert vieles davon zwar nur auf Papier, digitalen Speichermedien und in den Köpfen der Architekten bzw. Betreiber, aber gerade dieser Mix der unterschiedlichsten kulturellen “Implantate” – das hat bereits die jahrzehntelange Vorgeschichte am Areal gezeigt – wird die Anziehungskraft des neuen MQ’s akzentuieren, liegen doch die Stärken des Wiener Kulturkomplexes im Vergleich zu anderen großen Kulturinstitutionen wie der Tate Modern in London oder dem Louvre in Paris gerade in den heterogenen Zwischenräumen. Als Plattform verschiedenartiger Ansätze, Positionen und Ziele nisteten sich viele der “kleinen” Einrichtungen von Beginn an in der “Kulturbaustelle” MQ ein: das Kindermuseum ZOOM gehört ebenso dazu wie das Architektur Zentrum Wien, das Depot, die basis wien oder die Public Netbase. Während den letztgenannten bislang noch keine neuen Räume im Fischer-von-Erlach-Trakt zugewiesen wurden, wird sich etwa das Kindermuseum mit Herbst 2001 im neuen und erweiterten baulichen Rahmen präsentieren. Anderen “Kleinen” ist – entgegen der bewährten Tradition der Direktauftragsvergabe am Gelände (wie für die Cafeteria des AZW, dem Depot) – im Rahmen von “Kunst auf der Baustelle” ein Gestaltungswettbewerb vorangegangen. Der architektonische Auftritt der zukünftigen Kulturbuchhandlung in einer Ovalhalle im Fischer von Erlach-Trakt, die Neugestaltung des Glacis-Beisls, die Vorschläge für die Ausstattung der Künstlerateliers oder die räumliche Intervention einer temporären Aussichtsplattform wurden jeweils im Wettbewerbsverfahren mit drei Geladenen ermittelt. Und so bleibt zu hoffen, dass die sich verdichtenden “Implantate”, ergänzt durch die Struktur des künftigen “Quartier21″, als Fundament für wechselnde zeitgenössische Kunst dafür sorgen werden, dass das MQ auch nach seiner offiziellen Eröffnung in seiner Programmatik weiterhin – als Voraussetzung für kulturelle Vielfalt – als Ort des permanenten Umbaus verstanden werden kann. 

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