architektur.aktuell 09/1999

architektur.aktuell 09/1999

architektur.aktuell

Herzog & de Meuron: Rheinisch-schweizerische Kunstkontemplation/Rhineland Swiss Contemplation of Art

Von/by Matthias Boeckl
Kunstsammlung Grothe in der Küppersmühle in Duisburg, Deutschland

Im Gegensatz zu den achtziger Jahren, als vor allem in Deutschland eine ganze Reihe neuer Museen und Ausstellungshäuser von Architekten verschiedenster “Konfession” und Nationalität entstanden, scheint diese Bauaufgabe heute fest in Schweizer Hand: Die zur Zeit interessantesten Lösungen entstammen durchwegs dem fruchtbaren Boden der dort gepflegten strengen Form, sei es das Kirchner-Museum in Davos von Gigon/Guyer, das Bregenzer Kunsthaus von Peter Zumthor oder die Stiftung La Congiunta in Giornico/Tessin von Peter Märkli. Allen voran konnten jedoch Jacques Herzog und Pierre de Meuron in diesem Zusammenhang das Kunstpublikum von München bis New York mit ihren purifizierten Präsentationskonzepten überzeugen. Dass ihre räumlichen Lösungen jeweils im höchsten Maße mit der zu “fassenden” Kunst korrespondieren, zeigt auch die in einer riesigen alten Backsteinmühle eingerichtete Sammlung Grothe im IBA-Planungsgebiet des Duisburger Innenhafens. Drei Ebenen von sechs Meter hohen, weißen Sälen sind die ideale Heimstätte für die großformatige neudeutsche Malerei eines Baselitz, Lüpertz oder Immendorf.(…)

Neutelings Riedijk Architecten: Widerspenstig wie Rubiks Würfel/Rubik’s Recalcitrance

Von/by Hans van Dijk
Wohnbebauung “Hollainhof” in Gent, Belgien

Willem Jan Neutelings und Michiel Riedijk pflegen mit ihrer kreativen Energie bemerkenswert ökonomisch umzugehen und schaffen sich damit innerhalb der strengen Grenzen der zeitgenössischen architektonischen Praxis neue Freiräume. Der kürzlich fertiggestellte Wohnbaukomplex Alphonse Hollainhof in Gent, Belgien, ist dafür ein Beispiel, beweist aber gleichzeitig, dass äußere Zwänge oftmals zu stark sind und nicht immer überwunden werden können, nicht einmal mit den klügsten Entwurfsstrategien.(…)

Essay

Boden/The Ground

Von/by Franz E. Kneissl/IGIRIEN

(…) Ein neuer Besitzer eines Stückes Boden beginnt, ihn nach seinen Bildern im Kopf zu gestalten. Er blättert in den Zeitschriften für Boden Innen und Außen und sucht nach Bildern, die denen im Kopf entsprechen. Dann wird aus dem Boden ein Teppichboden, ein Keramikboden und ein Verbundsteinterrassenboden. Daneben wird es ein Parkettboden, ein schwarzer Gumminoppenboden und ein Kiesboden mit kleinen in Ton eingefassten Bodenstücken, aus denen Pflanzen ragen, die im Winter in die Wohnung getragen werden müssen. Spezialisten besorgen sich aus den Katalogen Stücke arabischen oder afrikanischen Boden und wieder andere wollen ihn aus Ziegenhaaren gewebt. Jeder hat seinen individuellen Boden, gleichzeitig aber auch wieder nicht, denn die Individualität basiert auf der kleinteiligen Verteilung. Tatsächlich wurden soundsoviele Quadratmeter von einem Teppichboden erzeugt, mit dem man die Fläche eines ganzen Landes belegen könnte. Er wird jedoch in kleine und kleinste Stücke zerschnitten und an den unterschiedlichsten Orten, teilweise vielleicht nicht weit voneinander entfernt, ausgelegt. Dasselbe geschieht mit dem Plastikboden, dem Holzboden, dem Keramikboden. Es entsteht ein inhomogenes Fleckenmuster, das in seiner Ganzheit wieder homogen ist, da nur verwendet werden kann, was erhältlich ist und umgekehrt. Alle Wohnzimmerboden, Küchenboden, Terrassenboden oder Gartenboden sind aus den gleichen Bestandteilen zusammengesetzt.(…)

Österreich

Die Donau City, interessante Ambivalenzen des Wiener Wohnungsbaus/ Donau City, or the Intriguing Ambivalence of Viennese Housing Development

Von/by Bart Lootsma

Nach einer langen Phase relativer Isolierung hat Wien mit einem Mal die Chance erhalten, zu einem neuen Zentrum Mitteleuropas zu werden. Das hat natürlich mit den drastischen politischen Umwälzungen im ehemaligen Ostblock und dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union zu tun. Diese politischen und wirtschaftlichen Veränderungen haben große Folgen für eine Stadt, die sich über so lange Zeit melancholisch und selbstzufrieden in der Schönheit und Grandezza des 19. Jahrhunderts wiegte. Die ersten Anpassungen an das plötzliche Wachstum der Stadt fielen daher außerordentlich vorsichtig aus und wurden zum Großteil an die Peripherie gedrängt. Der Stadtentwicklungsplan von 1984 sah zwar eine signifikante Erhöhung des Wohnungsbestands vor, doch das Wachstum der Stadt äußerte sich hauptsächlich in Siedlungen und vorsichtigen Formen der Stadterneuerung. Damit wurden im Prinzip die Ansätze von Roland Rainer aus den sechziger Jahren wiederbelebt, die auf der Meinung beruhten, dass die Grenzen des konzentrischen Wachstums von Wien erreicht seien. Für große Entwicklungen in oder am Rand der Innenstadt schien Wien noch nicht reif: Projekte wie Wien Mitte, das Museumsquartier und die Pläne für die EXPO 95 waren noch vor wenigen Jahren auf massiven Wiederstand in der Bevölkerung gestoßen. Inzwischen scheint aber eine Umkehr stattgefunden zu haben, und viele dieser Projekte werden – mit Verspätung und teilweise in abgeschwächter Form – realisiert.(…)

Roland Gnaiger, Udo Mössler: “Verdichteter Villenbau” /A Condensed Villa Building

Von/by Friedrich Achleitner
Atriumhaus Rosenstraße in Dornbirn, Vorarlberg

Mitten in einem der nobelsten Quartiere Dornbirns haben Roland Gnaiger und Udo Mössler einen dreigeschoßigen Wohnbau in “Einfamilienhausqualität” errichtet, der sich mit den großbürgerlichen Villen der Umgebung in jeder Hinsicht messen kann. Der kompakte Baukörper ist als (in sich differenzierter) Solitär ausgebildet und an die bergseitige Grundgrenze des obstgartenähnlichen Grünraums gerückt – als eine zeitgemäße “Villa im Park”. Schachbrettartig vor die Fassade gesetzte Loggien, Balkone und ein glasgedeckter Atriumhof bieten den Bewohnern unterschiedliche Optionen der Öffnung oder Abgrenzung vom Außenraum an. Die Gunst der Lage, anspruchsvolle Bauherren und Nutzer, funktionale, ökonomische, topographische und “atmosphärische” Rahmenbedingungen – all diese Parameter bilden ein von unterschiedlichen Interessen geprägtes Kräftefeld, auf das die Architekten in ihrem Entwurf präzise reagiert haben. (…)

Ideenspuren/Tracing Ideas

15 Jahre Planungsgeschichte in der Donau City/A Fifteen Year Planning History in the Donau City

Von/by Robert Temel

1985 tauchten erstmals Ideen auf, einerseits im Wiener Donauraum eine Weltausstellung zu veranstalten und andererseits Teile des Geländes der Wiener Internationalen Gartenschau 64 zu bebauen – diese Zone zwischen UNO-City und neuer Reichsbrücke, beide erst wenige Jahre zuvor fertiggestellt, war nach 1945 als Schutt- und Mülldeponie verwendet worden. Eine Partnerschaft mit Budapest unter dem Titel “Brücken in die Zukunft” wurde abgeschlossen, das Pariser Weltausstellungsbüro gab den Zuschlag, und so konnte begonnen werden: In ersten städtebaulichen Gutachten von Hans Hollein/Coop Himmelb(l)au, Gustav Peichl, Hugo Potyka und Albert Wimmer wurden die Voraussetzungen für den Wettbewerb geklärt – z. B. formulierte Peichl hier die Idee, die Donauuferautobahn zu überplatten – und schließlich im “Leitprogramm für den donaunahen Entwicklungsraum” zusammengefasst.
1990 folgte der EXPO-Wettbewerb (…) doch dann kam die Volksbefragung 1991 und mit ihr das Ende der EXPO: Allein die Nachnutzung war übriggeblieben.(…)
In Folge entwickelte Hollein einen ersten Masterplan, in dem bereits die Position der Twin-Towers und des Andromeda-Towers sowie die Orientierung der Wohnbauten zu Donaupark und Donauufer fixiert waren, dann übernahm die neu gegründete Wiener Entwicklungsgesellschaft für den Donauraum (WED) das Projekt und beauftragte Wilhelm Holzbauer mit einem “integrierten Bebauungskonzept”, das Baumassenverteilung und Höhenentwicklung für den schließlich 1992 beschlossenen Flächenwidmungs- und Bebauungsplan festlegte.
Im gleichen Jahr entstand der bis heute gültige Masterplan von Adolf Krischanitz, der beim EXPO-Wettbewerb noch eine von Ludwig Hilberseimer inspirierte Megastruktur vorgeschlagen hatte, und Heinz Neumann, dessen Beitrag einen 300 m hohen Turm enthielt. (…)
Wenn man nun aus heutiger Sicht die Ziele des Krischanitz/Neumann-Masterplans mit dem derzeitigen Stand der Dinge vergleicht, so stellt man fest, dass die heutige Bebauung und Planung der Donau City wesentlich weniger kleinteilig ausgefallen ist, als das intendiert war. Der Masterplan sah eher gleichmäßig niedrige, gleichwertige Strukturen vor, während jetzt starke Höhendifferenzierungen ausgebildet werden. Und die geplanten freien Erdgeschosszonen, die nur Läden und Lobbies enthalten sollten, wurden bis auf den Delugan-Meissl-Balken den Anforderungen der Verwertung geopfert.
Der Wohnpark zeigt jedenfalls, dass auch im Rahmen einer übermächtigen Planungsgeschichte und des Ausnützbarkeitsdruckes manches möglich ist. Es bleibt zu hoffen, dass man sich für die weiteren Realisierungen verstärkt das Wettbewerbsmodell zu Herzen nimmt: Bisher fanden Wettbewerbe für die Twin Towers, den Wohnpark, die Kirche und die Maschinenbau-Fakultät statt. Der nächste Schritt in der Donau City nach dem Baubeginn von Holzbauers Tech-Gate Vienna und Neumanns Ares-Tower wird ein Wettbewerb für das Science Center Wien Ende des Jahres sein.

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