architektur.aktuell 10/2000

architektur.aktuell 10/2000

architektur.aktuell

Architektur – ein magischer Akt|Architecture – an act of magic

Von|by Zvi Hecker

“Hefte an die erste Seite des Buches ein rotes Zeichen. Denn am Anfang ist die Wunde unsichtbar.” Reb Alcé *) Die Versuche, die man im frühen 20. Jahrhundert unternahm, einen “besseren Menschen” zu erreichen, haben viel Material verschlungen und auch Menschenleben gekostet. Nicht viel wurde dabei erreicht, außer größtes Leid. Das Scheitern des Versuchs, einen besseren Homo Sapiens herzustellen, hat auch die Chancen der kindischen Glasarchitektur verringert, zu dessen Schaukasten zu werden. Sie mußte ein weiteres halbes Jahrhundert abwarten, bevor sich die Geschäftswelt mit ihr identifizierte. Da diese im allgemeinen sehr auf ihr – fragwürdiges – öffentliches Ansehen bedacht ist, fand sie in der anscheinenden Transparenz der Glasarchitektur ihr perfektes Alibi. Eine seelenlose Reinkarnation verbreitete sich.


Barkow Leibinger: Kunden- und Technikzentrum Trumpf in Farmington, Connecticut/USA|The Trumpf Customer and Technology Center in Farmington, Connecticut/USA

Von|by Daniel J. Silver
Miessche Präzision

Architekten, die willens und fähig sind, im Formenrepertoire eines großen Meisters zu arbeiten, sind sehr selten. Gerade diese Zeit-Reisenden sind aber wegen ihres geschickten Manövrierens zwischen orthodoxer Anwendung und gezielter Innovation so wichtig für die Profession. Nur durch ihre Arbeit werden die großen Meister immer wieder aktualisiert. Mit dem 3.875 Quadratmeter großen Zubau der Trumpf Fabriken in Farmington, Connecticut, unternehmen Frank Barkow und Regine Leibinger einen Zeitsprung über 60 Jahre – und liefern dabei eine kritische Neuaneignung der Miesschen Technik.


Schneider + Schumacher: Hauptverwaltung Braun in Kronberg, Deutschland|Braun Main Administration Offices in Kronberg, Germany

Von|by Klaus-Dieter Weiß
Referenzielle Signale

Till Schneider und Michael Schumacher versetzen ihren Verwaltungsbau in Bewegung. Weder dreht sich das Haus modisch, noch zerfließt es dekonstruktivistisch, noch winken Solarflügel scheinbar spontan der Sonne zu. In Kronberg bei Frankfurt bewegen sich vielmehr die patentierte doppelschalige Fassade und das Luftkissendach wie von Geisterhand – in Abhängigkeit von den jeweils registrierten klimatischen Verhältnissen. Der Kubus bleibt erhalten, der Blick aus dem Fenster auch. Kann intelligente Architektur gleichzeitig durch Signale der Fassade Klimadaten übermitteln, sich der Umgebung anpassen, auf klimatische Änderungen durch Bewegung reagieren und individuelle Bedienungsfehler bzw. energetisch bedenkliche Fassadensteuerungen der Nutzer nach einer pädagogischen Pause einfach annullieren?


Grüntuch/Ernst: Wohn- und Geschäftshaus in Berlin, Deutschland|Residential and Commercial Building in Berlin, Germany

Von|by Claus Käpplinger
Selbstbewusster Dialog

Groß und weit verbreitet ist die Klage über Berlins konservative Baupolitik. Monotone Lochfassaden, steinern starr, so lautet das häufig gehörte Verdikt vieler ausländischer Besucher über Berlins neue Bauten. Allein ein Haus in der Mitte Berlins scheint hier eine Ausnahme zu machen. Am Hackeschen Markt, wo nahezu jeder Metropolenbericht beginnt und endet, wo die Transformation des alten verschlafenen Kiez-Berlin am weitesten gediehen ist, wo sich Kultur, Kommerz und Vergnügen untrennbar zu einer neuen Einheit verbunden haben, steht nun ein Wohn- und Geschäftshaus, das mit seiner ungewöhnlicher Materialität und Eleganz für Aufsehen sorgt.


Jabornegg & Pálffy: Adaption und Erweiterung der SKWB Schoellerbank in Wien, Österreich|Adaption and Extension of the SKWB Schoellerbank in Vienna, Austria

Von|by Robert Temel
Unsichtbare Räume

In der Wiener Renngasse, zwischen Schottenstift und Otto Wagners Länderbank-Gebäude, entstand nach langer, wechselvoller Baugeschichte in der Gründerzeit ein Haus für die Rothschild-Bank. Sie wurde 1938 arisiert, Rothschild konnte fliehen, 1948 wurde restituiert und schließlich in den 1950er Jahren an das Bankhaus Schoeller & Co. verkauft. Für die SKWB Schoellerbank, inzwischen im Besitz der bayrischen Hypo-Vereinsbank, adaptierten und erweiterten die Wiener Architekten András Pálffy und Christian Jabornegg nun dieses Gebäude.


Luigi Blau: Tourist-Info, Platzgestaltung und WC-Anlage in Wien, Österreich|Design of a Tourist Information Bureau, a Square and WC Facilities in Vienna, Austria

Von|by Matthias Boeckl
Gediegene Stadt-Benützung

Was haben eine Platzgestaltung, eine Tourist-Info und eine öffentliche WC-Anlage gemeinsam? In Luigi Blaus vielfältigen Interventionen zur kultivierteren Stadtbenützung zeigt sich vor allem eines: Die Überzeugung, dass die vielen kleinen und mittelgroßen Gestaltungsaufgaben einer lebendigen Großstadt jede Investition in Eleganz und gestalterische Präzision verdienen. Luigi Blau gehört zu jenen Architekten, die eine Art ästhetisches Verantwortungsbewusstsein für den öffentlichen Raum fühlen – und dem “Business” jene kultivierte Erscheinungsform geben wollen, die in Wien seit Adolf Loos und Josef Frank eine gediegene moderne Tradition hat.


Essay

Zwischen den Teichen schwimmen|Swimming Between Ponds

Von|by Peter Mörtenböck

Technologische Subjekte, korporative Landschaften, digitale Körper Lawrence Ko lässt in seiner Realisierung einer hypermedialen Fassade für Disney/ABC am New Yorker Times Square die Welt des Konsums in die Hülle eines Bauwerks einbrechen. Kommerzielle Bildmedien formen die physischen und kommunikativen Oberflächen des Gebäudes. Diese Absage an die Tradition der Architekturfassade ist eines der prominentesten Projekte, in denen Architektur den Austragungsort einer ebenso vollständigen wie kommerziellen Verschmelzung von visuellen Medien mit materiellen Oberflächen bildet. Elizabeth Diller und Ricardo Scofidio (Architektur aktuell 239) haben in einem ihrer Projekte eine kritischere Lesart in diese Fusion von Virtuellem und Aktuellem gebracht.


Flagship Stores

Von|by Ursula Graf
Die Inszenierung der Designerwelten

Flagship Stores, die Hauptverkaufsläden großer Modedesigner, haben sich weit davon entfernt, nur als Umschlagplätze für modische Artikel aufzutreten. Sie erheben sowohl an den Konsumenten, als auch an den Architekten weiter gehende Ansprüche. Für den Architekten bedeutet dies zunächst, dass die in der traditionellen Ladenplanung vermittelten werbepsychologischen Parameter in der Flagship Store Architektur nur rudimentär anwendbar sind. Althergebrachtes über den richtigen Einsatz von “Warenträgern”, “Kundenleitwegen” oder “Warenplazierung” und dergleichen wurde obsolet. Ein neues Werkzeug in der Vermarktung von Luxusgütern ist hingegen die Mythologisierung.


Johannes Wiesflecker: Erlebnis-Sennerei Zillertal in Mayrhofen, Tirol, Österreich|Alpine Dairy Theme Farm, Zillertal in Mayrhofen, Tyrol, Austria

Von|by Andrea Nussbaum
Wie kommt die Milch in die Tüte…

Dass Corporate Design heute nicht nur auf den werblichen Auftritt eines Unternehmens beschränkt werden kann, haben Marketingfachleute längst erkannt. Dies aber auch in den Führungsetagen mancher Firmen durchzusetzen, ist ein ganz anderes Kapitel. Beim Chef der Sennerei im Zillertal stieß das Anliegen, beim Neubau des milchverarbeitenden Betriebs auf eine zeitgenössische, hochwertige Architektur nicht zu verzichten, nach Konsultation seiner PR- und Marketingagentur auf Zustimmung.


Riepl Riepl: Büro- und Sozialgebäude in Lohnsburg, Oberösterreich|Office and Recreation Building in Lohnsburg, Upper Austria

Von|by Romana Ring
Vernunft aus Holz

Die Wahl des Baustoffs Holz für das repräsentative Gebäude eines holzverarbeitendenden Betriebes ist nicht weit hergeholt. Nach außen wird das Holz in Form der Produkte so sichtbar, wie sie die industrielle Fertigung – vorzugsweise jene des eigenen Werks – anbietet. Doch sind auch die konstruktiven Elemente des Hauses mit Ausnahme der äußerst knapp gehaltenen massiven Aussteifungskerne zur Gänze aus Holz, was als echte Pionierleistung im (oberösterreichischen) Industriebau einzuschätzen ist.


pool: Neubau einer Schlossereihalle mit Bar in Trumau, Niederösterreich|New Building of a Metalworking Shop with Bar in Trumau, Lower Austria

Von|by Gabriele Kaiser
Anhalten und Einkehren

An der Ortsausfahrt von Trumau, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Baden bei Wien, steht – mit der Richtung Bundesstraße “herauslappenden” Stirnseite – eine Schlossereihalle mit Bar, ein rostiger Monolith, ein kontrapunktisches Schlusszeichen in einer Reihe von mit dem üblichen Pragmatismus hingeworfenen Standard-Industriehallen. Auch der “Wurf” von pool (Christoph Lammerhuber, Axel Linemayr, Florian Wallnöfer, Evelyn Wurster) ist zwar als durchaus pragmatisch zu bezeichnen; aber es ist ein Pragmatismus mit Drive.

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