Cersaie 2018: Mit High-Tech nach vorne und zurück

Foto: Cersaie

Ort:  Bologna
Themen:  Cersaie, Keramik, Messe
Autor:  Gudrun Hausegger

Ein alljährliches Großereignis
Alljährlich im September öffnet die internationale Keramikmesse Cersaie eine Woche lang ihre Tore für ein weltweites Publikum. Der kleine Flughafen G. Marconi der Stadt Bologna ist dann im Ausnahmezustand und Taxiunternehmen haben Hochsaison. Da kann es schon passieren, dass man im Maserati zu seinem Hotel geführt wird. Wobei, so ein Sonderfall sei das nicht, denn die Marke sei in der Emilia-Romagna zu Hause. Genauso wie Ferrari und Lamborghini. Die Region ist neben der Lombardei und dem Aostatal eine der wohlhabendsten in Italien. Dies liegt nicht nur in der Autoindustrie begründet oder im Balsamicoessig oder in der einzig wahren Parmesansorte, sondern auch in einer jahrhundertealten Kunstfertigkeit mit antiken Wurzeln, in der Keramikkunst: Terrakota aus Rimini, Faenza aus Ferrara oder die Keramik-Fliese um Sassuolo – eine Kleinstadt zwischen Bologna und Modena, das Zentrum der italienischen Fliesenindustrie. Erde, Wasser und Feuer sind Bestandteile dieser jahrhundertealten Tradition, die sich in einen veritablen Industriezweig mit high-tech Fertigung entwickelt hat.

Zukunft braucht Herkunft
Auf dieses geschichtsträchtige Fundament ist die Region auch stolz. Ein Dokumentarfilm „Timeless Tiles: The Italian Legacy“ (Francesca Molteni, Fulvio Irace), der anlässlich der 25. Ausgabe des Wettbewerbs „Ceramics of Italy Tile Competition“ gedreht wurde, wird dieser „Zukunft braucht Herkunft-Einstellung“ auch gerecht:Not just beautiful, Italian ceramic tiles are high tech and sustainable, crafted for the environment and human kind. And then there are the hands of thousands of craftspeople – they have been modelling clay for thousands of years ... We keep doing so today with the help of sophisticated machinery.“ „Man spürt die Kultur von hunderten von Jahren“, ist auch Architekt Daniel Libeskinds Erklärung, warum er die italienische Fliese in vielen seiner Bauten zum Einsatz bringt. „Emilia-Romagna ist das Land, in dem Träume wahr werden“, meint Palma Costi, Wirtschaftsminister der Region, bei der Pressekonferenz, die 2018 im altehrwürdigen Palazzo Re Enzo mitten in der Altstadt Bolognas abgehalten wurde. Doch die Konkurrenz schläft nicht, der Traum braucht besonderen Schutz und Fürsorge.

Scharfe Konkurrenz
Der Wettbewerb sei viel aggressiver und härter geworden, meint Emilio Mussini, Vorsitzender der Werbeaktivitäten des italienischen Herstellerverbandes Confindustria Ceramica. Auch die Eröffnungskonferenz am 24. September im Europauditorium im Palazzo dei Congressi hatte mit ihren Kernthemen den internationalen Wettbewerb im Auge: "Sustainability and health: Italian ceramics in international competition". Gesunde Produkte und Arbeitsplätze, eine nachhaltige Produktion, Bewusstsein für die Umwelt, ein Verständnis für die internationale Situation und die Rolle Europas – das sind die Kernthemen einer Produktion im 21. Jahrhundert.
Die Branche muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben, große Investitionen auf unterschiedlichen Ebenen tätigen. Die Ausgaben dafür steigen jährlich, 2017 waren es bereits 8,5 Prozent des Umsatzes. Zu den Investitionen zählen eine verstärkte Forschung und technologische Innovation (Industrie 4.0 ist Voraussetzung), das Reagieren auf den Klimawandel sowie der Ausbau der Infrastruktur. Letztendlich spielt auch die menschliche Arbeitskraft eine wichtige Rolle: eine hochqualifizierte Ausbildung und ein versiertes Personalmanagement sind unerlässlich.

Wachsende Kantenlängen: Die Keramikfliese als (Design-)Objekt
Als Konsequenz werden die Ansprüche an die Qualität einer Fliese ständig höher. Die Liste ist lang, ein paar Punkte: hohe Widerstandsfähigkeit und Belastungsbeständigkeit, porenfrei und antibakteriell, hygienisch und selbstreinigend, schalldämmend und feuerwiderständig, recycelbar und umweltfreundlich.
Zusätzlich zu den steigenden Anforderungen an eine Keramikfliese wird mit der wachsenden Kantenlänge auch ihr Einsatzbereich erweitert. Großformatige Slabs von 2,60 Meter Länge im Bereich Feinsteinzeug (die Keramikmasse der Fliese wird in hohem Maß durchgesintert, ist dadurch kompakt, weist eine niedrige Porosität und geringe Wasseraufnahme auf) eignen sich nicht nur zur raumhohen Verfliesung, sondern zur Gestaltung ganzheitlicher Konzepte. Im Küchenbereich erreichen 12 mm starke Arbeitsplatten bereits eine Länge von 3,24 Meter. Um die perfekte Küchenplatte mit u.a. individuell gesetzten Aussparungen zu produzieren, wird dabei sowohl eng mit dem Steinmetz als auch mit dem Fliesenleger zusammengearbeitet.
Bestimmte Materialzusammensetzungen wiederum von sogenannten Soliden Flächen (Solid Surfaces) erlauben es, dass die Platten in einem Thermoverfahren zu unterschiedlichsten Formen gebogen werden. Es besteht sogar die Möglichkeit, das Material im Injektionsverfahren zu formen, um diverse Produkte und Designs herzustellen: vom Messer über Fassadenplatten bis zur Flughafen-Bestuhlung.

Imitation: Keramik ist der neue Beton, das neue Holz, der neue Marmor ...
Ein Trend, der seit rund fünf Jahren den Markt bestimmt und technisch ständig verfeinert wird, sind sogenannte Materialsimulationen. Das Produkt nennt sich dann Fliese „in einer bestimmten Optik“. Wobei die Bandbreite an Imitationen unendlich groß ist: Fliesen in „Betonoptik“ gibt es zum Beispiel in unterschiedlichsten „Betonqualitäten“, Colouers und Schattierungen. Die Fliesenkanten werden dabei exakt ausgebildet, sodass minimale Fugenbreiten und ein homogenes Oberflächenbild möglich sind. „Holzfliesen“ haben wiederum die warmen Farbtöne des Originals sowie die natürlich warme Anmutung von Holz, unterschiedlichste Maserungen und täuschend echt simulierte Astlöcher.
Im höheren Segment ist es der Marmor, der sehr realistisch in Keramik nachgebildet wird. So, dass sie Kunden ab und zu schon die vermeintlichen Unebenheiten in der Fliese zu spüren glauben. Der neueste Stand der Forschung beschäftigt sich hier mit „Marmoradern“, die entlang den Fliesenseiten ihre Fortsetzung finden. Noch ist es nicht soweit, aber auf einer der nächsten Ausgaben der Cersaie sicherlich bald zu bewundern.

Dekoration: der nostalgische Blick zurück
Die Welt des Vintage, neue geometrische Muster vom Chevron-Stil bis hin zu M.C. Escher-ähnlichen Figurationen, textile Strukturen und mediterranes Flair sind die großen Themen der Saison. Die Fliesen kommen glänzend oder matt, „abgenutzt“ oder mit einer Patina, ähnlich wie oxidierter Stahl. Generell: Die Muster werden digital hergestellt und in einem zweiten Brennvorgang aufgebracht.
Die Natur ist das große Vorbild. Einerseits motivisch mit großflächigen Darstellungen von Blumen, Sträuchern oder Blättern, die ganze Wände im „Jungle-Look“ überziehen. Andererseits farblich: Grün- und Blautöne verwandeln Räume in helle, luxuriöse Ambiente.
Bei diesem Trend zu Retro ist es nicht verwunderlich, dass auch uralte Techniken und das Handwerk wieder zum Einsatz kommen: Wie zum Beispiel im Holzofen gebrannte Fliesen, die in kleiner Stückzahl dann handbemalt werden. Preislich schlägt sich das mit 500 Euro pro Quadratmeter zu Buche.

Authentisch alt
Auch bei den Architekten muss es in den letzten Jahren nicht mehr das reduzierte, minimalistische Design sein. Im Gegenteil, so erzählt ein Hersteller, das meistverkaufte Produkt zur Zeit sei eine Vintage-Bodenfliese: Nachempfunden einem gewebten Perserteppich, zeigt die Fliese zahlreiche Gebrauchsspuren anhand von ausgebleichten und verschlissenen Stellen. So komme der nostalgische Blick auf seine Rechnung. Das Angebot an Reminiszenz, Sinnbild geworden in einer Keramikfliese, reichte auf der Ceraise von Satin, Samt oder ethnischen Drucken bis zu Patchwork und Tweed-Stoffen.
Oder die „Gründerzeitfliese“, die die typisch klassischen Ornamente in Blau-Weiß der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zitiert. Aber, Keramik macht es möglich: Die neue Fliese kommt als große Platte in 60 x 60 cm und kann so schneller und mit weniger Fugenmasse verlegt werden. Die Fugen innerhalb der 60 x 60 cm großen Platte müssen allerdings genauso echt aussehen wie frisch verspachtelte. Die imitierte Fuge gehört zur State-of-the-Art Keramik wie früher punktuelle Fehler bei Brennvorgängen. Sie sind Teil der Inszenierung von Atmosphären und Stimmungen – das Land, in dem Träume wahr werden ...

Bologna, 23. – 27. September 2018
www.cersaie.it