GRÄTZELHOOD | Globale Stadt lokal gestalten

Soundspaziergang Kaisermühlen; (c) Eva Schörkhuber

Mit dem 9. urbanize! Festival widmet sich dérive - Stadtforschung unter dem Titel „Grätzelhood – Globale Stadt lokal gestalten“ der „Nachbarschaft“ als Ort des sozialen Wandels, Motor für Demokratisierung und gesellschaftliche Erneuerung. Nach der erfolgreichen urbanize! Premiere in Berlin Anfang Oktober verbindet das Festivals von 24. bis 28. Oktober in der Wiener Nordbahn-Halle und ihrer Umgebung „Grätzel und Hood“: Erkundet werden Gestaltungsmöglichkeiten für eine gemeinwohl-orientierte und kooperative Stadtentwicklung zwischen dem Maßstab des Lokalen und der Vernetzung im Globalen.

Lange Zeit lautete eines der Versprechen der Stadt, in der Anonymität des Urbanen der sozialen Kontrolle des Dorfes zu entfliehen. Die Anonymität war Teil des Freiheitsversprechens einer modernen, individualistischen Gesellschaft. In den letzten Jahren scheint das Bedürfnis, engere soziale Beziehungen im Grätzel zu knüpfen und damit Nachbarschaft wieder in einem umfassenderen Verständnis zu leben, in erheblicheren Teilen der Gesellschaft zu steigen. Verantwortlich dafür sind mehrere Entwicklungen: Die radikale Individualisierung als eine Folge der hegemonialen neoliberalen Gesellschaftspolitik, die zur Vereinzelung und Vereinsamung vieler Menschen geführt hat. Der zunehmende Abbau des Sozialstaates, der dazu beiträgt Nachbarschaften und ihre Netzwerke wieder als lebensnotwendige Ressource zu begreifen. Die fortschreitende Maximalverwertung städtischer Räume, die für einen Abbau von Orten des sozialen Miteinanders und für Ausschlüsse sorgt und günstige, lokale Nahversorger und Treffpunkte wie „Greißler“ und „Tschocherl“ verschwinden lässt. Aber auch die autoritäre Wende und Krise der repräsentativen Demokratie, die Nachbarschaften zu einem Ort der Organisierung, Selbstermächtigung und Demokratisierung (Stichwort: Munizipalismus) werden lässt, und neue Kompliz*innenschaften hervorbringt, die sich im Lokalen vernetzen, um die globalen Probleme der Stadt anzugehen.

Kleiner Maßstab, große Chancen?

Sozialer Wandel entsteht in sozialen Prozessen und die räumliche Nähe der Nachbarschaften erzeugt auch eine soziale Nähe, die Zusammenarbeit erleichtern kann. Ideen und Wünsche sind im Alltag angedockt, Politik ist direkt erlebbar. Die Stadt der kurzen Wege scheint also auch in Sachen Demokratisierung und Teilhabe erstrebenswert. urbanize! macht sich mit einem ganzen Strauß an Fragen auf die Suche: Welche Chancen bietet der Maßstab der Nachbarschaft, des Grätzels und Bezirks für die Stärkung der Zivilgesellschaft und des sozialen Zusammenhalts, für nachhaltigen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Wandel? Welche politischen, wirtschaftlichen und planerischen Strukturen fördern eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen zivilgesellschaftlichem Engagement, Politik und Verwaltung? Welche Netzwerke lassen sich auf lokaler Ebene knüpfen, um gemeinsam lebendige Stadtteile für eine heterogene Stadtgesellschaft zu schaffen? Wie kann eine Ökonomie des Alltags aussehen, die lokale Strukturen stärkt, sinnstiftende Tätigkeit befördert, soziale Versorgung mitdenkt und das Gute Leben für alle im Blick hat? Welche Räume braucht eine lebendige Zivilgesellschaft?

Lokale Vernetzung und Praxis der Selbstorganisierung

urbanize! 2018 erkundet lokale Gestaltungsmacht in einer globalen Welt. Das Festival untersucht Nachbarschaft als Ort und Ausgangspunkt für Demokratisierung, Teilhabe und Empowerment und fragt nach „Strukturen des Ermöglichens“ für eine kooperative Stadtentwicklung in den Feldern Politik, Ökonomie und Planung. Präsentiert werden international herausragende Projekte und Initiativen aus Berlin, London, Zürich und Warschau ebenso, wie mit zahlreichen Stadterkundungen die Nachbarschaft der Festivalzentrale Nordbahn-Halle erforscht wird. Mit den Netzwerkveranstaltungen „Baugemeinschaftsforum“ und „Stammtisch+: Wir machen Stadt“ bringt urbanize! Menschen mit guten Ideen und lokalem Wissen zusammen. Einen Schwerpunkt des Festivals setzt ein großes Angebot an "How to ...Change!" Praxis-Workshops. Erlernt werden können Werkzeuge für Selbstorganisierung ebenso wie erfolgreiche Strategien und Taktiken für eine mündige Stadtgesellschaft mit den „Omas gegen Rechts“, der polnischen Mieter*innen-Bewegung „Warsaw Tenants’ Association“, der Londoner Nachbarschafts-Initiative „Grove Park Neighbourhood Planning“ oder der Berliner „ZUsammenKUNFT - Initiative Haus der Statistik“. urbanize! will damit beitragen vom Reden ins Handeln zu kommen. Es ist höchste Zeit, sich für eine offene, soziale und demokratische Stadt zu engagieren. 

Das genaue Programm gibt es hier: https://urbanize.at/veranstaltungen/

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Kooperationspartner*innen und Förder*innen

AK Stadt Wien, Bureau für Selbstorganisierung, Bundeskanzleramt Kunst und Kultur, #KlappeAuf, magdas Hotel, Caritas & Du, Technische Universität Wien, Wien Kultur - MA7, Wien voraus - MA 18 Stadtentwicklung und Stadtplanung, Wirtschaftsagentur Wien - Kreativzentrum departure, WienWoche, Universität für angewandte Kunst Wien.

Medienpartner*innen: Jungle World, Radio Orange 94.0

 

(Quelle: Pressemeldung dérive - Stadtforschung / urbanize! Festival)