Walter Angonese mit Schiefer Tschöll Architektur

Bibliothek in Kaltern, Südtirol

Neue Bibliothek Kaltern; (c) Paolo Riolzi

Dem öffentlichen Bücherbestand ein eigenes Haus zu bauen, darf man als Indikator für die bildungspolitische und kulturelle Haltung einer Gemeinde werten. Umso besser, wenn die Architektur mit einer selbstbewussten Geste daraus einen öffentlichen Ort macht.


 

Kalterer Baukultur

Die Südtiroler Gemeinde Kaltern ist in Sachen Baukultur kein unbeschriebenes Blatt. Hier, südlich von Bozen, wo es vor landschaftlicher Schönheit und bestens gepflegtem Kulturgut nur so strotzt, hat man sich in den letzten 15 Jahren ein paar kantige Architekturen verpasst: Othmar Barth muss man außer Konkurrenz nennen, sein Seehotel Ambach und das Restaurant Gretl am See sind Ikonen der 1970er Jahre. Aber auch später, ab 2004, kamen bemerkenswerte Bauwerke dazu: das Freibad von the next ENTERprise in Form einer expressiven Betonskulptur, das Weingut Manincor (Walter Angonese/Rainer Köberl, mit Silvia Boday), ein Winecenter als Landmark vom Wiener Büro feld 72, im Dorfkern eine höchst charmante Bar, der Angonese und dessen Freund, der Künstler Manfred Alois Mayr, beim Umbau den 1950er-Jahre Charme ließen. Und nicht weit davon ein klassisches Hermann Czech-Interieur, in dem, wenig überraschend, Wein getrunken wird.

Bibliothek in Kaltern, Südtirol, (c) Paolo Riolzi

Nicht von ungefähr, dass Angoneses Name in dieser Ortsgeschichte gleich mehrmals fällt – der ebenso wein- wie kulturaffine Kalterer leistete in diesen Jahren Vermittlungsarbeit für die Baukultur, als leidenschaftlicher Architekt und streitbarer Geist. Der aktuellste Beitrag dazu ist die im Oktober 2018 eröffnete Gemeindebibliothek, die er als Ergebnis eines geladenen Wettbewerbs gemeinsam mit Schiefer Tschöll Architektur realisierte.

Die Bibliothek ist keine Alltagsarchitektur, sondern kulturelles und bildungspolitisches Statement eines Ortes.

Nicola Weber

Weiterbauen statt Dazustellen

Um den Bau formal zu verstehen, lohnt sich die Betrachtung vom südlichen Parkplatz her, dort, wo das offene Tal und die Weinberge beginnen. Der Blick zurück auf den Ortsteil Kaltern Markt zeigt ein bewegtes Spiel an Dachformen, eine besonders lebhafte Topografie von Gauben, Risaliten, Laternen, Türmchen als Charakteristikum dieser Dorfansicht. Angonese führt das Spiel weiter und verpasst seinem Bibliotheksbau eine tief heruntergezogene Betonhaube, die Dach und Hülle zugleich ist. Er schließt damit die Gebäudesequenz nach Süden hin ab und stärkt die Verbindung zwischen Ort und Landschaft. Es ist ein Weiterbauen am Existierenden, wie es Angonese immer tut, aber auch eine Architektur, die kein bisschen Angst vor dem Zeitgenössischen im Historischen hat, die Witz beweist und wohltuend irritiert. Der ausdrucksstarke Monolith hebt sich deutlich von den umliegenden Gebäuden ab – schon durch die Fassade aus sechseckigen weißen Steingutfliesen. 

Bibliothek in Kaltern, Südtirol, (c) Paolo Riolzi

Sie ist eine Referenz an die glasierten Bieberschwanzdächer, die man hier bei adeligen oder kirchlichen Bauten findet, als Kennzeichen öffentlicher Gebäude mit hoher Bedeutung für die Dorfgemeinschaft. Ein solches ist eben auch die Bibliothek, keine Alltagsarchitektur, sondern kulturelles und bildungspolitisches Statement eines Ortes. „Ikonisch im Bestand“ muss ein Bibliotheksneubau sein, meint Walter Angonese, um „Interesse und Neugierde zu erzeugen und Lust auf das Betreten zu generieren.“

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