Quartier Am Lokdepot, Berlin | Photos Annette Kisling

Stadt als Bühne, urbaner Verhandlungsraum Die Großstädte Europas wachsen und setzen auf Verdichtung. Doch Berlin tut sich schwer mit dem Thema Dichte, obwohl im Schnitt der letzten Jahre mehr als 40.000 Neubürger in die Stadt an der Spree kamen. Statt urbaner Vielfalt droht Berlin monofunktionaler Siedlungsbau aus der Hand weniger Player, vornehmlich Wohnungsbaugesellschaften. Das Quartier Am Lokdepot zeigt eine Alternative.


Intelligente Stadtverdichtung Ungeklärte Kompetenzfelder zwischen Bezirken und Stadtregierung und wenig überzeugende Partizipationsverfahren erschweren zunehmend das Bauen neuer Stadtquartiere und stehen eher für eine Kultur des kleinsten gemeinsam geteilten Nenners als für profilierte Stadtquartiere. Dabei brachte Berlin in den letzten Jahren einige höchst interessante Projekte intelligenter Stadtverdichtung hervor, die in sehr unterschiedlichen Maßstabsgrößen von neu gegründeten Baugruppen, Baugenossenschaften oder privaten Bauträgern geschaffen wurden. Eines der größten war das Projekt Lokdepot am östlichen Rand des Bezirks Schöneberg, das gerade seiner endgültigen Fertigstellung entgegen geht. Auf einer 27.000 m2 großen Gewerbebrache entstand ein architektonisch sehr bemerkenswertes Quartier von 16 Häusern, die mit viel Geduld und Geschick mit den öffentlichen Institutionen ausgehandelt werden mussten.

Eigeninitiativen Als 2006 das noch sehr junge Berliner Architekturbüro ROBERTNEUN™ von einem privaten Bauträger den Auftrag erhielt, für das ehemalige Eisenbahnareal ein Bebauungsgutachten zu erstellen, dachte niemand daran, dort Wohnungen zu bauen. Gegenüber der „Roten Insel“ positioniert, einer im 19. Jahrhundert durch breite Eisenbahntrassen künstlich geschaffenen Insel und Arbeiterquartier sowie zwischen den zwei sozial eher niedrig eingestuften Stadtbezirken Kreuzberg und Schöneberg, war das Areal allein für Gewerbe bestimmt. Wozu das Büro ROBERTNEUN™ geeignet erschien, das von Nils Buschmann und Tom Friedrich im Jahr 2000 gegründet worden war. Schließlich hatte man sich bereits einen Namen mit Musikclubs und gehobenen Lebensmittelmärkten gemacht. Dieses Knowhow sollten sie an dem Standort mit ein paar erhalten gebliebenen Eisenbahnhallen einbringen. Berlin befand sich damals demografisch eher in Stagnation, was andere junge Architekten dazu veranlasste, eigeninitiativ zu werden und Baugruppen ins Leben zu rufen, um als Projektentwickler und Architekt in einer Person eigene Bauprojekte zu realisieren. Weshalb ROBERTNEUN™ bald darauf begannen, Bebauungsalternativen für ein Quartier mit Wohnnutzungen zu entwickeln, die mit der verstärkten Zuwanderung vieler Neubürger nach 2008 an Attraktivität gewannen.

Quartier Am Lokdepot, Berlin | Photos Werner Huthmacher

Quartier Am Lokdepot, Berlin | Photos Werner Huthmacher

Win-Win-Situation für Stadt und Investor Ihr Ziel war die Aushebelung der Gewerbenutzung durch einen städtebaulichen Vertrag, der intelligent einen Ausgleich öffentlicher und privater Interessen eröffnen und eine vormalige Randlage in die Stadt reintegrieren sollte. Was ihnen gelang – mit dem Konzept eines markanten architektonischen Ensembles unterschiedlicher Haustypen und Wohnungszuschnitte, das Räume für Kultur, Soziales und Gewerbe mit einschließt. Dem damals erst im Entstehen begriffenen, faszinierenden Gleisdreieck-Park schufen sie zudem noch mit einer privat finanzierten Fahrradrampe und öffentlichen Wegerechten einen zusätzlichen Südausgang, der nun die bis zu acht Meter Höhendifferenz zwischen Gleistal und Straßenniveau mit neuen Verbindungen elegant überwindet.

Der Investor stellte einen Teil seines Areals der Öffentlichkeit zur Verfügung und bekam dafür die Erlaubnis, den Rest bis zu achtgeschossig mit etwa 200 Wohnungen zu bebauen.

Der Investor stellte einen Teil seines Areals der Öffentlichkeit zur Verfügung und bekam dafür die Erlaubnis, den Rest bis zu achtgeschossig mit etwa 200 Wohnungen zu bebauen. Darüber hinaus entstand abgerückt vom Ensemble noch ein Sondergebäude, dass so genannte Haus der Parität, das nun soziale Träger für betreutes Wohnen, ein Repaircafe und einen Kindergarten nutzen können. Also eine Win-Win-Situation für die Stadt und den Investor, die aber erst nach vielen Jahren mühsamer Verhandlungen genehmigt wurde, da die beiden Bezirke Schöneberg und Kreuzberg sehr unterschiedliche Vorstellungen von Stadtverdichtung hatten und auch einige Anwohner öffentliche Proteste gegen das Projekt zu organisieren wussten. Weshalb erst 2012 mit dem Bau des Ensembles begonnen werden konnte, das mit seiner neuen Bebauungszeile von Häusern nun die vormals offenen Höfe der Wohngebäude des 19. Jahrhunderts vor dem Lärm der Bahntrasse abschirmt, aber ihnen auch den geliebten weiten Blick nach Westen nahm.

Quartier Am Lokdepot, Berlin | Photos Werner Huthmacher

Quartier Am Lokdepot, Berlin | Photos Werner Huthmacher

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