Adolf Loos und Wien

Haus

Adolf Loos gilt als Wiens wichtigster Architekt und Architekturpublizist von internationaler Bedeutung und als Wegbereiter der Moderne. Nach mehr als 20 Jahren, die seit der letzten wichtigen Ausstellung über sein Werk vergangen sind, widmet sich die neue Schau im Ausstellungszentrum im Ringturm den unterschiedlichen Aspekten des Schaffens in Loos’ Wahlstadt. Die Ausstellung präsentiert die Ergebnisse der jahrelangen Forschungen des Architekturhistorikers Marco Pogacnik (Universität Venedig).  Die Bedeutung des titelgebenden Themas „Adolf Loos und Wien“wird unter drei Gesichtspunkten näher betrachtet:

Vorreiter für Wiens Avantgardisten

In Aufsätzen in der damaligen Tagespresse – gesammelt erschienen unter dem Titel „ins Leere gesprochen“ – begann Adolf Loos sich in Form von Essays mit allgemeinen kulturellen Fragen, aber vor allem mit dem Wohnen kritisch auseinanderzusetzen. Er wurde durch diese Artikel rasch stadtbekannt und von einer gehobenen, bürgerlich-avantgardistischen Schicht mit dem Gestalten und Einrichten von Wohnungen beauftragt.
Adolf Loos war geprägt von seinen „anglosächsischen Erfahrungen“ – er lebte 1893 bis 1896 in den USA und machte vor seiner Rückkehr nach Kontinentaleuropa einen längeren Zwischenstopp in London. Dieser starke Einfluss – von entsprechenden kulturellen Feinheiten bis hin zu Alltagsgewohnheiten, Nahrung oder Kleidung – spiegelt sich in zahlreichen Wohnungseinrichtungen von Adolf Loos wider. Vergleichende Darstellungen mit Originalmöbelstücken geben in der Ausstellung dreidimensional Zeugnis davon.
„Im Jahre 1909 hatte Loos eine intellektuelle Reife erlangt, die ihm ein großes Sicherheitsgefühl für die eigenen Mittel und die eigenen Fähigkeiten gab, eine Sicherheit, die ihn unnachgiebig gegenüber jeglichem mittelmäßigem Kompromiss machte. Um eine Synthese der formalen Bestrebungen der eigenen Epoche zu erreichen, pflegte Loos die Vorstellung, dass der Beruf des Architekten gleichzeitig individuell und gemeinschaftlich, kreativ und anonym, einzigartig und kollektiv sein müsse. Wichtiger als die Autorenschaft war für Loos die Autorität der Architektur“, beschreibt Kurator Marco Pogacnik Adolf Loos’ Zugang zur Architektur.

Adolf Loos’ Pläne für Wien

Loos hat sich gleich nach seiner Rückkehr aus den USA mit möglichen Planungen und Entwicklungen Wiens auseinandergesetzt. Er arbeitete einige Zeit im Büro des mit einem Stadtentwicklungsplan befassten Architekten Mayreder (Wien-Plan von 1908) und sammelte Erfahrungen, die sich später im sogenannten „Adolf Loos Wienplan“ (zusammen mit Paul Engelmann) wieder fanden. Er schlug u.a. vor, die Bauten an der Ringstraße neu zu ordnen. Seine individuell-originellen Äußerungen zu urbanistischen Fragen werden in der Ausstellung erstmals einer genauen Analyse unterzogen. Die von Loos immer wieder in Entwürfen auftauchende Turmarchitektur (z.B. im Projekt für die Verbauung der Modena-Gründe) findet im heutigen Stadtbild – beispielsweise in der Torsituation des Ringturms am Schottenring zum Donaukanal – unübersehbare Parallelen.

Adolf Loos: „Es ist etwas besonderes um den Baucharakter einer Stadt. Jede hat ihren eigenen…Wienerisch ist der gerade Gesimsabschluß ohne Dächer, Kuppel, Erker und andere Aufbauten …Und dann haben wir den Kalkverputz … Denn es hat ganz bestimmte Gründe, warum Danzig eine Ziegelrohbau- und Wien eine Kalkputzstadt ist (…)  Fischer von Erlach brauchte keinen Granit, um sich verständlich zu machen. Aus Lehm, Kalk und Sand schuf er Werke, die uns so mächtig ergreifen … Ein König im Reiche der Materialien“
Nicht zuletzt ist auch die städtebauliche Integration des so genannten Loos-Hauses in den urbanen Kontext eine Meisterleistung, die in diesen Themenbereich fällt und mit einem Umgebungsmodell dargestellt wird. Erhaltene Skizzen und Zeichnungen seiner legendären „Stadtwanderungen“ geben diese avantgardistische Sicht auf Wien wieder. In Abbildungen zum Stadtplan von 1908 werden Bezüge zu den Architekturvorbildern von Adolf Loos in Beziehung gesetzt, um die von Loos immer wieder angesprochenen architektonischen Vorbilder nachvollziehbar zu visualisieren. Bewegte Bildmontagen, die auf Basis von großmaßstäblichen „scans“ des Michaelerplatzes und der Fassade des Loos-Hauses (durchgeführt von Spezialisten des Denkmalamtes der Stadt Venedig) hergestellt wurden, beweisen die hervorragende städtebauliche Einpassung seines Hauptwerkes in den Michaelerplatz aus wechselnder Perspektive.

In insgesamt vier Bildanimationen werden städtebauliche Integration, bauliche Eigenheiten, architektonische Vorbilder und räumliche Komposition anschaulich vermittelt.

Versuch eines Meisterwerkes

In zahlreichen, bislang selten bzw. noch nicht veröffentlichten Dokumenten (Adolf Loos Archiv der Albertina; Bauakten aus dem Stadt- und Landesarchiv; Pläne aus der Magistratsabteilung 37) wird das für den Schneidersalon Goldman & Salatsch realisierte Loos-Haus, sein Hauptwerk im Herzen der Stadt und Architekturikone von internationalem Format, seiner Bedeutung entsprechend behandelt.

Vom Finden des Grundstückumrisses nach Abriss der Vorgängergebäude über die ersten Planungsschritte, der Fertigstellung über mehrere Um- und Ausbauten bis hin zur Wiederherstellung des Originalzustandes wird – chronologisch geordnet – in einzigartigen Dokumenten die Entstehungsgeschichte des Loos-Hauses nachgezeichnet und dessen Bedeutung in der Architekturgeschichte vermittelt.
Kurator Marco Pogacnik: „Das Haus am Michaelerplatz ist das erste Gebäude, in dem Loos auf vollkommene Weise den Raumplan anwandte – jenes kompositorische Prinzip, das er selbst als eine der wichtigsten in der Architektur des zwanzigsten Jahrhunderts eingeführten Innovationen beschrieb. Dieses Prinzip des Raumplans scheint in seinen früheren Entwürfen nicht auf, ja sogar nicht einmal im gleichzeitigen Entwurf des Hauses Steiner.“
Insbesondere die akribische Transkription der handschriftlichen Bauakten (im begleitenden Katalog dokumentiert) überliefert den Streit zwischen Stadtverwaltung und Bauherrn um die Fassade und arbeitet ein Stück Stadtgeschichte auf. Heute ist dieser Streit eine stadtbekannte Anekdote. Während des gesamten Streits stand der Bauherr loyal stärkend hinter seinem Architekten und half, gegen die starre ablehnende Haltung der Stadtverwaltung anzukommen.
In der Ausstellung werden auch Kleidungsstücke der damals wohl hervorragendsten Herrenschneiderwerkstatt Goldman & Salatsch aus der Modesammlung des Wien Museums gezeigt.

Katalog

Architektur im Ringturm XXVI. Adolf Loos und Wien. Hg./Marco Pogacnik, ca. 220 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Preis 28 Euro; Studenten, Schüler, Präsenz- und Zivildiener, Pensionisten (mit gültigem Ausweis): 15 Euro
Kurator Marco Pogacnik, Adolph Stiller
Ausstellungsort Ausstellungszentrum im Ringturm VIENNA INSURANCE GROUP 1010 Wien, Schottenring 30

Öffnungszeiten

Montag bis Freitag: 9:00 bis 18:00 Uhr,
freier Eintritt, (an Feiertagen geschlossen)

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