Media Review 10/2019

Architektur schafft Identität

Media Review 10/2019 hires

Der Architekturdiskurs in Polen hat sich in den vergangenen Jahren breit ausdifferenziert und bearbeitet viele unterschiedliche Themenbereiche. Besonders die eigene Geschichte des Landes nach dem zweiten Weltkrieg wird in vielen Publikationen neu aufgearbeitet: Architektur war hier stets ein wichtiges Instrument der nationalen Identitätsbildung. Ein Überblick über die Architekturdebatte im Land an der Weichsel.


Dominika Glogowski über neue Polen-Bücher

 

 

Architekt Michał Wenderski gibt in Cultural Mobility In The Interwar Avant-Garde Art Network ein detailliertes Bild eines gegenseitigen Austausches dreier Länder innerhalb der Avantgarde der Zwischenkriegszeit. Der Autor untersucht in diesem Buch Bücher, Magazine, Briefe, Manifeste und theoretische Abhandlungen aus Polen, Belgien und den Niederlanden. Die CIAM-Kongresse und Personen wie Szymon Syrkus, Katarzyna Kobro, Georges Vantongerloo, Theo van Doesburg und Henryk Stażewski sind einige bekannte Namen, die hier behandelt werden. Die Netzwerke produzierten langjährige Freundschaften und Kooperationen. Kunstgeschichte ist eben – wie der Autor schreibt – ein Netzwerk, geprägt von ständiger Veränderung und habe keine straffe, hierarchische Struktur.
 

Michał Wenderski
Cultural Mobility in the Interwar Avant-Garde Art Network
196 Seiten, Text englisch, Routledge, € 82,50

Cultural Mobility

 

 

In einer ebenso spannenden Analyse erforscht Katarzyna Jagodzinska in ihrem Buch Museums and Centers of Contemporary Art in Central Europe After 1989 die Museumslandschaft in Zentraleuropa nach 1989. Die Autorin untersucht unterschiedliche Museumstypologien in Provinz und Großstädten. So sollte Osteuropa nun endlich kein blinder Fleck der europäischen Museumslandschaft mehr sein. Durch die Dominanz westlicher Kunstbegriffe fehlen im Westen Museen, die sich explizit einer östlichen Kunstszene widmen, während im Osten selbst die Bedeutung der eigenen Kunst kaum erkannt wird. Das 2019 eröffnete Schweizer „Muzeum Sush“ als erste Kunstkollektion einer polnischen Mäzenin beschreitet hier im Westen neue Wege.

Katarzyna Jagodzinska
Museums and Centers of Contemporary Art in Central Europe After 1989
284 Seiten, Text englisch, Taylor & Francis Limited, € 112,50

Museums and Centers of contemporary art in Central Europe after 1989

 

 

 

Die prägende sozialistische Zeit ist Thema der Abhandlung von Lidia Klein und Alicja Gzowska im Sammelband Second World Postmodernisms. In „One size fits all“ skizzieren die Autorinnen dabei die Komplexität rund um den Begriff der Postmoderne in den 1970er und 1980er Jahren. Der Staat fungierte einerseits als Auftraggeber, andererseits aber natürlich auch als ideologischer Gegner der Künstler. In Anlehnung an Jane Jacobs und Christopher Alexander suchte Architekt Marek Budzyński hier nach einem dritten Weg zwischen den Fronten. Postmoderne Experimente lassen sich in verschiedenen Typologien der jüngeren Kunstproduktion wiederfinden. Sie lancieren erfolgreich viele Alternativen zum westlichen Kunstbegriff.
 

Vladimir Kulic
Second World Postmodernisms
272 Seiten, Text englisch, Bloomsbury Visual Arts, € 79,–

Second World Postmodernism

 

 

Waldemar Cudnys Forschungsband City Branding and Promotion bespricht, wie sich eine post-sozialistische, regionale Stadt nach 1989 den Anforderungen des 21. Jahrhunderts stellen könne – besonders der intensiven Deindustrialisierung und der wachsenden Globalisierung. Städte sind heutzutage komplexe Systeme, die am nationalen und internationalen Markt bestimmte Vermarktungsstrategien benötigen. Für eines der erfolgreichsten Realisierungen blickt Cudny nach Łódż. Sie hat auf die Kreativwirtschaft gesetzt und gibt nun ihre Erfahrungen an die Bergbaustadt Tomaszów Mazowiecki, 110km südlich von Warschau, weiter.

 

Waldemar Cudny
City Branding and Promotion: The Strategic Approach
186 Seiten, Text englisch, Routledge, € 100,–

City Branding and Promotion

 

 

Der Wert des Bewerbens und Vermarktens klassisch-moderner Architekturikonen dringt erst langsam in den polnischen Architekturdiskus ein. Soziologe Karol Kurnicki hebt in seinem pointierten Beitrag „Defending Modernist Architecture in Poland“ (im Forschungsband Architecture, Democracy and Emotions) jene Akteure hervor, die sich für deren Erhaltung eingesetzt haben. Das Eindringen von ausländischem Kapital des neoliberalen Marktes führte zu einer Welle an Abrissen, Um- und Neubauten. So auch bei der Shoppingmall Supersam in Warschau oder dem Emilia-Pavillon, der in Folge lauter Proteste und Druck auf den Investor neues Leben erhielt. So wird der Pavillon nun Stück für Stück abmontiert und vor dem Warschauer Kulturpalast nach Plänen von BBGK neu aufgebaut. Eine Erweiterung des Pavillons ist vom Bauherrn gesponsert und dient so auch seiner eigenen Vermarktung. So spielt Architektur für den Autor immer noch eine wichtige Rolle der Identitätsstiftung. Durch Emotionen kann sie durchaus den politischen Diskurs beeinflussen.
 

 

Till Großmann, Philipp Nielsen
Architecture, Democracy and Emotions
202 Seiten, Text englisch, Routledge, € 35,50

Architecture, Democracy and Emotions

 

 

Der letzte vorgestellte Band handelt vom polnischen Beitrag des Architekturstudios Centrala und Kuratorin Anna Ptak für die Architekturbiennale in Venedig 2018. Die Ausstellung Amplifying Nature – mit gleichnamiger Publikation – untersuchte den menschlichen Einfluss auf diesen Planeten anhand von ausgewählten Projekten zwischen 1954 und 1976. Das Büro Centrala vereint als Knoten zwischen Innovation, Theorie, Design und Kunst viele kreative Köpfe wie Jakub Szczęsny und wird von Małgorzata Kuciewicz und Simone de Iacobis In Warschau geleitet. Mehr als andere Kunstdisziplinen sind sich die Architekten der aktuellen Klimakrise durchaus bewusst. Als Architekt­Innen seien sie diesem Wandel nicht nur ausgesetzt, sondern treiben diesen sogar selbst voran. Denn das Bauen verstärke die problematische Entwicklung. Die ausgestellten Beispiele dokumentieren die aktuelle Dynamik, Individualität und kritische Perspektiven dazu. 
Polen zählt zu den führenden Nationen der Buchproduktion. Es bleibt zu hoffen, dass dieses breite Oeuvre durch zahlreiche Übersetzungen auch im westlichen Markt Verbreitung findet.

Anna Ptak
Amplifying Nature. The Planetary Imagination of Architecture in the Anthropocene
183 Seiten, Text polnisch/englisch, Zachęta – National Gallery of Art, € 26,–

Amplifying Nature

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