Memorandum der ÖGFA, der IG Architektur und anderer

Das Westbahn-Areal im erhitzten „Wiener Klima“

Westbahntrasse Wien © Karl B. (Quelle: meinbezirk.at)

Die Wiener Bahninfrastruktur des 19. Jahrhunderts birgt Raumschätze für die Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert. Ein bedeutender Abschnitt dieser Infrastruktur, das Westbahn-Areal, liegt seit Errichtung des Hauptbahnhofs zu großen Teilen brach. Das Westbahn-Areal braucht einen transparenten und umfassenden Planungsprozess!


 

Luftbild Westbahnhofareal Wien (c) Stadt Wien Orthofoto

Luftbild Westbahnhofareal Wien (c) Stadt Wien Orthofoto

Inmitten dicht bebauter Quartiere eröffnet die Bahnanlage dem durch Nachverdichtung und Überwärmung doppelt erhitzten „Wiener Klima“ Chancen eines notwendigen Ausgleichs: Hier kann ein zukunftsweisender, den Westen Wiens aufwertender Stadtumbau Platz greifen, der die Barriere der Gleisanlagen in eine Nahtstelle urbanen Lebens verwandelt. Innere Stadterweiterung heißt hier auch, die Freiraumreserve als Sequenz öffentlicher Grünräume zu entwickeln und die Kontinuität der sechs Kilometer langen, kreuzungsfreien Trasse als urbane Infrastruktur einer neuen Interpretation zuzuführen. Ein derartiges Hauptvorhaben der Stadtentwicklung bedarf einer bestechenden Gesamtidee, klarer stadtplanerischer Voraussetzungen und einer langfristigen Projektsteuerung. Die Stadtregierung und die ÖBB sind gemeinsam gefordert!

Für die Zukunft Wiens ist das Westbahn-Areal nicht nur zur Vergewisserung eines wichtigen Teils der Stadtlandschaft, sondern auch als existenzsichernder Eingriff für den Erhalt eines erträglichen Stadtklimas von hoher Bedeutung.

 

Die in der Gründerzeit horizontal an den Wientalabhängen von Hütteldorf, Penzing und Fünfhaus geführte Trasse der Westbahn erreicht stellenweise eine Breite von über 200 Meter. Sie ist als Teil des für die Stadtlandschaft charakteristischen und für das Stadtklima einflussreichen Wientals einzigartig. Sie erfordert sowohl aus klimatischen und landschaftlichen wie auch aus stadträumlichen Gründen eine kohärente, die gesamte Strecke umfassende Planung. Die exponierte Lage eröffnet weiträumige Blickbezüge vom Wienerberg bis in den Wienerwald. Sie bedeutet aber auch eine außergewöhnliche Sichtbarkeit aller Veränderungen im Bereich der Westbahntrasse. Jede Planung muss sich hier daher in doppelter Weise der Verantwortung für die räumliche Lesbarkeit der konsolidierten Stadt stellen.

Die Welterbestätte Schönbrunn, die sich entlang ihrer Hauptachse bis in das Westbahnareal erstreckt, die weithin sichtbare Anlage der Krankenanstalt am Steinhof und der Längsraum des Westgürtels sind nur drei der wichtigsten Elemente der Stadtlandschaft, von denen jede Überlegung für das Areal auszugehen hat. Gerade aufgrund der privilegierten Lage ist auf soziale Durchmischung und Kohärenz mit den bestehenden Wohnvierteln in der Nachbarschaft besonders zu achten. Die anzustrebenden Verflechtungen mit den vielfältigen Stadträumen der angrenzenden Bezirke stellen auch daher hohe Anforderungen an die planerische Qualität der Entwicklung bis in die Details der alltäglich nachvollziehbaren Raumbildungen. Die unterschiedlichen Raumprofile der Bahnanlage und die städtebaulichen Schlüsselstellen des Westbahn-Areals erfordern die Entwicklung einer präzisen und differenzierten planerischen Logik. Das Repertoire bestehender Geländesprünge, Böschungen, Brücken bzw. Unterführungen, wertvoller Begleitbebauungen und -vegetationen, nicht zuletzt von Subzentren und Verkehrsknoten legt eine stringente städtebauliche Grammatik für das Westbahn-Areal nahe.

Als leitendes Prinzip gilt es typologische Anschlussfähigkeit einzufordern. Öffentlicher, klimatisch wirksamer Raum und stadträumlich gedachte bauliche Strukturen sind insgesamt als komplementäre Dimensionen einer Stadtvorstellung zu entwickeln. Bei der Stadtentwicklung des Westbahn-Areals ist von höchstem öffentlichem Interesse auszugehen. Das Grundeigentum der ÖBB stellt eine besondere Verpflichtung zum sorgfältigen Umgang mit der raren Ressource Boden dar. Für die Zukunft Wiens ist das Westbahn-Areal nicht nur zur Vergewisserung eines wichtigen Teils der Stadtlandschaft, sondern auch als existenzsichernder Eingriff für den Erhalt eines erträglichen Stadtklimas von hoher Bedeutung.

Im Westbahn-Areal ist es höchste Zeit für einen „großen Plan“! Für das Westbahn-Areal fordern wir daher:

- Transparenz und Publizität für die Vorhaben der ÖBB und der Stadt Wien in Bezug auf das Westbahn-Areal;

- eine öffentliche Auseinandersetzung über die notwendigen Leitvorstellungen zur städtebaulichen Entwicklung des Areals unter Einbindung der Fachwelt und der Zivilgesellschaft;

- die gesamthafte Behandlung des Areals vom Westbahnhof bis Hütteldorf;

- keine Präjudizierung der weiteren städtebaulichen Entwicklung durch die bereits bestehende Widmung des Geländestreifens an der Felberstraße;

- die umfassende Argumentation jeder Veränderung auf Grundlage der besonderen stadträumlichen, stadtlandschaftlichen und stadtklimatischen Qualitäten des Areals;

Grundsätzlich fordern wir darüber hinaus:

- von den ÖBB ein Absehen von kurzfristig gewinnversprechenden Teilverkäufen und im Sinn des Gemeinwohlinteresses eine langfristig wertsteigernde Entwicklung der innerstädtischen Bahnareale!

- von der Stadt Wien, sich der breiten Diskussion von Maximen für einen zukunftsfähigen Städtebau bei der inneren Stadterweiterung zu stellen!

Die ögfa lädt dazu am Donnerstag, 22. August um 10 Uhr zur Pressekonferenz im Presseclub Concordia, Bankgasse 8, 1010 Wien

Dieses Memorandum geht aus einer in der ÖGFA-Veranstaltung „Sechs Kilometer Stadt – Die Westbahntrasse in Wien“ vom 28. Juni 2019 einstimmig beschlossenen Initiative hervor und wird von folgenden Institutionen und Personen getragen: ÖGFA - Österreichische Gesellschaft für Architektur­, IG Architektur, Initiative Stadtbildschutz, Institut für ökologische Stadtentwicklung, ÖGLA - Österreichische Gesellschaft für Landschaftsarchitektur, ZV der ArchitektInnen Österreichs, DI Maria Auböck, Auböck Kárász Landschaftsarchitekten und Architekten, Präsidentin ZV der ArchitektInnen Österreichs, Univ-Prof. Mag. Dr. Matthias Boeckl, Chefredakteur Architektur Aktuell, DI Dr. Betül Bretschneider, UrbanTransForm Research Consulting, Wien, DI Walter Chramosta, Architekturwissenschafter und Stadtplaner, Wien, Mag.arch. Hermann Czech, Architekt, Wien, DI Dr Stephanie Drlik, lapropos Landschaftsarchitekturvermittlung und CEO ÖGLA, Wien, DI Arch. Elise Feiersinger, Architektin, Vorstandsvorsitzende ÖGFA, Wien, Mag.arch. Willi Frötscher, Frötscher Lichtenwagner Architekten, Wien, Univ.-Prof. DI Arch. Bettina Götz, ARTEC Architekten, Wien, DI Hannes Gröblacher, Landschaftsarchitekt und Künstler, BLA, Wien und Kärnten, Univ.Prof. DI Dr.techn. Sigrid Hauser, Architekturtheoretikerin, Mag.arch. Dieter Henke, Henke Schreieck Architekten ZT GmbH, Wien, DI Arch. Michael Hofstätter, PAUHOF Architekten, Wien-Linz, Mag.arch. Erich Hubmann, Hubmann Vass Architekten, Wien, Dr. h.c. Otto Kapfinger, Architekturhistoriker, Publizist, Wien, DI Arch. Martin Kiener, Architekt, Vorstandsmitglied ZV der ArchitekInnen Wien, Niederösterreich und Burgenland, Wien, Mag.arch. Martin Kohlbauer, Architekt, Wien, Dr. Markus Kristan, Architekturhistoriker und Kurator, Wien, Univ.-Prof. DI Dr. Christian Kühn, Architekturkritiker und -publizist, Architekturstiftung Österreich, Dipl. Ing. Antje Lehn, Senior Scientist am Institut für Kunst und Architektur, Akademie der bildenden Künste Wien, DI Arch. Christian Lichtenwagner, Frötscher Lichtenwagner Architekten, Wien, Univ.-Prof. DI Lilli Lička, Landschaftsarchitektin, BLA, Wien, DI Arch. Richard Manahl, ARTEC Architekten, Wien, DI Isabella Marboe, Journalistin architektur.aktuell, Wien, Dr. Christine Müller, Chefredaktion, Architektur & Bau FORUM, Mag.arch. Werner Neuwirth, Architekt, Wien, Dr. Adreas Nierhaus, Architekturhistoriker, Kurator für Architektur, Wien, Mag. Dr. Monika Platzer, Architekturhistorikerin und Kuratorin, Wien, DI Arch. Wolfgang Pauzenberger, PAUHOF Architekten, Wien-Linz, Univ.-Prof. DI Dr. Karin Raith, Landschaftshistorikerin und -theoretikerin, DI Peter Riepl, Riepl Kaufmann Bammer Architekten, Vizepräsident ZV der ArchitektInnen Österreichs, Wien, Arno Ritter, Leitung aut. architektur und tirol, DI Dr. Friedrich Schindegger, Raumplaner, Wien, Mag.arch. Marta Schreieck, Henke Schreieck Architekten ZT GmbH, Wien, DI Arch. Karoline Seywald, Architektin, BLA, Wien und Kärnten, DI Dr. Margit Ulama, Architekturtheoretikerin, Gründerin und Leiterin des Architekturfestivals TURN ON, Wien, DI Much Untertrifaller, Dietrich Untertrifaller Architekten, Vorstandsmitglied ZV der ArchitekInnen Wien, Niederösterreich und Burgenland, Wien, Mag.arch. Andreas Vass, Hubmann Vass Architekten, Stv. Vorstandsvorsitzender ÖGFA, Wien, Prof. DI Arch. Gunther Wawrik, Architekt, Wien, Dr. Christian Witt-Dörring, Kunsthistoriker und Kurator, ständiges Mitglied des Denkmalbeirats, Wien, DI Martin Wurnig, Architekt, Wien, DI Arch. Johannes Zeininger, Zeininger Architekten, Wien

Wien, im August 2019

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