Neubauten in der Schutzzone von Triendl und Fessler Architekten

Dorf im Dorf

Neue Häuser in der Schutzzone von Triendl und Fessler Architekten Foto Ditz Fejer

Die Kahlenberger Straße in Nussdorf ist ein Wiener Kleinod. Hier reihen sich noch kleine, urige Hauerhäuser aneinander. Viele Heurige aber haben schon zugesperrt: Ihre Parzellen werden nun verwertet. Triendl und Fessler Architekten gelang es, insgesamt elf Wohneinheiten auf dem schmalen, tiefen Grundstück unter zu bringen, ohne die dörfliche Struktur zu zerstören. Ein Glück, denn die neue Anlage liegt in der Schutzzone.


 

Unweit vom Nussdorfer Platz verläuft die Kahlenberger Straße. Ein Abschnitt davon verbreitet eine noch weitgehend ungetrübte Dorfidylle mit Seltenheitswert: Hier reihen sich niedere Weinhauerhäuschen auf schmalen, tiefen Parzellen dicht an dicht aneinander. Seit 1935 ist auf dem Grundstück mit Hausnummer 17 eine Gasthausnutzung belegt. Zuletzt befand sich dort ein sehr beliebtes Bierlokal namens „Bamkraxler“. Es hatte sich in einem kleinen, eingeschossigen Altbau mit Pultdach eingenistet, hinter der straßenseitigen Mauer aber verbarg sich ein wunderschöner Garten mit alten, schattenspendenden Kastanienbäumen. Nach und nach waren an das Lokal eine Veranda, weitere kleine Anbauten und Lager dazu gestoßen, besonders bei Familien war es sehr beliebt. Doch im Oktober 2016 gaben die Betreiber auf. Das Missverhältnis von Aufwand und Umsatz nagte an der Gesundheit, die RaiffeisenWohnBau GmbH erwarb die Liegenschaft und schrieb einen geladenen Ideenwettbewerb aus. Denn das Grundstück ist nicht irgendeines, es liegt in der Schutzzone, das straßenseitige Lokal und die Gartenmauer mussten erhalten bleiben.

Klein strukturierter Neubau von Triendl und Fessler Architekten Foto: Ditz Fejer

Klein strukturierter Neubau von Triendl und Fessler Architekten   Foto: Ditz Feyer

 

Triendl und Fessler Architekten gewannen den geladenen Wettbewerb. Sie teilten die geforderte Wohnfläche in mehrere Häuser auf, die zwei gegenüberliegende Zeilen bilden. Der Kunstgriff, der ihnen erlaubte, die Wohnungen großzügig, die Grundrisse logisch und die Baukörper schmal zu halten war, dass sie die Erschließungstreppen nach außen legten. Jedes der Häuser, die sich an die ursprüngliche Aufteilung des Bestands halten, wird von einer eigenen Treppe erschlossen. Einzig das geschützte, kleine bestehende Hauerhaus an der Straße und das anschließende, dreigeschossige Haus, das von einer einzigen Partei bewohnt wird, kommen ohne externe Treppe aus. Diesem Kunstgriff ist es zu verdanken, dass das Grundstück im Rahmen der Bauordnung optimal auszunutzen ausgenutzt werden konnte, die Baukörper aber so anzuordnen und aus zu formulieren, dass sich die Anlage in die Struktur des alten Dorfes fügt.

„Unser Anspruch war, sich auf den historischen Straßenzug zu beziehen, aber trotzdem mit moderner Architektur darauf zu reagieren, der man ihre Bauzeit ansieht“, so Karin Triendl. Basis für ihren Entwurf bildet eine gewissenhafte Recherche. Triendl und Fessler Architekten hoben einen Plan aus der Jahrhundertwende aus und sahen, dass die Parzelle damals unbebaut gewesen war. Der Garten in der Mitte war also eine charakteristische Konstante und eine große Qualität. „Uns war wichtig, dass möglichst viele Bäume erhalten bleiben“, so Karin Triendl. Der Tiefgarage fielen einige zum Opfer. „Dafür haben wir neue Bäume gepflanzt. In zwanzig Jahren wird es hier einen Kastanienwald geben. Diese Kastanien sind ein wesentlicher Teil des Ganzen.“

Kluge Lösung: Die Stiegen liegen außerhalb der Häuser Foto: Ditz Fejer

Kluge Lösung: Die Stiegen liegen außerhalb der Häuser Foto: Ditz Fejer

Außerdem ergab ein Blick in die Geschichte des Ortes, dass das alte Dorf durch ständige anonyme Zubauten permanent verändert worden war. Alte Fotografien zeigen verschiedenste Dachformen, die um diverse Gaupen ergänzt worden waren, außerdem gab es unterschiedliche Erker, angebaute Lager und sogar Balkone, die über Treppen verbunden wurden. Diese Bilder inspirierten die Architekten zur Idee der externen Erschließung. Außerdem empfanden sie es als notwendig, die Kubatur der Anlage in kleinteilige Einheiten aufzuteilen. Sie besteht aus insgesamt sechs aneinandergrenzenden Häusern, die alle ihre eigene Erschließung haben. Der zweite Kunstgriff war die Dachlösung. „Pro Gebäude darf man 100 m2 Giebelfläche machen. Wir haben also jeden dieser Trakte als einzelnes Gebäude betrachtet, das nun seinen eigenen Giebel hat.“ Das erzeugt nun eine sehr kleinteilige Gesamtwirkung.

Unser Anspruch war, sich auf den historischen Straßenzug zu beziehen, aber trotzdem mit moderner Architektur darauf zu reagieren.

Architektin Karin Triendl

 

Dach und Wand tragen ein einheitliches Schuppenkleid Foto: Ditz Fejer

Dach und Wand tragen ein einheitliches Schuppenkleid  Foto: Ditz Fejer

Die Widmung sah eine streifenförmige Bebauung an jeder Grundgrenze vor, die sich von der Kahlenberger Straße im Norden bis zur Hammerschmidtgasse im Süden hinzog. Über die gesamte Länge steigt die Parzelle insgesamt um zwei Meter an. Alle Bauten dürfen bis zur Traufkante 4,50 Meter hoch sein – einzig das kleine Stück, das an der Kahlenberger Straße das Gegenüber des kleinen, alten Hauerhauses bildet, durfte 7,50 Meter hoch werden. Triendl und Fessler Architekten machten aus der Notwendigkeit, die zulässigen Erker- und Gaupenflächen optimal auszunutzen, eine Tugend: Entsprechend der Wesensart der alten Bebauung verteilten die die Gaupen und Erker in freier Anordnung über die Fassade, auch die Verkleidung der Anlage reagiert auf das Umfeld. Das Erdgeschoss ist so wie die alten Hauerhäuser mit grobem Putz verputzt, das Ober- und die Dachgeschosse unter den steilen Dächern, deren Giebel zum Garten hin orientiert sind, wurden mit rustikalen Prefa-Dachrauten verkleidet. Die Geschosse über dem weißen Sockel tragen nun ein einheitliches Schuppenkleid, das den alten Hauerhäusern seine Referenz erweist. Die glänzende Oberfläche in der Farbe Perlbeige reflektiert den Himmel, wirkt bei jedem Wetter anders und harmoniert gut mit den umgebenden Dächern.

Der Bestand wurde gut in die neue Anlage integriert Foto: Ditz Fejer

Der Bestand wurde gut in die neue Anlage integriert Foto: Ditz Fejer

Die alte Kastanie im Garten blieb vorhanden, die vorgeschriebene Tiefgarage wurde sehr dezent integriert, die Pergola über der Einfahrt wartet noch auf wilden Wein. Alle Wohnungen haben fast raumhohe Verglasungen, die sich mit Fenstertüren auf Terrassen und Balkone öffnen.  Alle Böden haben Parkettböden aus Eichenholz, alle Bäder großformatige Fliesen aus Feinsteinzeug in Natursteinoptik, alle Brüstungen sind aus pulverbeschichtetem Metall. Sie sollen noch mit Wein und Lavendel bepflanzt werden. Dann wird es wirklich in Nussdorf und den Weinbergen eingewachsen sein.

www.triendlundfessler.at

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