Modern Classics 18

Die ersten industriell gefertigten Baumaterialien

Adolph Menzel, Moderne Cyclopen, 1872-75, Berlin, ANG (c) WikiCommons

In der letzten Folge unserer „Modern Classics“ war vom frühen sozialen Wohnbau die Rede. In Gestalt des Werkswohnungsbaus philanthropischer Unternehmer war er im frühen 19. Jahrhundert in England entstanden und fand sehr rasch auch in Kontinentaleuropa ambitionierte Nachfolger. In dieser Folge ist die Rede von den technischen Voraussetzungen dafür.


 

Die Industrialisierung ist das Urereignis der modernen Zivilisation – und damit auch der modernen Architektur. Daher lohnt es immer wieder, Blicke auf ihre Ursprünge und ersten Gehversuche im 19. Jahrhundert zu richten. Nicht zuletzt auch in der Erwartung, von Geschichte zu lernen und im konkreten Fall etwa die enormen gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen bestimmter technischer und politischer Entwicklungen zu erfassen – ein Thema, das aktueller kaum sein könnte. Das Verhältnis der Baukultur zur Industrialisierung ist überaus komplex – nicht zuletzt deshalb ist das Baugewerbe jener Wirtschaftszweig, der heute am wenigsten industrialisiert und somit „digitalisierbar“ ist. Denn Digitalisierung setzt eine systematische Erfassung von Daten voraus, die im Bereich handwerklicher Arbeit viel schwieriger zu bewerkstelligen ist als in Produktionsbereichen, die bereits physisch standardisiert und mechanisiert sind. BIM reicht dafür bei weitem nicht aus. Denn Digitalisierung ist ein virtuelles Modell, eine Art immaterielle Essenz der realen Vorgänge, das diese nicht bloß abbildet, sondern auch steuern kann.

Der technische Vorgang der (Teil-) Industrialisierung der Baumaterialproduktionen ist im Grunde ebenso einfach wie das Nachfrageprinzip, das ihn ins Leben rief. Er beruhte ziemlich simpel auf dem Einsatz der neuen Dampfmaschine.

 

Die Gründe für das „Nachhinken“ der Bauwirtschaft in Sachen Industrialisierung und Digitalisierung liegen auf der Hand: Der Lebenszyklus eines Gebäudes ist derart ausgedehnt und umfasst so viele grundverschiedene technische und kulturelle Bereiche, dass stets nur Teile davon mittels standardisierter und mechanisierter Herstellung (und in der Folge auch Digitalisierung) erfasst werden können. Ganze Kulturen und Lebensweisen bilden sich im Bau und seiner langfristigen Nutzung ab. In einem übergeordneten, integrierten Modell ist diese Komplexität (noch) nicht abbildbar. Das beginnt schon bei der Idee des Bauherrn für ein Gebäude: Diese entspringt nicht immer einer zwingenden wirtschaftlichen Logik oder ist das Resultat einer (logischen?) übergeordneten Raum- und Funktionsplanung.

Dampfsäge an der Waag, heute Slowakei, aus dem Kronprinzenwerk

Dampfsäge an der Waag, heute Slowakei, aus dem Kronprinzenwerk

Sehr häufig ist die Entscheidung für die Herstellung eines Bauwerks auch kein Ergebnis sonstiger rationaler Überlegungen, sondern eine emotionale und auch volatile Angelegenheit, die viel unkalkulierbare Spontanität in den zahlreichen nachfolgenden Entscheidungsbäumen mit sich bringt. In der konkreten Planung und Ausführung des Projekts drohen dann durch die vielen involvierten Persönlichkeiten, handwerklichen Einzelschritte und Materialkombinationen, ganz zu schweigen von den individuellen und subjektiven Form- und Designentscheidungen, weitere „Unwägbarkeiten“. Das zieht sich bis zur Nutzung, die oft genug nicht der Planung entspricht. Aus all diesen Gründen ist Architektur nicht nur eine technische Disziplin, sondern auch eine künstlerische. Dieser transdisziplinäre, nie zur Gänze standardisierbare, hybrid zwischen Ratio und Gefühlen schwankende Charakter des Bauens macht es viel schwerer, den Prozess zu fassen als etwa die banale Herstellung eines Konsumguts, wo von den Rohstoffen, ihrer Gewinnung und Verarbeitung über die farbiksmäßige Produktion, den Vertrieb und den Gebrauch (oder Konsum) bis zur Entsorgung alles ausreichend standardisierbar ist.

Die Komplexität des Bauens, die im Industriezeitalter gleichsam explodierte, sollte uns jedoch beim Versuch eines umfassenden Verständnisses nicht entmutigen. Es empfiehlt sich, dabei Schritt für Schritt vorzugehen und die Teilbereiche einzeln zu analysieren. Ein geeigneter Beginn dafür wäre jener basale der Baumaterialien, ihrer Herstellung und Verwendung. In diesem Bereich ist die Industrialisierung erstaunlich wenig fortgeschritten. Noch heute bauen wir etwa mit Holz (wie schon in vorgeschichtlichen Zeiten) und mit Tonziegeln (wie schon Jahrhunderte vor der Industrialisierung), die von Mörtel zusammengehalten werden (seit der Antike). Aber eben auch mit Beton, Glas und Stahl, die umgangssprachlich oft als Synonyme für „modernes“ oder „industrielles“ Bauen firmieren. Die chemischen Grundlagen dieser drei neuen Baustoffe waren allerdings schon lange vor der Industrialisierung bekannt (Opus Caementitium, Glas aus Flusssand und Natron, „Alchemie“ metallischer Legierungen). Warum wurden sie dann aber erst im 19. Jahrhundert perfektioniert, großtechnisch hergestellt und verwendet? Die Antwort ist denkbar einfach und banal: Weil es eine neuartige, gewaltige Nachfrage nach ihnen gab (die ihrerseits wirtschaftlich, politisch und kulturell bedingt war). Und deren Befriedigung selbst hohe Entwicklungs- und Herstellungskosten trug und das Produkt profitabel machte.

Manning Cottage, ab 1825 (c) Gilbert Herbert

Manning Cottage, ab 1825 (c) Gilbert Herbert

Holzbau im US-Westen, American Framing, Biennale 2021, Venedig (c) MB

Holzbau im US-Westen, American Framing, Biennale 2021, Venedig (c) MB

Diese Grundeinsicht – die Nachfrage erzeugt den technischen Fortschritt – ist nicht nur anhand der neuen, „industriellen“ Baumaterialien nachvollziehbar, sondern auch bei den alten, „traditionellen“. Schon durch eine partielle Industrialisierung ihrer Produktion, die vorher rein handwerklich erfolgte, blieben die alten Baustoffe nicht nur konkurrenzfähig, sondern dominierten weiterhin jene Bereiche des Bauens, bei denen sie immer noch günstiger kamen als die neuen – etwa im Wohnbau. Schöne Beispiele dafür – aus den Bereichen der traditionellen und der neuen Baumaterialien – sind die teilindustrialisierten Produktionen von Ziegeln, Bauholz sowie gegossenen und geschmiedeten Eisenelementen. Damit waren sie massenhaft verfügbar und konnten die enorme neue Nachfrage in den rasant wachsenden europäischen Großstädten und in den Kolonien befriedigen, deren Ausbeutung ja zu den unverzichtbaren Grundpfeilern der Industrialisierung Europas zählte.

Wienerberger Ziegelfabrik um 1900 (c) Wien Geschichte Wiki

Wienerberger Ziegelfabrik um 1900 (c) Wien Geschichte Wiki

Old Walton Bridge, 1750, auf einem Gemälde von Canaletto, 1754, Dulwich Picture Gallery, London (c) WikiCommons

Old Walton Bridge, 1750, auf einem Gemälde von Canaletto, 1754, Dulwich Picture Gallery, London (c) WikiCommons

Der technische Vorgang der (Teil-) Industrialisierung der Baumaterialproduktionen ist im Grunde ebenso einfach wie das Nachfrageprinzip, das ihn ins Leben rief. Er beruhte ziemlich simpel auf dem Einsatz der neuen Dampfmaschine, die es nun ermöglichte, Holzsägen, Ziegelpressen, schwere Eisengussanlagen und Schmiedehämmer nicht mehr von Hand oder Wasserkraft zu betreiben. Diese Antriebsarten standen nicht überall, zu jeder Zeit und in jeder gewünschten Menge in gleichbleibender Qualität zur Verfügung. Nun gab es eine neue, starke und konstante Kraftquelle, die überall einsetzbar und beliebig skalierbar war sowie im Prinzip Tag und Nacht Antriebsenergie liefern konnte. So entstanden Dampfsägen, Dampfziegeleien und Dampfhämmer in den Eisenwerken. Sie lieferten nun theoretisch unendliche Mengen an standardisierten Produkten: Kanthölzer (etwa das berühmte „two-by-four“, das ein entscheidendes Erschließungstool im amerikanischen Westens war und ist), Standardziegel (etwa aus dem Wienerberger Ziegelwerk, das später zum weltgrößten Ziegelkonzern avancierte), Gußeisensäulen und Schmiedeeisenträger für die großen Spannweiten und die hohe Tragfähigkeit für Maschinen in den vielen neuen Fabriken.

The Iron Bridge, Coalbrookdale, erste Gusseisenbrücke, 1779 (c) WikiCommons, Nilfanion

The Iron Bridge, Coalbrookdale, erste Gusseisenbrücke, 1779 (c) WikiCommons, Nilfanion

Diese bautechnische Grundlage ermöglichte in den damit errichteten Fabriken und Städten wiederum die Weiterentwicklung der Industrialisierung. Wie in einer Spirale erschlossen sich so immer neue Dimensionen: Ein großer Bedarf (etwa an Bekleidung bei der Textilindustrie) erfordert neue Massenproduktionsweisen, die neue Nachfragen nach neuen Technologien generieren, die wiederum neue Wirtschaftszweige stimulieren (etwa das Baugewerbe), die ihrerseits jene Wachstumsbedingungen unserer Umwelt herstellen, die wiederum zu neuen Bedürfnissen führen etc.

Erst heute beginnen wir, diese Wachstumsspirale des fossilen Zeitalters, die auf Verbrauch endlicher Ressourcen statt auf Regeneration beruht, zu zähmen und in Richtung Kreislaufwirtschaft weiterzuentwickeln. Und es gibt Grund zum Optimismus: Dass das Zeitalter der nicht-nachhaltigen Baumaterialien zu Ende gehen könnte, das laut dem deutschen Ingenieur Werner Sobek für 60 % des globalen Ressourcenverbrauchs und 35 % des weltweiten Energieverbrauchs verantwortlich ist, zeigen die aktuellen Bemühungen der Industrie, die in ganz Europa mittlerweile höhere CO2-Abgaben fordert statt niedrigere. Dies, um die nicht-klimabewusste Billig-Konkurrenz zu bändigen. Zu den größten CO2-Emittenten im Bauwesen gehören die Zementwerke, aber sogar da gibt es Licht am Ende des Tunnels: "Lafarge etwa will bis im Jahr 2025 komplett CO2-freien Zement auf Basis von Kunststoffabfällen anbieten. Es wäre eine Revolution in der Baubranche, die auf einen Schlag 700.000 Tonnen an Kohlendioxid reduzieren könnte." (Die Presse, 29.9.2921)

Joseph Paxton, Crystal Palace, aus vorgefertigten Eisen- und Glaselementen, 1851 (c) WikiCommons

Joseph Paxton, Crystal Palace, aus vorgefertigten Eisen- und Glaselementen, London 1851 (c) WikiCommons

Schema einer Dampziegelei (c) WikiCommons, Kolossos

Schema einer Dampziegelei (c) WikiCommons, Kolossos

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