Monografie von Elsa Prochazka, einer großen Querdenkerin der Architektur

elsa prochazka - architectureality

Buchcover "elsa prochazka architectureality", erschienen im Birkhäuser Verlag

Elsa Prochazka ist eine Pionierin. Als sie ihr Büro gründete, war sie als weibliche Architektin noch recht allein auf weiter Flur. Umso bohrender und nachhaltiger hörte sie nie auf, immer wieder neue Fragen an die Bauaufgabe, den Ort und seine spezifischen Erfordernisse städtebaulicher, funktionaler, konstruktiver, formaler und künstlerischer Natur zu stellen. Und das nie, ohne genug Freiraum für das undefinierbare Etwas zu lassen, das sich unvorhersehbar stets noch einstellen können muss. Genau dieses Potential nämlich ist es, was letztlich Qualität in der Architektur ausmacht. Im außerordentlich vielschichtigen Buch „elsa prochazka architecturereality“, das im Birkhäuser Verlag in Deutsch und Englisch erschienen ist, lassen sich die Persönlichkeit und das bisherige Werk dieser Architektin nun näher ergründen.


 

Ihr Talent für das Unwägbare prädestinierte Elsa Prochazka vielleicht dafür, besonders gekonnt Ausstellungen gestalten und mit ihrer Handschrift und Herangehensweise den von ihr gestalteten Musikergedenkstätten von Mozart, Beethoven, Haydn, Schubert und Strauss tatsächlich so etwas wie Persönlichkeit und Charakter einzuhauchen. „Der tiefere Sinn von Elsa Prochazkas Projekten scheint sich in einer auf faszinierende Weise einladenden Geste zu offenbaren, die Mut machen kann – aber nicht zu viel -, die zu verstören mag – aber ohne jede Gewalt. Ihre Arbeit ging nie von einer gegebenen Situation, vom Status quo aus, auf dessen bloße Existenz man sich einigte und der daher auf parasitäre Weise weiter zu kopieren und zu konsolidieren wäre“, schreibt Cino Zucchi in seinem Essay „Die Transformation des Gewöhnlichen.“

Musikergedenkstätte, gestaltet von Elsa Prochazka, fotografiert von Margherita Spiluttini

Prochazkas Architektur ist nie Wiederholung, sondern stets prototypisch. „Architektur ist nicht Kategorie, sondern Träger für sich stets wiederholende existenzielle Fragestellungen. Das Interesse an Funktion, Ökonomie, Form, Material und inhaltlicher Metapher bildet den Vorwand, diese Fragen immer neu zu stellen. Die Suche nach den Antworten kann auch Architektur sein,“ schreibt sie.

architectureality, ihre Monografie, ist prototypisch dafür geschaffen, so umfassend und passend wie möglich ihre Haltung zu vermitteln. Das geschieht in sechs Kapiteln, die einzelne Projekte mit ihrer Überschrift unter ein bestimmtes Motto stellen und dadurch eine zusätzliche Sichtweise und die Entdeckung möglicher Wesensverwandtschaften erlauben. So finden sich hier die Dombuchhandlung mit ihren unprätentiös innovativen Schaufenstern neben dem trotz geringstem Budget einzigartig charmant und stilsicher sanierten Filmcasino und dem Wohnbau Donaufelderstraße mit seinen gleichermaßen als Boxen in Serie vorgesetzten Loggien unter dem Überbegriff „skin“ subsummiert.

Die acht Musikergedenkstätten, in denen profunde Recherche, ein tiefes Verständnis um Psyche und Persönlichkeit des gewürdigten Genies, sowie eine große Kenntnis von Details sich zu wunderbaren Ausstellungsszenarien mit einzigartig spezifischem Mobiliar verdichten, die auf einmalige Weise eine so persönliche wie informative und sinnliche Atmosphäre schaffen, die kongenial in die historischen Räume passt, finden sich neben Mozarts Geburtshaus, dem Jüdischen Museum Hohenems und dem Arnold Schönberg Center im Kapitel „layer“ wieder. Dort ist auch das Café Cult im Künstlerhaus in Salzburg bestens aufgehoben, bis heute einer der zeitlosesten und coolsten Lokale in der Mozartstadt.

Wiener Dombuchhandlung im Lauf der Zeit - 1991 frisch von Elsa Prochazka gestaltet
Eine von acht Musikergedenkstätten, die Elsa Prochazka gestaltet hat Foto: Margherita Spiluttini

Wer über Elsa Prochazka nachdenkt, schreibt oder spricht, kommt um ihre zahlreichen Wohnbauten nicht herum. Auch diese waren stets außergewöhnlich und besonders. Mehrere davon versammelt das Kapitel „Volume“: Beispielsweise den Margarete Schütte-Lihotzky-Hof, der aus einem Bauträgerwettbewerb zum Thema „alltags- und frauengerechtes Planen“ hervorging. Bereits bei diesem Wohnbau, der im Jahr 1993 errichtet wurde, war die mit der Familie mitwachsende, flexible Wohnung mit zu-, aber auch wegschaltbaren Räumen und Erkern ein großes Thema.

Sehr beachtenswert ist auch der Donaufelderhof, der sich dem Masterplan folgend u-förmig um einen disziplinierten Hof orientiert, innen aber mit einem faszinierenden Stiegenhaus mit einer Brüstung aus Sperrholz aufwartet, die sich um eine schmale, ovale Spindel windet, was außerordentlich vornehm wirkt. Gleichfalls bemerkenswert: Die als Boxen zimmermannsmäßig vorgefertigten Loggien aus Vollholzmodulen. Alle haben gläserne Brüstungen, die vorstehenden Loggien in Randlage sogar noch eigene Fensteröffnungen. Alle Wohnungen sind durchgesteckt: Ein wesentliches Detail, das im Wohnbau die Spreu vom Weizen trennt.

Einer von vielen innovativen Wohnbauten von Elsa Prochazka: Der Donaufelderhof, 1995 Foto: Margherita Spiluttini
Margarete Schütte-Lihotzky Hof, entworfen von Elsa Prochazka, fotografiert von Rupert Steiner

Margarete Schütte-Lihotzky Hof, entworfen von Elsa Prochazka, fotografiert von Rupert Steiner

Bis in die Gegenwart gelingt es Elsa Prochazka, das Thema Wohnen immer wieder um neue Aspekte zu bereichern: So entwickelte sie für ihre Punkthäuser im Karree St. Marx, das sich durch seine unmittelbare Nachbarschaft zu einer "Stadtwildnis" auszeichnet, einen übereck angeordneten Raum mit raumhoher Verglasung und vorschalteter Loggia, in jeder diagonal angeordneten Wohnung als "Zimmer zur Landschaft",  dem gegessen, gearbeitet, gespielt - also umfassend und lebendig gewohnt - werden kann. Auch das transparente Erdgeschoss mit Gemeinschaftsraum und die besonders kunstsinnige, in dreieckige Elemente aufgeteilte, vorgesetzte Fassade sind bemerkenswert. Eines ihrer jüngsten realisierten Projekte ist die Wohnanlage "In der Wiesen Süd" ein Beitrag zum Wohnen an der Peripherie, dessen Dachflächen alle extensiv begrünt sind. Der Spielplatz ist als dreidimensionales Freiraummöbel in Form einer skulpturalen Rampe artikuliert.

Spielplatzrampe in Elsa Prochazkas Projekt "In der Wiesen Süd", Photo Margherita Spiluttini

Spielplatzrampe in Elsa Prochazkas Projekt "In der Wiesen Süd", Photo Margherita Spiluttini

Ergänzt wird diese Tour d‘horizon über das gebaute, entworfene und gedachte Werk, das in sehr schönen Fotos, Skizzen und Plänen stimmig repräsentiert wird, durch einen einleitenden Essay von Cino Zucchi. „Ich spürte, dass Elsas Arbeiten tatsächlich auf mehreren Ebenen gleichzeitig verstanden werden konnten, als würden sie eine Brücke schlagen zwischen der Auffassung von Architektur als rein intellektuellem Konstrukt und deren zerstreuter Wahrnehmung in den urbanen Landschaften des Alltags. Dieses Ergebnis schien auf einem empirischen Prozess zu resultieren, der eher auf Intuition als auf allgemeinen Ideologien basierte – einem Prozess, in dem die Arbeit im Entstehen zu sich selbst findet und ihre Regeln erst am Ende evident werden, auf ,retroaktive‘ Weise gewissermaßen. Der tiefere Sinn von Elsa Prochazkas Projekten scheint sich in einer auf faszinierende Weise einladenden Geste zu offenbaren, die Mut machen kann – aber nicht zu viel -, die zu verstören mag – aber ohne jede Gewalt.“ Außerdem hier zu lesen: Elsa Prochazka antwortet auf Fragen von Marlene Streeruwitz. 

432 Seiten, 437 Farb-Abbildungen, Hardcover, Text zweisprachig deutsch und englisch, Birkhäuser Verlag, € 49,95

Zu bestellen ist das Buch beim Verlag

birkhäuser 

 

Buchcover "elsa prochazka architectureality", erschienen im Birkhäuser Verlag

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