MEDIA REVIEW

Sommer-Nachlese

Die ruhigeren Sommermonate lassen uns innehalten, auf eine rege Publikationstätigkeit der vergangenen Monate zurückblicken und das eine oder andere „Gustostückerl“ in Erinnerung rufen. So berichten wir hier von wenig beachteten Facetten der Moderne, von neuen urbanen Praktiken, aber auch über Altgedientes und immer Gültiges.


Eine Auswahl von Gudrun Hausegger

 

Vkhetumas sei bis zum heutigen Tag das am besten gehütete Geheimnis der Moderne, schreibt Architekturhistoriker Kenneth Frampton in seinem Vorwort zur Publikation „Avant-Garde as Method. Vkhetumas and the Pedagogy of Space.“ Die staatliche Kunsthochschule in Moskau galt – vergleichbar dem deutschen Bauhaus – als „Schmiede der Zukunft“. Im Fall der russischen Institution (rund 2.000 Studierende) stand jedoch naturgemäß die Intention im Vordergrund, die Idee des Gesamtkunstwerks sowie die Industrialisierung von architektonischer und künstlerischer Produktion einer kommunistischen Zukunft zu Gute kommen zu lassen. Die in den USA ausgebildete Architektin und Historikerin Anna Bokov untersucht in diesem über 600 Seiten starken, bahnbrechendem Buch die innovative Ausbildungsstätte: Sie gibt tiefe Einblicke in das pädagogische Programm. Etwa in die „Vorkurse“ von Nikolay Ladovsky („Raum) und Alexander M. Rodtschenko („Grafik“), schärft aber auch das Verständnis für den größeren gesellschaftlichen Kontext der russischen Avantgarde, die zunehmend Architektur als universelle Wissenschaft ansah. Großartiges Bildmaterial!

 

Ana Bokov
Avant-Garde as Method. Vkhetumas and the Pedagogy of Space. 1920–1930
624 Seiten, Englisch, Park Books, € 58,-

 

Um Architektur als „Ort des Alltags“ begreifbar zu machen, nahm das kanadische Designer-, Künstler- und Pädagogenpaar Julia Jamrozik und Coryn Kempster eine Recherchearbeit auf, die das Leben in radikal modernen Gebäuden aus dem Blickwinkel von Kindern darstellt. So führten sie 2015 für das Buch Kinder der Moderne. Vom Aufwachsen in berühmten Gebäuden Gespräche mit Personen, die ihre Kindheit in solchen Bauten verbrachten. Die gewählten „Schauplätze“ waren Beispiele einer luxuriösen Moderne, wie ebenso soziale Experimente: ein Reihenhaus von J.J.P. Oud in der Weißenhofsiedlung, das Haus Schminke von H. Scharoun in Löbau, die Villa Tugendhat in Brünn von Mies van der Rohe, alle aus den 1920-er und 1930er Jahren, sowie Le Corbusiers Unité d´Habitation in Marseille von 1952. So unterschiedlich die Erinnerungen auch waren, als Fazit konstatieren die Autoren, dass „die sozialen Aspekte der Architektur“ am spürbarsten verhaftet sind (wie das Dach der Unité oder die bunten Bullaugen des Hauses Schminke). Soviel zur „social design“-Kraft der Architektur! Auch hier: faszinierende neue Aufnahmen!

 

Julia Jamrozik, Coryn Kempster
Kinder der Moderne. Vom Aufwachsen in berühmten Gebäuden
328 Seiten, Deutsch, Birkhäuser Verlag, €40,-

 

 

Und mittendrinnen etwas aus der alltäglichen Praxis: In der Publikation Vom Wert des Weiterbauens. Konstruktive Lösungen und kulturgeschichtliche Zusammenhänge geben die vier Herausgeber zunächst eine umfassende Definition des Begriffs „Weiterbauen“ und lassen dann die Autorinnen und Autoren in fünf Kapiteln das Thema mit weltweiten Beispielen großflächig aufspannen: von technischen Aspekten (Stichwort Brückenbau) über kulturelle und gesellschaftliche Praktiken (z.B. den „Umbau“ 1955 bis 2011 der historischen Königsstadt Bagan in Myanmar zur Pagodenstadt oder das Wiener Schulsanierungsprogramm) bis hin zu den so unterschiedlichen prototypischen Transformationen wie der Berliner Museumsinsel oder des 25 Hektar großen Neemrana Fort-Palace Hotels bei Delhi in Indien. Das Buch sensibilisiert in beispielhafter Weise für den Umfang und die Komplexität des Themas.

 

E. M. Froschauer, W. Lorenz, L. Rellensmann, A. Wiesener (Hg.)
Vom Wert des Weiterbauens. Konstruktive Lösungen und kulturgeschichtliche Zusammenhänge
256 Seiten, Deutsch / Englisch, Birkhäuser Verlag, € 49,95,-

 

 

dérive – die Zeitschrift für Stadtforschung mit Sitz in Wien – ist Garant für eine Berichterstattung am Puls der Zeit. Die Ausgabe Nr. 82 – ein Sampler – widmet sich den Auswirkungen von Covid-19 auf die urbane Gesellschaft. Neben dem Bar-Club-Schwerpunkt – Städte von Hamburg über Shanghai oder Sydney stehen im Zentrum – wird auch die lesbische und queere Produktion von Raum besprochen, sogar das Moped „als Sidestep der mobilen Moderne“ wird gewürdigt. Ein Wien-bezogener Beitrag berichtet über partizipative Quartiersentwicklung, um ein gemeinschaftliches Zusammenleben im Stadtraum zu sichern und Identifikation mit dem Lebensumfeld mit Hilfe demokratischer Teilhabe zu gewährleisten.

 

dérive. Zeitschrift für Stadtforschung
Nr. 82, Sampler: Clubkultur, öffentlicher Raum, queere Terrritorien u.a.
68 Seiten, Deutsch / Englisch, € 20,99

 

 

Und was machen zu guter Letzt die „Stones of Venice“ von John Ruskin von 1851 hier? Aus mehrerlei Gründen ist dieses dreibändige Buch Teil einer aktuellen Media Review: Nicht nur gibt es eine neue Ausgabe (in der Originalsprache Englisch), es ist vor allem die Aktualität des Grundlagenwerkes: Aus Sorge um den Erhalt der Serenissima ob der zunehmenden Industrialisierung (Ruskin wäre heute sicherlich Mitstreiter der No-grandi-navi-Bewegung) vermaß, zeichnete und fotografierte (Daguerreotypien war das Medium der Zeit) und vor allem beschrieb und analysierte der britische Kunsthistoriker und Sozialphilosoph rund 3.000 Objekte aus Stein: Basiliken, Kirchen, Paläste und Häuser – bis ins kleinste Detail. Eine Morphologie, die bis heute Gültigkeit hat! Dass er die Gotik als den führenden Kunststil ansah, ist dem Geist des 19. Jahrhunderts geschuldet, aus dem heraus er forschte. Ein Standardwerk für alle Venedig-Reisenden – nicht nur für die Fachwelt!

 

John Ruskin
The Stones of Venice
667 Seiten, Englisch, Independly published, €20,99

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