3D-Puzzle aus Lehm

Österreich-Pavillon auf der Expo 2020 Dubai

querkraft Architekten: Österreich-Pavillon. Dubai 2020 © querkraft/Patricia Bagienski

Der Entwurf der querkraft Architekten für den österreichischen Pavillon bei der ersten Weltausstellung im arabischen Raum ist von traditionellen Lehmbauweisen der Region inspiriert.


 

Expo-Architektur im Wandel

Ob der Kristallpalast von Joseph Paxton für die erste Weltausstellung 1851 in London, Gustave Eiffels Turm für die Pariser Weltausstellung 1889, mit 312 Metern damals der höchste Turm der Welt, Ludwig Mies van der Rohes Deutscher Pavillon in Barcelona (nach der Weltausstellung 1929 abgerissen und in den 1980er-Jahren rekonstruiert): Viele Weltausstellungsbauten wurden zu Ikonen und zählen zu Meilensteinen der Architektur und Ingenieurbaukunst. Waren die Weltausstellungen einst Leistungsschauen für technische Pionierleistungen sowie Plattformen für den internationalen Wissenstransfer und wirkten einzelne Bauten auch stilbildend, so haben heute diese Aspekte in der globalisierten, digitalisierten Welt längst an Wirkmächtigkeit verloren. Nun geht es im Wettlauf der Nationen und Firmen eher darum, sich als Tourismusdestination sowie als verlässlicher Partner in Wirtschaft und Wissenschaft zu positionieren und Entwürfe für eine bessere Welt zu inszenieren.

querkraft Architekten: Österreich-Pavillon, Dubai 2020, Zugang © querkraft/Patricia Bagienski

querkraft Architekten: Österreich-Pavillon, Dubai 2020, Zugang © querkraft/Patricia Bagienski

Spektakuläres Setting

Die Expo 2020 in Dubai, die erste Weltausstellung in einem arabischen Land, stellt nun unter dem Motto „Connecting Minds, Creating the Future“ die Frage nach Zukunftsvisionen, Konzepten und Technologien über das Zusammenleben in einer zunehmend vernetzten Welt. Das EXPO-Gelände liegt auf 440 Hektar außerhalb der Stadt. Das blütenförmige Layout des Areals ist in drei Cluster gegliedert und spiegelt die Subthemen Chancen, Mobilität und – wie könnte es anders sein – Nachhaltigkeit auch städtebaulich wider.

Dubai Expo 2020 Master Plan © dubaimetro.eu

Dubai Expo 2020 Master Plan © dubaimetro.eu

Im Zentrum befindet sich, sozusagen als Blütenstempel, ein transparenter Kuppelbau mit 150 Metern Durchmesser, geplant von der Chicagoer Architekturfirma Adrian Smith+Gordon Gill – die „Al Wasl Plaza“. Von ihr weg führen Blütenblätter, welche die drei Themendistrikte aufnehmen, für die es wiederum weitere Themenpavillons gibt. Den Mobility Pavilion planen Foster+Partners (London), den Sustainability Pavilion Grimshaw Architects und Bjarke Ingels/BIG zeichnet für den Pavillon in der Opportunity-Abteilung verantwortlich, in der auch der Bauplatz für den österreichischen Auftritt liegt. Unmittelbare Nachbarn sind China und die Schweiz. Als im Februar 2018 das EXPO-Büro der Wirtschaftskammer den Wettbewerb für den Österreichischen Pavillon auslobte, stand das Siegerprojekt der Eidgenossen bereits seit über einem Dreivierteljahr fest. Der Entwurf des Zürcher Architekturbüros OOS, eine Konstruktion aus Gerüstelementen und Textilien, orientiert sich an temporären Zeltbauten der Beduinen, wie die Projektverfasser erklären. Eine auf der Spitze stehende, mit Spiegelfolien verkleidete Pyramide setzt auf einem darunter liegenden roten Teppich mit Schweizerkreuzen auf, das inhaltliche Konzept trägt den Titel „Belles Vues“.

Im Belvedere 21, dem ehemaligen österreichischen Pavillon für die Weltausstellung in Brüssel 1958 von Karl Schwanzer, wurde im Sommer 2018 der österreichische Beitrag präsentiert. Zum EU-weit offenen zweistufigen Wettbewerbsverfahren waren insgesamt 43 Projekte eingereicht, acht davon wurden für die zweite Stufe ausgewählt, in der es die Beiträge vertieft auszuarbeiten galt. Alle waren sie nicht nur bei der Präsentation des Siegerprojektes zu sehen, sondern sind löblicher Weise auch auf der Website zur EXPO 2020 der Wirtschaftskammer dokumentiert. Diese Transparenz würde man sich auch bei anderen Wettbewerben wünschen – zum Beispiel im geförderten Wohnbau. 
 

querkraft Architekten: Österreich-Pavillon, Dubai 2020, Schnitt © querkraft

querkraft Architekten: Österreich-Pavillon, Dubai 2020, Schnitt © querkraft

Den Wind fangen 

Von querkraft stammt das Siegerprojekt, das sich sehr wohltuend der Messebauästhetik vieler heutiger Weltausstellungsarchitekturen entzieht und auch keine vordergründigen rot-weiß-roten Klischees bedient. Architektonisch ließ sich das Wiener Architektenteam von arabischen Bautraditionen inspirieren. Allerdings weckte nicht das Ephemere der Beduinenzelte ihr Interesse, sondern die traditionelle massive Lehmarchitektur der Arabischen Halbinsel mit ihren klimaregulierenden Eigenschaften. Mehrere Dutzend Kegelstümpfe bilden nun, gruppiert um zwei bepflanzte Innenhöfe, eine markante Gebäudefigur. Dass sie in unterschiedlichen Höhen abgeschnitten sind, erzeugt nicht nur unterschiedlich große Lichtöffnungen und abwechslungsreiche Raumfolgen, sondern dient auch einem ausgeklügelten bauphysikalischen Konzept. Dieses soll in Kombination klimasensitiver arabischer Bauweisen mit österreichischem Know-how in integraler Gebäudeplanung ohne konventionelle Kältetechnik auskommen. Bei Außentemperaturen zwischen 25 und 35 Grad in den Wintermonaten, in denen die Expo stattfindet, und bei geschätzten 16.000 Besuchern pro Tag ist das eine veritable Herausforderung.
Tagsüber sind die transparenten Abdeckungen der Öffnungen geschlossen, nachts werden sie geöffnet und nutzen den thermischen Auftrieb in den Türmen für eine forcierte Luftströmung zur Kühlung der innenliegenden Speichermassen aus Lehmputz. Solcherart natürlich entwärmt können sie tagsüber Überschusswärme wieder aufnehmen. „Mit der gezielten Orientierung der Öffnungsklappen setzen wir die beiden traditionellen arabischen Elemente des Windturms (Malqaf) und des Windfängers (Ba¯dgir) einfach aber wirkungsvoll um“, erklärt Peter Holzer vom Ingenieurbüro P. Jung, der das Architektenteam in klimatischen Angelegenheiten begleitet. 

querkraft Architekten: Österreich-Pavillon, Dubai 2020, Innenraum © querkraft/Patricia Bagienski

querkraft Architekten: Österreich-Pavillon, Dubai 2020, Innenraum © querkraft/Patricia Bagienski

Auch die Innenhöfe interagieren thermisch mit den Innenräumen: Tagsüber wird aus ihnen die Zuluft angesaugt, mittels Befeuchtung gekühlt und über Kanäle unter der Bodenplatte den Räumen zugeführt – eine Interpretation der traditionellen Lüftungen über unterirdische wasserführende Kanäle (Qanat). Dadurch entsteht eine moderate Luftbewegung in den Räumen, die zur Behaglichkeit beiträgt. So low-tech und einfach das alles klingt, so hat sich das Planerteam doch technisch, baulogistisch und handwerklich mit einer Bauweise, die sich den gegenwärtigen Konventionen entzieht, eine anspruchsvolle Aufgabe gestellt, die es nun in kurzer Zeit zu lösen gilt. Sympathisch ist der Zugang jedenfalls und vielleicht gelingt tatsächlich im arabisch-österreichischen Dialog der Bautraditionen ein Know-how-Transfer, der hier wie dort altes Wissen wieder populär macht und seinen Einsatz im zeitgemäßen Bauen fördert und Alternativen zum energiefressenden technischen Wettrüsten anbietet. Ein sinnliches Erlebnis gebildet aus dem Spiel von Licht und Schatten, der Haptik der Lehmoberflächen und den Luftbewegungen in den Kegeln ist auf jeden Fall zu erwarten – sozusagen slow architecture im erwartbaren visuellen Lärm der spiegelnden, glitzernden Weltausstellungssynthetik.

Fragen stellen

„In einer Zeit der omnipräsenten Information ist es einfach, schnelle Antworten zu finden. Schwierig ist es hingegen, die richtigen Fragen zu stellen“ heißt es in der Projektbeschreibung von querkraft. Die Frage, mit welchen Methoden Raum sinnlich erlebbar gemacht werden kann, beantworten sie mit ihrer Architektur eindeutig mit einem Plädoyer für das Reale. Virtuelles wird erst in der inhaltlichen Aufbereitung des Ausstellungsparcours (kuratiert von Liquid Frontiers) zum Einsatz kommen: Prägnante und ungewöhnliche Fragestellungen, die von kreativen österreichischen Köpfen und Changemakers beantwortet werden, sollen die Besucher spielerisch und dialoghaft an Ideen und Visionen aus Österreich teilhaben lassen. Das lässt schon einmal darauf hoffen, dass sich unser Land jenseits der bekannten Schablonen – Berge, Seen, Guglhupf, wie sie in zahlreichen Beiträgen bemüht wurden – präsentieren wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Newsletter Anmeldung

Wir informieren Sie regelmäßig über Neuigkeiten zu Architektur- und Bauthemen, spannende Projekte sowie aktuelle Veranstaltungen in unserem Newsletter.

Als kleines Dankeschön für Ihre Newsletter-Anmeldung erhalten Sie kostenlos das architektur.aktuell Special „ZV-Bauherrenpreis 2019“, das Sie nach Bestätigung der Anmeldung als PDF-Dokument herunterladen können.