An einer sechsspurigen Straße eine Volksschule zu errichten, der man noch 112 Kleinwohnungen auf den Buckel schnallt, ist – wenn auch ökonomisch effizient – ein riskantes Unterfangen. Dass unter diesen Umständen dennoch ein Ort des Wohlbefindens entstehen konnte, ist dem Gespür der Architektin für Raum, Licht und Farbe zu verdanken.


 

Sechsspurige Schneise

„Die Wagramer Straße ist der Boulevard der Donaustadt“ sagt Sne Veselinović. Aufs Erste kling diese Bezeichnung für die neun Kilometer lange Ausfallsstraße reichlich schönmalerisch. Denn die Wagramer Straße ist eher eine Abfolge urbaner Durchgangsorte, die mehr zum Durchfahren als zum gemächlichen Flanieren einlädt. Sie beginnt nach der Reichsbrücke am linken Donauufer und führt von dort kurvenarm an den Stadtrand. Nur kurz währt das Hochgefühl, dass sich auf der Brücke über die Gewässerlandschaft der alten Donau mit ihren Strandbädern und Bootsverleihen einstellt, ehe die sechsspurige Straße ihre Schneise durch eine Stadtlandschaft schlägt, deren Physiognomie vom Tempo der Stadtentwicklung gekennzeichnet ist. Fassaden, denen das Bemühen um den Schutz vor den Emissionen des Straßenverkehrs anzumerken ist, kennzeichnen die meisten der im 21. Jahrhundert entstandenen Wohnbauten. Dazwischen Supermärkte, Autohäuser und Baumärkte. Trotz Alleebäumen und teilweise grüner Mittelstreifen ist die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum gering.

Peripherie-Transformation

Man muss ein Gespür für die Probleme und Qualitäten dieser Straße haben, um zu verstehen, welche Überlegungen Sne Veselinović bei der Konzeption ihres Schul- und Wohngebäudes beschäftigten. Dabei waren die Herausforderungen der Lage beileibe nicht die einzigen, denen sich die Architekten im Lauf der Planungsgeschichte stellen musste. Für sie begann alles mit dem Sieg bei einem Wettbewerb des gemeinnütziges Bauträgers WBV-GPA für einen Schul-Campus auf dem Areal im Bereich Wagramer Straße/Maculanstraße. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erstreckten sich bis hierher die Flächen des Gestüts Kagran, auf denen eine Aushilfsrennbahn des Wiener Trabrennvereins betrieben wurde. Während das südliche Trabrenn-Areal von der Stadt Wien Ende der 1960er Jahre für die Errichtung der Großwohnsiedlung Trabrenngründe (umgangssprachlich besser unter Rennbahnweg-Siedlung bekannt) erworben wurde, entwickelte sich nördlich davon ein Industrie- und Gewebegebiet, das sich seit einiger Zeit im Umbruch befindet.

Ungünstige Umstände

Während die WBV-GPA auf ihrem Teil des Areals für das Evangelische Schulwerk ein Realgymnasium errichtete (architektur.aktuell 5/2016) und damit einen Teilbereich des lokalen Campusprojektes umsetzte, wurde der Bauplatz am Eck zu einem für den gemeinnützigen Bauträger nicht leistbaren Preis anderweitig vergeben und darauf eine Außenstelle des Arbeitsmarktservice errichtet. Nebenbei sei erwähnt, dass dieses gesichtslose Gebäude in keinerlei Hinsicht auf das Gymnasium reagiert und der Unwirtlichkeit des Straßenzugs nichts entgegensetzt. – So blieb ein verkürztes Grundstück entlang der Wagramer Straße, auf dem sich schließlich die WBV-GPA und der Bauträger MIGRA zusammentaten, um eine Volksschule der Stadt Wien mit neun Schulklassen und darüber drei Geschosse mit Kleinwohnungen für temporäre Wohnbedürfnisse zu errichten.
Während Sne Veselinović in ihrem Wettbewerbsprojekt einen gemeinsamen Vorhof für Realgymnasium und Volksschule an der weniger verkehrsexponierten Macluangasse vorsah, war sie nun mit weitaus komplexeren Anforderungen konfrontiert, als zwei Schulen zu einem städtebaulichen Gefüge zu kombinieren:  Es musste nun nicht nur auf verkleinertem Grundstück mehr untergebracht werden, sondern zudem der Zutritt zur Schule von der Wagramer Straße erfolgen und die Spannweiten des Tragwerks der Schule mit der Kleinteiligkeit der drei Apartmentgeschosse in Einklang gebracht werden. Die einfachste und naheliegendste Lösung wäre in der unglücklichen Situation wohl eine Schule mit Mittelgang gewesen. Aber so einfach wollte es sich die Architektin nicht machen.

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