Gebäude

Gehäuse für das Wattenmeer

Mutig und traditionsbewusst verwandelte Dorte Mandrup das alte Wadden Sea Centre in etwas Neues. Ein imposantes Dach aus Schilfrohr, die Verkleidung des Bestands mit verwitterter Robinie, teils fast mystisch von oben erhellte, unkonventionelle Innenräume und ein schöner Hof mit Tundrabepflanzung machen das Centre zu einem integrativen Bestandteil des Unesco Weltnaturerbes Wattenmeer.

Teil der Landschaft

„Bitte ziehen Sie keine Schilfrohre* heraus, denn wir werden unsere Gebäude zutiefst vermissen, wenn sie verschwinden * Es ist tatsächlich Vandalismus“: Ein Schild mit diesem Text ist dezent am Rand der Drainage neben der Eingangsrampe des Wadden Sea Centre angebracht. Dorte Mandrup Architekten gestalteten das Gebäude, das unweit von Ribe im Nationalpark Wattenmeer liegt, konsequent als Teil der Landschaft. Bis zu dem Punkt, dass es wie die Natur der Achtsamkeit und des Respekts seiner Besucher bedarf. Die Nordfassade beim Parkplatz besteht aus einer dichten Wand aus Schilfrohr, die entlang einer schrägen, langsam ansteigenden Kante in den mächtigen Dachkörper übergeht. Auch er ist aus Schilfrohr, steht als verzogener, dreieckiger Querschnitt vor dem Eingangsbereich 2,80 Meter weit vor und spitzt sich unmittelbar über der Tür noch einmal zeichenhaft zu. Wie ein struppiges Fell wirkt der dicke Teppich aus Schilf, der Dach und Wand der 60 Meter langen Nordfassade des Wadden Sea Centre ausbildet. Eine lange Rampe, Stiegen, ein Umgang und seine ganz spezifische Geometrie weisen unmissverständlich den Weg zum Eingang. Wie von Geisterhand öffnet sich die verwitterte Holztür zwischen zwei Glasflächen von selbst, sobald man sich ihr nähert. In den Scheiben spiegeln sich die Sonne und die einzigartige Natur, um die sich hier alles dreht: Die scheinbar unendliche Weite des Wattenmeeres mit seinem flachen Horizont. Hinter der Glasscheibe neben dem Eingang sind schemenhaft hölzerne Skulpturen der Zugvögel zu erkennen, die hier nisten. Blickt man zurück, betont die Schilfwand, die zum Horizont hin immer niederer wird, noch einmal perspektivisch die charakteristische Weite dieser Landschaft, die von der ständig wiederkehrenden Ebbe und Flut zu dem geformt wurde, was sie heute ist.

Gebäude

In den Scheiben spiegeln sich die Sonne und die einzigartige Natur, um die sich hier alles dreht: Die scheinbar unendliche Weite des Wattenmeeres mit seinem flachen Horizont. Hinter der Glasscheibe neben dem Eingang sind schemenhaft hölzerne Skulpturen der Zugvögel zu erkennen, die hier nisten.

Isabella Marboe

 

Unesco-Weltnaturerbe

Im Jahr 2009 wurde das Wattenmeer, eine im Wirkungsbereich der Gezeiten liegende, rund 500 km lange Küstenzone, die zwei Mal täglich von Hochwasser geflutet wird und dann wieder trocken liegt, zum Unesco-Weltnaturerbe. Sie erstreckt sich von der Ho Bucht nördlich von Esbjerg in Dänemark bis nach Den Helder in den Niederlanden. Bereits 1996 war hier ein L-förmiges, weiß verputztes Gebäude mit rotem Krüppelwalmdach von Architekt Nils Friethiof Truelsen errichtet worden. Es rahmte einen Hof, der von einem schmalen, zum Nordflügel parallel gestellten Trakt im Süden zusätzlich eingefasst war. Dieses Gebäude hatte rund 1.100 m2 Fläche und eine ziemlich beliebige folkloristische Ausstrahlung. Als das Wattenmeer außerdem 2010 zu Dänemarks größtem Nationalpark erklärt wurde, entschied man sich, in Jütland zu investieren. 

Gebäude

Das Wadden Sea Centre sollte saniert, auf 2.800 m2 ausgebaut und attraktiver gemacht werden. 2014 wurde dafür von der Stadt Esbjerg ein Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem Dorte Mandrup Architekten siegten. „Wir hatten eine Vision“, so Claus Melbye. Der Direktor des Wadden Sea Centre brennt für das Wattenmeer und seine faszinierende Pflanzen- und Tierwelt. An die 800 Touren zum Austernfischen und anderen Attraktionen der Küste veranstaltet das Zentrum pro Jahr. „Wir wollten vom Wattenmeer erzählen und den Zugvögeln, die hier nisten. Dabei wollten wir Materialien verwenden, die sich im Schlamm um uns finden. Es war uns wichtig, dass das Gebäude in die Landschaft passt.“ (...)

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