Hundert Jahre Erste Republik im Wiener Ringturm

Architektur als soziales Organ

Kongressbad in Ottakring von Architekt Erich Leischner  Photo: Haller & Haller

1918 hat es in sich: in diesem Jahr ging der erste Weltkrieg zu Ende und starben die drei Genies Gustav Klimt, Otto Wagner und Egon Schiele. 1918 wurde auch die Erste Republik Österreich aus den Trümmern des ersten Weltkriegs geborgen. Ihre Gründung jährt sich heuer zum hundertsten Mal. Anlass genug für Otto Kapfinger und Adolph Stiller, ihr in der Reihe Architektur im Ringturm eine sehr besondere Ausstellung zu widmen. „Fundamente der Demokratie. Architektur in Österreich – neu gesehen“ begreift Architektur als „soziales Organ“ und zeigt, was in baulicher Hinsicht alles passierte, um einer Demokratie und dem Sozialstaat den Weg zu bereiten.


Viele bekannte, aber auch viele unterschätzte, unterbewertete und unbedingt wieder zu entdeckende Bauten aus allen Epochen haben Stiller und Kapfinger hier zusammengetragen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie dem Gemeinwohl verpflichtet waren und damit den gesellschaftlichen Wandel hin zu einer modernen Republik mit geprägt und gestaltet haben.

So konnten die Architekten Hubert und Franz Gessner aus 39 Einreichungen den Wettbewerb für das Arbeiterheim in der Wiener Laxenburgerstraße für sich entscheiden. Der erste Bauabschnitt wurde bereits 1902 fertiggestellt, der zweite 1912 vollendet. Das Arbeiterheim durfte in mehrfacher Hinsicht als Meisterwerk gelten. Souverän überbrückte die filigrane Überdachung des Veranstaltungssaales mit Galerie und Bühne aus Stahl, die mit Seilen unterspannt war, stützenfrei 18 Meter Spannweite. Sie allein war eine statisch-konstruktive Pionierleistung. Auch nutzungstechnisch war das Arbeiterheim mit seinem Saal, dem Restaurant, Turnsaal, Läden der Gewerkschaft, einem Kino-Operateursraum auf der Galerie, Büros der Krankenkassa im ersten Stock und Arbeiterwohnungen ein Vorbild an multifunktionaler Mischnutzung. 1990 – 1992 wurde es nach Gessners Plänen und Fotos durch Burkhardt Rukschcio rekonstruiert und zum „Hotel Favorita“ umgebaut, 2014 geschlossen und 2015/16 kurz als Flüchtlingslager genutzt. Seine Vergangenheit war groß, seine Zukunft ist ungewiss.

Arbeiterheim Favoriten von Architekt Hubert Gessner, 1902    Photo: Haller & Haller

Arbeiterheim Favoriten von Architekt Hubert Gessner, 1902    Photo: Haller & Haller

Inkunabeln der Wiener Architektur des frühen 20. Jahrhunderts

Hubert und Franz Gessner planten auch ein bestehendes Haus in der Wienzeile 1909 in die Druck- und Verlagsanstalt „Vorwärts“ um und ergänzten es im Hof um den Neubau der Druckerei, in der mit viel Tageslicht sehr gute Arbeitsbedingungen herrschten. Auch der verglaste Halbkuppelbau des Setzmaschinenraums im ausgebauten Dachgeschoss war sehr beachtlich. Jahrzehntelang wurde hier bis ins Jahr 1986 die Arbeiter-Zeitung geschrieben und gedruckt. Markus Kristan bezeichnet das Gebäude der Druck- und Verlagsanstalt „Vowärts“ als eines der „Inkunabeln der Wiener Architektur des frühen 20. Jahrhunderts“. Als Produktionsstätte der Arbeiterzeitung schrieb es auch Mediengeschichte.

Die Errungenschaften des sozialen Wohnbaus werden exemplarisch an der Wohnhausanlage Rauchfangkehrergasse von Anton Brenner gezeigt, einem ehemaligen Bauhausschüler. In diesem höchst puristischen, der neuen Sachlichkeit verpflichteten Wohnbau lebte er auch selbst. Die Wohnung für seine eigene Familie stattete er mit sehr durchdachten Klappelementen und mobilen Wänden aus. Sie wurde erhalten, restauriert und führt bis heute vor, wie klug sich wenig Raum mit den richtigen Möbeln und Wandelementen „in der Zeit“ nutzen lässt. Weiters hier wieder zu entdecken: der wunderschöne Montessori-Kindergarten im Goethehof von Friedl Dicker und Franz Singer, die Heilig-Geist-Kirche in Ottakring von Josef Plečnik und das Kongressbad in Sandleiten in Ottakring von Architekt Erich Leischnig. Mitten im größten und ärmsten Arbeiterbezirk Österreichs bot es der Bevölkerung eine großzügige, komfortable Erholungslandschaft für Sport, Gesuncheit und Geselligkeit. 1928 zur Zehnjahresfeier der ersten Republik eröffnet, konnte das Kongressbad mit dem zu seiner Zeit größten Schwimmbecken Europas aufwarten. In der Ära des Faschismus wurde das Kongressbad zu einer wichtigen Zelle des organisierten und individuellen Widerstands.

Druck- und Verlagshaus "Vorwärts" von Hubert und Franz Gessner, 1910  Photo: Robert Newald

Druck- und Verlagshaus "Vorwärts" von Hubert und Franz Gessner, 1910  Photo: Robert Newald

Als Symbol des freien Denkens, das die Wurzel von jeder Form der Emanzipation und Kreativität ist, steht ein Modell von Friedrich Kieslers einmaliger Raumbühne, die 1924 im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses Furore machte, in der Mitte des Ausstellungssaales: Hier wurde mit der spiralförmig umlaufenden Rampe und der frei in der Mitte aufragenden, kreisrunden Bühne auf einmal ein ganz neues Theatererlebnis möglich.

Raumbühne im Konzerthaus von Friedrich Kiesler, 1924   Photo: Adolph Stiller

Raumbühne im Konzerthaus von Friedrich Kiesler, 1924   Photo: Adolph Stiller

Auch die Volksbildung spielte eine große Rolle und wurde gepflegt: So hielten im kulturellen Mehrzweckbau der Wiener Urania mit ihrem einmaligen Raumprogramm , herausragende Persönlichkeiten wie Hermann Bahr, Albert Einstein, Josef Frank, Viktor Frankl, Egon Friedell, Max Planck, Arthur Schnitzler und viele andere Vorträge vor interessiertem Publikum. Architekt Max Fabiani schuf diesem herausragenden Leuchtturm der Volksbildung mit seinem Großen Saal mit Glarie und „Kaiserloge“, den Mikroskopier- und Zeitschriftenlesesaal im dritten Stock, Planetarium, Foyer, Kino und mehr eine maßgeschneiderte Architektur. Die Konstruktion der Eisenbetondecke über dem Großen Saal, die für eine Nutzlast von 400 Kilogramm pro Quadratmeter berechnet war und die bei einer Konstruktionshöhe von zwei Meter eine Spannweite von 16,50 Meter überspannt, war zu ihrer Zeit die größte Tragkonstruktion ihrer Art in Wien. Die Fassade der Urania stattete Fabiani mit sieben Obelisken auf dem Rücken von Elefanten aus, eine Anspielung an Gian Lorenzo Berninis „Obelisk am Elevant“ in Rom am Platz des ehemaligen Weisheitstempels der Miverva mit der Inschrift: „Wie der Elefant zeigt, bedarf es eines robusten Verstandes, um wahrhaftige Weisheit zu tragen….“

 

Ein Ort der Volksbildung: Wiener Urania von Max Fabiani   Photo: Wien Museum

Ein Ort der Volksbildung: Wiener Urania von Max Fabiani   Photo: Wien Museum

Der Exkurs in die Vergangenheit in „Fundamente der Demokratie“ ruft wieder in Erinnerung, wie fortschrittlich, ambitioniert, ideenreich, vor allem aber auch wie sozial Architekten vor etwas mehr als hundert Jahren schon dachten. Wie ihre Ideen weiter entwickelt wurden, zeigt die Ausstellung dann an vielen Beispielen bis in die Gegenwart, von denen ein Großteil mit dem Bauherrenpreis ausgezeichnet worden und auch in architektur.aktuell publiziert war. Es gibt also einen roten Faden, der sich hier verfolgen lässt und hoffentlich nicht so bald abreißt.

Ausstellungszentrum im Ringturm

Schottenring 30
1011 Wien
Österreich

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