Wie geht es weiter?

Covid-Blog # 1

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Wie wirkt sich die Covid-Krise auf Architektur und Bauwesen aus? Wie wird die Post-Corona-Welt aussehen? Wird es tatsächlich zu einem grundlegenden und nachhaltigen Wandel kommen? Oder werden wir im Herbst 2020 schon wieder alles vergessen haben und weitermachen wie bisher? All diese Fragen werden uns in den kommenden Monaten beschäftigen. Zunächst versuchen wir, die direktesten Auswirkungen auf die Bauwirtschaft auszuloten, die schon mit freiem Auge erkennbar sind. Danach werden wir aber auch die Frage stellen, ob sich unsere Lebensweisen ändern werden – und welche langfristigen Änderungen im Berufsbild der Architekturschaffenden dies auslöst.


 

Bauwesen und Architektur sind von der Coronakrise besonders betroffen. Alleine schon durch die Nutzung der Bauten, die physische Nähe erzeugt. Klar, denn die Ermöglichung von kollektivem Leben und effizienter Gemeinschaftsbildung ist ja gerade die Kernaufgabe des Bauens. Das ist die positive Seite der Urbanisierung, die sich seit der Erfindung der Stadt in der Antike entwickelte und die Menschheit weit vorangebracht hat. Gemeinsam mit der Globalisierung unserer Tage hat sie aber noch einmal an Intensität zugelegt. Hyperdichte, weltweite Vernetzung und damit eine potentiell rasante Ausbreitung von Epidemien sind Resultate davon. Muss deshalb ein radikaler De-Urbanisierungsprozess gestartet und die Globalisierung abrupt gestoppt werden? Nein, aber beide Prozesse müssen viel kritischer betrachtet werden als bisher. Und mit viel mehr Umsicht und Augenmaß betrieben werden. Wir werden eine „selektive“ Vernetzung entwickeln müssen, in der Güter und Personen nicht mehr – wie bis Februar 2020 – oft sinnbefreit rund um den Globus gejagt werden. Sondern im Güterverkehr nur mehr jenes auf Reisen geschickt wird, das man nicht regional selbst herstellen kann. Angesichts der extrem komplexen und global vernetzten Lieferketten ist diese Wende allerdings eine gigantische Herkulesaufgabe. So ist es ein wahrhaft kathartischer Moment, durch den wir nun gehen. Katharsis, das ist das griechische Wort für Reinigung. Danach sollte es uns definitiv besser gehen – und das ist die entschieden positive Seite dieser katastrophenhaft erzwungenen Transformation. Wir von architektur.aktuell sind es gewohnt, stets die positiven Seiten der gesellschaftlichen Entwicklung und des kreativen menschlichen Spirits in den Vordergrund zu stellen. Das werden wir auch weiterhin tun – wir beschwören keinen Weltuntergang wie so viele andere Medien, sondern suchen und dokumentieren konstruktive und gangbare Wege aus der Krise.

Wien, Donaucity (C) WikiCommons, Hubertl

Wien, Donaucity (C) WikiCommons, Hubertl

Wie sieht es also konkret in Österreich aus? Betrachtet man fünf ausgewählte Wirtschaftsbranchen im Land, die für die Nachfrage nach den speziellen Leistungen von DeveloperInnen, PlanerInnen und relevanten Industriesparten besonders wichtig sind, dann ergibt sich kein ausschließlich düsteres Bild, sondern auch der eine oder andere Hoffnungsschimmer: Kurzfristig erleben wohl vor allem zwei Branchen – beide aus dem Dienstleistungssektor, der in Österreich fast zwei Drittel des BIP erwirtschaftet – eine stark gesteigerte Nachfrage nach ihren Leistungen: Einerseits natürlich das Gesundheits- und Sozialwesen inklusive Erziehung und Unterricht (als zweitstärkste Branche nach der Industrie erwirtschaftete dieser Bereich 2018 mit über 42 Mrd. Euro fast 11 % des österreichischen BIP) und andererseits die Informations- und Kommunikationsbranche (Rang 11 mit gut 12 Mrd. Euro und 3,18 % des BIP 2018). Dieser Trend wird wohl auch aufgrund der alternden Bevölkerung, sozialmedizinischer Fortschritte und der aktuell gewonnenen Erkenntnis erhalten bleiben, dass wir viel größere Anteile unserer Arbeit telematisch erledigen können als wir es bisher gewohnt waren.

All jene Player, die schon jetzt über Kompetenz in Konzeption und Management partizipativer Bottom-Up-Prozesse verfügen, die ihre Kosten reduziert haben und von vielen kleineren Beratungsleistungen leben können oder die sich gute Kundennetzwerke etwa im Sozial- und Bildungsbereich, in der New Economy oder im Wohnbau aufgebaut haben, könnten – soferne ihre Reserven für drei Monate erzwungene Untätigkeit reichen – mit glimpflichen Dellen aus der aktuellen Krisensituation herauskommen.

 

Weniger eindeutig ist die Lage beim Grundstücks- und Wohnungswesen (mit 34 Mrd. Euro und fast 9 % des BIP auf dem vierten österreichischen Branchen-Rang). Derzeit wird angenommen, dass sich das Bevölkerungswachstum aufgrund reduzierter Migration leicht verlangsamen wird. Daher dürfte auch die Nachfrage nach neuem Wohnraum kaum mehr steigen. Der aktuell noch gegebene Nachholbedarf und die vielen begonnen Projekte werden uns zwar noch einige Jahre beschäftigen. Die Wachstumsraten der Wiener Bevölkerung zeigen jedoch schon seit drei Jahren eine sinkende Tendenz (2016 gab es noch satte 2,39 % Zuwachs, 2018 aber nur mehr 1,13 %, während die Stadt Wien für 2020 mit einer Rate von plus 0,88 % rechnet, die bis 2023 auf 0,63 % oder den überschaubaren Jahreszuwachs von rund 12.000 Personen sinken soll). Im Hauptszenario der Statistik Austria wird der gesamtösterreichische Bevölkerungszuwachs über das kommende Jahrzehnt mit 3,42 % oder rund 300.000 Personen angenommen, also 30.000 pro Jahr. – Alles in allem wirkt das nicht wie eine spektakuläre, aber durchaus wie eine stabile Nachfrage für den Wohnungs-Neubau.

Wien, Donaucity (C) WikiCommons, Hubertl (2)

Wien, Donaucity (C) WikiCommons, Hubertl (2)

Aufgrund einer vermutlich eher gedämpften Konsumlust der Bevölkerung wäre es überraschend, wenn der Handel rasch wieder herzeigbare Zuwachsraten erzielen würde. Mit 40 Mrd. Euro trägt er jedoch bedeutende 10,38 % zum BIP bei und liegt damit auf Rang drei der Branchen. Für die entwickelnden, planenden und zuliefernden Sparten haben die vielen laufenden Umbauten der Verkaufsflächen durchaus eine große Bedeutung – denn Neubauten an Handelsflächen wird es wegen immer strikterer Raumordnungs-Vorgaben kaum mehr geben.

In der zuletzt ja schon eher heiß gelaufenen Baubranche selbst – für DeveloperInnen, PlanerInnen und viele zuliefernde Industriesparten wie etwa die Sanitärindustrie oder die Haustechnik naturgemäß eine sehr wichtige Sparte, die mit 23 Mrd. Euro immerhin 6 % zum BIP beiträgt und auf Branchen-Rang 6 liegt – ist aufgrund der sich anbahnenden Rezession dennoch eher mit Nachfragerückgängen zu rechnen. Wie in anderen Branchen kann diese Tendenz jedoch mit wirkungsvollen staatlichen und europäischen Interventionen in Form von vorgezogenen Bauinvestitionen, Subventionen und Helikoptergeld durchaus korrigiert werden. Ende März einigte man sich jedenfalls darauf, dass bestehende Baustellen unter Schutzvorkehrungen weitergeführt werden. Zu beachten ist aber auch, dass die Baubranche bei weitem nicht alle Leistungen des Bauens liefert. Ein guter Teil des Innenausbaus, viele Sanierungen, die Einrichtungen und die Haustechnik werden nicht von der Bauwirtschaft geliefert, sondern überwiegend von Gewerbe und Handwerk, Industrie und Freiberuflern. Und da gerade das Refurbishment – aus den bekannten Gründen der Raumordnung und der Bevölkerungsentwicklung – schon längst zu den zentralen Agenden des aktuellen Baubetriebs zählt, besitzt der Auftragsstand von klassischen Bauunternehmen auch nur begrenzte Aussagekraft für jenen aller Architekturschaffenden.

Wien, Donaucity (C) WikiCommons, Hubertl (4)

Wien, Donaucity (C) WikiCommons, Hubertl (4)

In diesem Zusammenhang lohnt ein kurzer Blick auf die Spartenverteilung der Bauleistung in Österreich. Vorausgeschickt sei, dass es dazu nur sehr wenige Statistiken gibt und die Bauwirtschaft entsprechende Daten offenbar nur zögerlich preisgibt. Zum eigenen Schaden, möchte man sagen, denn wenn man nicht weiß, was Bauunternehmen genau bauen, dann wird es schwierig, ihnen gezielt unter die Arme zu greifen. Zahlen der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) von 2018 zeigen jedenfalls, dass satte 54 % der Leistung in den Wohnbau fließt (in Zahlen: von den 34,11 Mrd. Euro der gesamten österreichischen Hochbauproduktion wurden 18,54 Mrd. alleine in den Wohnbau investiert). Was wir schon vorher wußten: Investitionen (auch Subventionen) in den Wohnbau bewegen gleich ein ganz großes Wirtschaftsrad, das neben der Baubranche auch zahllose Gewerbebetriebe, Handwerker und PlanerInnen in Beschäftigung hält. Das Problem dabei ist jedoch, dass aufgrund der Bevölkerungsentwicklung (kaum Zuwächse) und des enormen ungehobenen Bestandspotentials keine großen Steigerungsraten im Wohnungs-Neubau zu erwarten sind.– Weiters interessant an der genannten WKO-Statistik: An zweiter Stelle des Bauvolumen-Rankings standen 2018 die Verkehrsinfrastruktur, an dritter die Geschäftsgebäude (Handel), an vierter die Industriebauten und erst an fünfter die Bürobauten. Bei der Verkehrsinfrastruktur, die ja großteils von der öffentlichen Hand bestritten wird und die sich ohnehin bereits in einem investitionsintensiven Transformationsprozess in Richtung öffentlicher Verkehrsmittel wie die Bahn befindet, könnte die Politik sofort und direkt einiges in Bewegung setzen. Auch das Gesundheitswesen mit 1,637 Mrd. Euro an Bauleistung ist stark von Aktivitäten der öffentlichen Hand geprägt, weshalb es gut „gesteuert“ werden kann. Seine Bautätigkeit im engeren Sinne (etwa Spitalsneubau) steht allerdings sicher nicht im Mittelpunkt der wirtschaftlichen Betrachtung von Gesundheitseinrichtungen, die ja – siehe die eingangs genannten allgemeinen Wirtschaftsdaten – volkswirtschaftlich vor allem durch ihre Personalintensität relevant sind. Die Anpassungen an Covid und die Folgen werden zweifellos eine Menge kleinerer Adaptierungen erfordern, die wiederum geplant und auch gebaut werden müssen – allerdings als Innenausbau und oft in Leichtbauweisen, sodass dieser bedeutende Bereich kaum in den Statistiken der Bauwirtschaft aufscheint. In einer Epidemiesituation wird der Sektor jedenfalls sicher nicht zurückgefahren. Mit kaum fünf Prozent der Bauleistung in Österreich zählt er zwar ebensowenig zu den Schwergewichten wie der Bildungsbau mit 2,3 %, was jedoch angesichts der Möglichkeiten und Realität wie gesagt nur begrenzt aussagekräftig ist. – Weniger gilt das naturgemäß für die obgenannten großen Sparten auf den Rängen drei bis fünf, die recht direkt vom Konsum der Leute abhängen, der wiederum von der allgemeinen Stimmung und den Aussichten wesentlich geprägt ist. In diesen Bereichen, die zusammen rund 23 % der Hochbauproduktion ausmachen, wird man sicher einiges Durchhaltevermögen brauchen.

Für die stetig wachsende Zahl an Architekturbüros, die schon seit längerem nicht mehr ausschließlich von klassischer Bauplanung leben, sondern auch zahlreiche Beratungsleistungen liefern, ist aufgrund dieser Diversifizierung – wie oben ausgeführt – das Schicksal der Baubranche glücklicherweise nicht mehr das einzige Erfolgskriterium. All jene Player, die schon jetzt über Kompetenz in Konzeption und Management partizipativer Bottom-Up-Prozesse verfügen, die ihre Kosten reduziert haben und von vielen kleineren Beratungsleistungen leben können oder die sich gute Kundennetzwerke etwa im Sozial- und Bildungsbereich, in der New Economy oder im Wohnbau aufgebaut haben, könnten – soferne ihre Reserven für drei Monate erzwungene Untätigkeit reichen – mit glimpflichen Dellen aus der aktuellen Krisensituation herauskommen. Die Nachfrage nach ihren spezifischen Leistungen könnte also – soferne es nicht zu einem generellen Crash kommt – ab Herbst 2020 kaum geringer sein als bis zum Februar dieses Jahres.

In den kommenden Folgen dieser Reihe werden wir uns noch detaillierter mit dem verfügbaren Zahlenmaterial auseinandersetzen – und wir werden eingehend die Frage nach dem Wandel unserer Lebensweise diskutieren. Das Bauwesen ist ja die Schnittmenge aus Erfahrung und Zukunftshoffnung unter den Bedingungen der Gegenwart. Der Zukunftspart dieser Formel bringt zweifellos einige Änderungen, weshalb der Gegenwartsteil – das, was wir hier und heute planen und bauen – angepaßt werden muss, was wiederum neue Berufsbilder erzeugen wird. Die spannendste Frage dabei ist: Welche? Was müssen wir lernen, um zukunftsfit zu sein?

Datenquellen: WKO, VÖTB

Recherche: Klara Jörg

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