Landesgalerie Niederösterreich von Marte.Marte

Das hyperparabolische Kunsthaus

Landesgalerie Niederösterreich © Faruk Pinjo

Die Eröffnung der neuen niederösterreichischen Landesgalerie in Krems fand am 25. Mai 2019 statt. Sie beantwortete viele Fragen, die seit der Baufertigstellung und dem pre-opening am 3. März zur Nutzung des markanten Hauses mit den schiefen Wänden gestellt wurden. Dessen städtebauliche Signalwirkung stand indes nie in Frage – nun sind kreative Konzepte gefragt, die der anspruchsvollen Bauplastik alle museologischen Möglichkeiten entlocken.


 

Kunstmeile: Der letzte Puzzlestein

Die Bauaufgabe war klar formuliert: Es ging darum, die "Kunstmeile" des Landes Niederösterreich in Krems (Kunsthalle, Karikaturenmuseum, Minoritenkirche, Adolf-Frohner-Forum, Orte Architekturnetzwerk) mit einem letzten Puzzlestein – der landeseigenen Sammlung moderner Kunst – zu vollenden und so eine kritische Masse an überregional attraktiven Kunstfunktionen in hochwertigem historischen Stadtumfeld samt perfekter Landschaftseinbettung herzustellen. Schon diese grundlegende kulturpolitische Idee – Niederösterreich investierte in den vergangenen 25 Jahren hunderte Millionen Euro in den Ausbau der kulturellen Infrastruktur mit zahlreichen neuen Häusern – hat in Österreich keine Parallele und versprach am Standort Krems bei erfolgreicher Einlösung eine gewisse Alleinstellung unter den Kunstregionen des Landes.

Marte.Marte: Landesgalerie, Krems, unten rechts im Luftbild (c) Ingo Wakolbinger

Marte.Marte: Landesgalerie, Krems, unten rechts im Luftbild (c) Ingo Wakolbinger

Innerhalb der vorwiegend gegenwartsorientierten Kremser Kunstmeile sollte die Landesgalerie für die Besucher als kunsthistorischer Referenzrahmen fungieren. Die Idee eines thematisch flexiblen, aber historisch geerdeten Ankerpunkts für ein zeitgenössisches Kunstnetzwerk ist bestechend. Sie bietet dem Kunstbetrieb viele Erkenntnis-Chancen, die "Kunstmeile" wird zur multifunktionalen Bühne, die schon wegen ihres urbanen und landschaftlichen Umfeldes singulär ist. Zudem ist sie binnen einer Stunde aus der Metropole Wien erreichbar. Bilanz vorweg: Das neueste Haus im Netzwerk entspricht diesem Anspruch und bietet alle Chancen, ihn durch seinen Betrieb auch langfristig einzulösen. Die Hardware ist leistungsfähig – nun muss passende Software sie auch nutzen.

Bilanz vorweg: Das neueste Haus im Netzwerk entspricht diesem Anspruch und bietet alle Chancen, ihn durch seinen Betrieb auch langfristig einzulösen. Die Hardware ist leistungsfähig – nun muss passende Software sie auch nutzen.

Über diese basalen Anforderungen hinaus funktioniert das Haus aber auch als vielschichtiges Kunstwerk von Rang. Diese wichtige Funktion ist – trotz aller nachvollziehbaren Postmoderne-Kritik, White-Cube-Obsessionen und Funktionalismus-Sehnsucht vieler Museumsleute und Ausstellungsmacher – immer noch legitim und in einem hochwertigen städtebaulichen Umfeld wie in Krems-Stein sogar unverzichtbar. Aber welche Baukunst ist hier angebracht? An der städtebaulich sensiblen Nahtstelle zwischen dem mittelalterlichen Stadtkern von Stein, der Gründerzeitbebauung am Westrand von Krems und der spektakulären Donau-Flusslandschaft wäre wohl weder ein minimalistisch-introvertierter Quader noch eine exaltiert-raumgreifende Geste die perfekte Lösung.

Hier hält nun der in sich gedrehte Kubus mit Einschnitten eine gekonnte Balance zwischen diesen Extremen – die schraubende Bewegung nach oben funktioniert auch als Verflechtung mit dem landschaftlichen Umraum:

Marte.Marte: Landesgalerie Niederösterreich, Krems: Die Titanzinkfassade (c) Roland Horn

Marte.Marte: Landesgalerie Niederösterreich, Krems: Die Titanzinkfassade (c) Roland Horn

Sie zieht zuerst den Blick und danach auch die Besucher selbst nach oben, wo sich von der Dachterrasse aus gezielt gerahmte Ausblicke Richtung Benediktinerstift Göttweig im Süden und Altstadt Stein im Westen öffnen. Die vier Rundbögen, die das Erdgeschoss allseitig öffnen und das Haus mit dem Stadtraum verflechten, sorgen für die erforderliche Leichtigkeit des Gebäudes, dessen beachtlichem Volumen von 35.000 m3 im Zusammenspiel mit der je nach Wetterlage changierenden Haut aus Titanzink-Schindeln jede übermäßige Dominanz über seine niedrigeren Nachbarn genommen wird. Die ursprüngliche Idee der Architektenbrüder Marte, das Haus komplett in Sichtbeton zu halten, erwies sich als unvereinbar mit dem Kostenrahmen – die dafür notwendige zweischalige Konstruktion (eine einschalige brächte wegen möglicher Setzungsrisse Dichtigkeitsrisken) hätte schon das gesamte Baubudget verschlungen.

Eine ungewöhnliche Drehform

Welche Folgen hat die ungewöhnliche Drehform für das Innenleben? „Durch die Torsion um die Achse der Nordwest-Ecke des Gebäudes entstehen lauter hyperparabolische Flächen“, erklärt die Vorarlberger Architekturkritikerin Marina Hämmerle. „Die sich verbindenden Geraden zweier ungleicher Quadrate in Grund- und Dachebene formen spektakulär verzogene Flächen, kaum zu fassen für das menschliche Auge.“ Und natürlich bilden sich diese spektakulär verzogenen Flächen auch im Innenraum ab – mit Ausnahme des ausgedehnten Untergeschosses, das vertikale Wände, eine größere Grundfläche als jene der Obergeschosse sowie einen unterirdischen Übergang zur Kunsthalle gegenüber bietet.

Die sich verbindenden Geraden zweier ungleicher Quadrate in Grund- und Dachebene formen spektakulär verzogene Flächen, kaum zu fassen für das menschliche Auge.

Marina Hämmerle

 

Marte.Marte: Landesgalerie Niederösterreich, Krems: Sammlungspräsentation (c) M. Boeckl

Marte.Marte: Landesgalerie Niederösterreich, Krems: Sammlungspräsentation (c) M. Boeckl

Die spezielle Torsion um die Achse der Nordwest-Ecke des Gebäudes hat zur Folge, dass die Wände sich nur an wenigen Stellen der Vertikalität annähern – und sich von dort mit jedem Laufmeter Wand kontinuierlich immer weiter in Einwärts- oder Auswärts-Schräglagen neigen. Dazu kommt noch die Lichtsituation: Drei der fünf Ebenen haben ausschließlich das von vielen Kuratoren und Konservatoren geforderte Kunstlicht, während das Erdgeschoss mit den Rundbögen und das oberste Geschoss mit dem verglasten Zugang zur Dachterrasse auch natürlich belichtete Zonen bieten. So zeigt das Haus überraschend vielfältige Raum- und Lichtsituationen, die als willkommene Gliederungsvorschläge für Ausstellungen verschiedenster Medien (Skulpturen, Objekte, Bilder, Screens, Installationen) fungieren können.

Marte.Marte: Landesgalerie Niederösterreich, Krems: Frei unterteilbare Ausstellungsebene (c) Roland Horn

Marte.Marte: Landesgalerie Niederösterreich, Krems: Frei unterteilbare Ausstellungsebene (c) Roland Horn


Kreative kuratorische Konzepte gefragt

Der intelligente kuratorische Umgang mit diesen komplexen, aber dennoch klaren Raumfiguren (vier frei unterteilbare Flächen rund um einen Erschließungskern plus White-Cube-Untergeschoss) sollte als Chance, nicht als Hindernis gesehen werden. Mit 5500 m2 Nutzfläche auf fünf Ebenen lässt sich einiges anfangen, etwa Ebenen-übergreifende, multimediale Ausstellungen, die Tages- und Kunstlicht, gerade und schiefe Wände brauchen. Oder Präsentationen, die frei im Raum stehend eigene Volumina definieren. Wer unbedingt eine White Box braucht, der hat sie im Untergeschoss in großzügiger Dimension.

Die ungewöhnlichen Raumformen „vertragen“ es sogar, dass man ihren schiefen Wänden mit vertikalen Wandelementen zu Leibe rückt – vorausgesetzt, dass es punktuell und kreativ geschieht: Für die Eröffnungsausstellung haben die deutschen Museumsdesigner hg merz Leichtbauwände – deren Holzrippen-Unterkonstruktion auf der nicht für Exponate genutzten Seite sichtbar belassen wurde und auf der Schauseite oben wie unten durchlugt – nicht einfach parallel an die Außenwände geschoben, sondern sie in einem Winkel raumeinwärts geschwenkt: Dadurch entsteht zwischen der geneigten Außenwand des Museums und der vertikalen Leichtbauwand innen eine interessante Raumzone, die keineswegs „junk space“ ist: Für Skulpturen, andere dreidimensionale Objekte oder sogar Ruhezonen ist sie durchaus nutzbar.

Die fünf Eröffnungsausstellungen zeigten sehr klar, was in diesem Haus gut funktioniert und was man eher vermeiden sollte: Ältere Malerei mit hohen konservatorischen Anforderungen – wie die derzeit dort präsentierte Sammlung Hauer – ist etwa in den Kunstlichträumen mit lotrechten Wänden im Untergeschoss gut aufgehoben. Robuste Objektkunst wäre perfekt im Erdgeschoss zu präsentieren – durch die gebogenen Glaswände schon von außen her zu sehen. Die aktuell dort präsentierten subtilen Arbeiten von Biennale-Teilnehmerin Renate Bertlmann können dieses Potential gestalterisch kaum nützen.

Das erste und das zweite Obergeschoss mit den gekrümmten Wänden und der Kunstlichtsituation wird wohl am besten mit gemischten Medien genutzt – etwa Skulpturen bevorzugt entlang der geneigten Außenwände und „Flachware“ an den geraden Wänden des Kerns oder auf eingestellten Leichtbauwänden. Dass diese jedoch nicht zu dicht auftreten sollten, wurde bei der Eröffnungsschau im zweiten Obergeschoß klar, wo der verständliche Wunsch der Landesgalerie, zur Eröffnung möglichst viel von ihren Schätzen zu zeigen, zu weniger großzügigen Raumsituationen führte als möglich wäre. Die oberste Ebene mit dem Zugang auf die Dachterrasse ist wiederum gut für Studio-Projekte geeignet, die aktuelle Präsentation von Fotos und Bildern von Heinz Cibulka kann dem allerdings kaum entsprechen.

Marte.Marte: Landesgalerie Niederösterreich, Krems: Ausstellungsarchitektur von hg merz (c) M. Boeckl

Marte.Marte: Landesgalerie Niederösterreich, Krems: Ausstellungsarchitektur von hg merz (c) M. Boeckl

Netzwerk mit Interaktion?

Die eingangs angesprochene Funktion des Hauses in einem Netzwerk mehrerer Kunstinstitutionen müsste so großzügig wie nur möglich ausgelegt werden. Der ganz und gar nicht großzügige unterirdische Verbindungsgang zwischen dem Neubau der Landesgalerie und der bestehenden Kunsthalle in der alten Tabakfabrik samt rückseitigem Zubau von Adolf Krischanitz (1992-95) hätte hier als perfekter Dreh- und Angelpunkt zwischen den verschiedenen Programmen der beiden Häuser fungieren können, wenn er wesentlich breiter und womöglich sogar mit tiefen Präsentationsnischen zu einer Art Plaza ausgeweitet worden wäre – aus Kostengründen war das wohl nicht leistbar (Gesamtbaukosten netto € 32,8 Mio.). Überhaupt wäre eine maximale Interaktion zwischen der Sammlung in der Landesgalerie und den aktuellen Ausstellungen in der Kunsthalle wünschenswert – bis hin zu einem Haustausch bei besonderen Anlässen, falls dies den gezeigten Werken entgegenkommen und die Botschaften unterstützen würde.

Marte.Marte: Landesgalerie Niederösterreich, Krems: Erschließungskern und umlaufende Galerien (c) Roland Horn

Marte.Marte: Landesgalerie Niederösterreich, Krems: Erschließungskern und umlaufende Galerien (c) Roland Horn

Für die Architekten und alle Architekturfreunde hat sich das Abenteuer jedenfalls gelohnt – alleine schon wegen der tatsächlich unkalkulierbaren und frappierenden Wahrnehmungseffekte der ungewöhnlichen Gebäudegeometrie: Steht man etwa an der Südseite des Hauses auf der gegenüberliegenden Straßenseite, dann wirken die horizontale Attika und der ebenso ebene Boden der darin eingeschnittenen Aussichtsterrasse stark nach links geneigt. Diesen verblüffenden optischen Effekt können sich nicht einmal die Architekten erklären – kann es eine subtilere, schönere „Mitwirkung“ metaphysischer Sphären an einem Kulturbau geben?

Eine ausführliche Präsentation, Dokumentation und Analyse der neuen Landesgalerie Niederösterreich, auch im internationalen Kontext und jenem der speziellen Raumtypologie, lesen sie in Heft 7-8/2019 von architektur.aktuell.

Marte.Marte: Landesgalerie Niederösterreich, Krems: Die Südfassade mit der scheinbar kippenden, in Wahrheit horizontalen Attika (c) Roland Horn

Marte.Marte: Landesgalerie Niederösterreich, Krems: Die Südfassade mit der scheinbar kippenden, in Wahrheit horizontalen Attika (c) Roland Horn

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