Kolo Moser-Retrospektive in Wien

Der Tausendkünstler

Anonym, Porträtfotografie Koloman Moser, um 1903 © MAK

Das Wiener MAK zeigt erstmals eine umfassende Retrospektive des vielseitigen „Tausendkünstlers“, wie ihn Secessions-Apologet Hermann Bahr nannte: In fünf Kapiteln, vom historistischen Design der Gründerzeit als Ausgangspunkt der Wiener Moderne über die Kunstrevolution der Secession bis zum „Ausstieg“ Kolo Mosers aus der Wiener Werkstätte 1907 und seiner Hinwendung zur Malerei der letzten elf Lebensjahre.


 

Die Kuratoren Christian Witt-Dörring und Elisabeth Schmuttermeier legten die Schau als spannenden und lehrreichen Blick in die Künstlerwerkstatt an: Eigens angefertigte A-Ständer-Displays, an die mit Magneten hunderte kleine Skizzen und Entwurfszeichnungen ungerahmt fixiert sind, fast wie direkt vom Zeichentisch des Künstlers genommen, zeigen das überwältigende Spektrum einer schier unerschöpflichen abstrahierend-ornamentalen Kreativität. Ausgebildet als Historienmaler und Kunstgewerbler, konnte Moser (1868-1918) diese unstillbare Formenlust ab 1898 in der Wiener Secession u.a. mit seiner folgenreichen Indienstnahme des Quadrats als ornamentale Grundform des „Wiener Stils“ und ab 1903 in der von ihm mitbegründeten Wiener Werkstätte in fast allen Medien ausleben, die für die Gesamtkunstwerk-Idee genutzt wurden: Vom Grafik-Design der Secessions-Zeitschrift „Ver Sacrum“, Plakate und Drucksorten über Gläser, Tafelgerät und Textilien bis zu Bühnenbildern, Ausstellungsinstallationen, Möbeln, ganzen Inneneinrichtungen und großformatiger Glasmalerei (etwa für Olbrichs Secession und Wagners Steinhofkirche).

Koloman Moser, wandfeste Einrichtung für ein Schlafzimmer im Haus Moser, 1901 MAK-Ausstellungshalle © Aslan Kudrnofsky/MAK

Koloman Moser, wandfeste Einrichtung für ein Schlafzimmer im Haus Moser, 1901, MAK-Ausstellungshalle © Aslan Kudrnofsky/MAK

Gemeinsam mit Josef Hoffmann befriedigte er den rasch wachsenden Bedarf der Jugend einer neu aufgestiegenen, selbstbewussten Gesellschaftsschicht nach einem modernen Lebensstil. Dieser sollte Bildung, Geschmack, ja sogar kulturelle Raffinesse ausdrücken und grenzte sich gegen die „materialistische“ Vorgängergeneration – jene der Gründerzeit – programmatisch ab. Moser und Hoffmann lieferten dafür die berauschende Idee, das gesamte Leben mit Kunst zu durchdringen und dem Alltag damit eine quasi-transzendentale Qualität zu verleihen. Gebrauchsgegenstände wurden so zu Kunstwerken und Boten einer ästhetischen Weltanschauung. Mit dieser „Lebensreform“ konnte sich die „jeunesse dorée“ des neuen Großbürgertums um 1900 bestens identifizieren. Moser war 1907 aber auch der erste aus dem inneren Kreis der „Weihekünstler“, der diesen Ästhetizismus als Illusion erkannte, die mit dem realen Alltag letztlich inkompatibel war.

Im Katalog zeigt Otto Kapfinger in einer brillanten Analyse, woher der Glaube an die Weihekunst stammt, die den Materialismus des Industriezeitalters mit dem Aufbau einer schöneren Welt mit edleren Bewohnern überwinden wollte: Friedrich Nietzsche und Richard Wagner hatten den Antimaterialismus künstlerisch und philosophisch legitimiert. Carl Schorske, den Kapfinger zitiert, beschrieb das schon 1985: „Der wohl bedeutendste Einflußfaktor für die Kultur der ‚Fin-de-siècle‘-Generation war der tiefenpsychologische Vorstoß Wagners und Nietzsches, ihre Rechtfertigung der Ansprüche des instinktiven Gefühls- und Trieblebens gegenüber der ‚bourgeoisen‘ Vernunft im persönlichen wie auch im öffentlichen Leben“.

Diese Ideologie verband sich im Projekt von Moser, Hoffmann & Co mit dem pragmatischeren englischen Vorbild der Arts-and-Crafts-Bewegung um William Morris sowie den Ideen der kontinentaleuropäischen Secessionen. Hoffmann führte das später in den Werkbünden fort. Aufgesetzt auf die 1863 begonnene Kunstgewerbereform, durch die der österreichische Staat die Branche national stärken und international konkurrenzfähig machen wollte (Moser war ab 1899 Professor an der Wiener Kunstgewerbeschule, der heutigen Angewandten), brachte dieses Amalgam die singulären und nur wenige Jahre gültigen Rahmenbedingungen von „Wien um 1900“ hervor.

Kolo Moser-Ornamentskizzen sind im MAK auf Pinnwänden zu sehen

Kolo Moser-Ornamentskizzen sind im MAK auf Pinnwänden zu sehen

Wie produktiv diese zehn Jahre zwischen der Secessionsgründung 1897 und Mosers „Ausstieg“ 1907 waren, zeigt die von Michael Embacher designte Schau mit einem beeindruckend reichen Panorama an Arbeiten für die Wiener Werkstätte und österreichische Qualitätshersteller wie J. Backhausen und E. Bakalovits, mit Dokus zu Ausstellungsgestaltungen sowie originalen Möbeln und Einrichtungen für die wichtigsten Träger des Wiener „Kunstfrühlings“, darunter die Familien Eisler-Terramare, Mautner-Markhof, Stoclet, Stonborough-Wittgenstein, Waerndorfer und Zuckerkandl. Das Schlußkapitel ist den figuralen und Landschaftsbildern Mosers der letzten Jahre gewidmet, die sich deutlich an die Kunst des großen Schweizers Ferdinand Hodler anlehnen. Ihm hatten einige Jahre zuvor die Secessionisten mit großen Präsentationen in ihrem Haus zum internationalen Durchbruch verholfen, Josef Hoffmann richtete auch Hodlers Wohnung ein.

Der wohl bedeutendste Einflußfaktor für die Kultur der ‚Fin-de-siècle‘-Generation war der tiefenpsychologische Vorstoß Wagners und Nietzsches

Carl Schorske

 

Koloman Moser, Schiebetisch für das Toilettezimmer der Wohnung Eisler von Terramare, 1903 © MAK/Georg Mayer

Koloman Moser, Schiebetisch für das Toilettezimmer der Wohnung Eisler von Terramare, 1903 © MAK/Georg Mayer

Der Katalog führt in den gewohnt kenntnisreichen Hauptbeiträgen von Christian Witt-Dörring souverän, detailreich und anschaulich durch Leben, Werk und Umfeld des Künstlers. Dazu werden Beiträge über Mosers Designs für Verlage (K. Pokorny-Nagel), Grafik- und Raumgestaltungen (R. Franz), die Wiener Werkstätte (E. Schmuttermeier) und Bühnenbilder (D. Franke, K. Ifkovits) veröffentlicht. Dokumentiert wird auch die Malerei Mosers (S. Üner) und das Nachwirken seiner Möbeldesigns bis heute (S. Hackenschmidt).

MAK, Wien, bis 22. 4. 2019

Koloman Moser, Entwurf für das Südfenster der Kirche St. Leopold am Steinhof, 1905/06 © MAK/Georg Mayer

Koloman Moser, Entwurf für das Südfenster der Kirche St. Leopold am Steinhof, 1905/06 © MAK/Georg Mayer

Bilder in der Galerie:

1. Koloman Moser, Plakat für die XIII. Secessionsausstellung, 1902 © MAK

2. Koloman Moser, Prunkkassette, 1906 Ausführung: Wiener Werkstätte (Adolf Erbich, Eugen Pflaumer, Karl Ponocny, Therese Trethan) © MAK/Georg Mayer

3. Koloman Moser, Männlicher Akt (gelb und blau), um 1913 Privatbesitz © Belvedere, Wien Vienna/Johannes Stoll

4. Koloman Moser, Armlehnstuhl, um 1903; COPA (Alfred Burzler, Thomas Exner), KM_100, 2003 MAK-Ausstellungshalle © Aslan Kudrnofsky/MAK

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