Nachruf auf den Gründungsdirektor des Architekturzentrums Wien

Dietmar Steiner: Fährtenleger und Spurensucher

Eröffnung „alexander brodsky. it still amazes me that i became an architect“ 2011 © eSeL.at

Dietmar Steiner, einer der leidenschaftlichsten, umtriebigsten und streitbarsten Persönlichkeiten in der heimischen Architekturszene ist am 15. Mai nach langer, schwerer Krankheit gestorben. 1993 gründete er das Architekturzentrum Wien im Museumsquartier, das er fast ein Vierteljahrhundert lang führte und damit den Diskurs über Architektur in Österreich wesentlich mitprägte. Die Architektur war Steiners Lebenselixier: Ihr widmete er sich in unterschiedlichen Ebenen, Formaten und Funktionen sein ganzes Erwachsenenleben lang. Dietmar Steiner starb mit nur 68 Jahren. Was er zurückgelassen, initiiert und angestoßen hat, wird bleiben.


 

Als Gründungsdirektor des Architekturzentrum Wien (Az W) prägte Dietmar Steiner ein gutes Vierteljahrhundert die Rezeptionsgeschichte heimischer Architektur. Er bewies dabei einen untrügbaren Instinkt für brennende Themen, Strömungen und Fragen. Eröffnet wurde das Architekturzentrum 1993 mit der Ausstellung „Neue Häuser“: Sie zeigte Bauten junger Architekturschaffender, die Walter Zschokke ausgesucht und Margherita Spiluttini, die Doyenne der heimischen Architekturfotografie auf einzigartige Weise porträtiert hatte. „Das Bild der Architektur ist niemals die Architektur selbst, es ist eine durch ein spezifisches Medium dargestellte Idee“, so Dietmar Steiner. Das Museumsquartier war damals Baustelle, die Sessel in der Veranstaltungshalle von Architekturinteressierten gestiftet: ein wunderbares Sammelsurium an Einzelstücken von mitunter erstaunlicher Qualität. Rainers Stadthallenstuhl fand sich dort neben Klappsesseln. Individuelle Sitzmöglichkeiten als Pendants für die Individuen, die hier verkehrten. Das Architekturzentrum war weit mehr als ein Ausstellungsort, es war eine Diskursplattform, eine Vortragsstätte, ein offener Raum für Begegnung, in dem sich alles um die vielen Möglichkeiten, Ausdrucksformen und Lesarten von Architektur drehte. „Die Gründung des Architekturzentrum Wien ist ein Ausläufer der Postmoderne der 1980er, als die Architektur zur Kulturindustrie wurde und wie jede Kulturindustrie ihre entsprechenden Institutionen bekommen hat“, so Steiner in einem Interview mit der Autorin zu den Anfängen des Az W. „Ich wurde von Rudolf Scholten, Ursula Pasterk und Hannes Swoboda eingeladen, ein Konzept für eine Institution wie das Az W zu erstellen. Da waren die berühmten vier Säulen enthalten: Architektur präsentieren, diskutieren, publizieren, archivieren.“

"Steiner's Diary": gesammelte Reflexionen von Dietmar Steiner über Architektur seit 1959

Cover von "Steiner's Diary. Über Architektur seit 1959", erschienen bei Park Books

Die Architektur und wir alle, die wir in ihr leben, haben einen großen Verbündeten verloren.

Angelika Fitz, Direktorin des Architekturzentrum Wien

 

Journalist, Kurator, Juror, Fachbeirat, Initiator, Netzwerker, Autor, Theoretiker: Es waren viele Rollen und Funktionen, in denen Dietmar Steiner die Architekturszene erfuhr, beeinflusste, reflektierte und prägte. Eines verband sie alle: eine tiefe Leidenschaft. Steiner war ein durchaus streitbarer Charakter und äußerte stets unmissverständlich seine Meinung. Von vorbehaltloser Begeisterung bis zum (natürlich) gerechten Zorn: Die Gefühlspalette, mit der er auf Architekturphänomene reagierte, war  breit. Gleichgültig waren ihm die Architektur und ihre Begleiterscheinungen nie. Steiner war international bestens vernetzt, weitgereister Juror (unter anderem für den Mies van der Rohe Award) und hatte einen untrügbaren Instinkt für spannende Themen. Seine Expertise, seine Denkanstöße, aber auch die oft überaus pointiert, mitunter gallig vorgebrachten, anekdotenhaften Eindrücke von Begegnungen und Reisen im weiten Feld der Architektur werden fehlen.

„Die Architektur und wir alle, die wir in ihr leben, haben einen großen Verbündeten verloren“, so Angelika Fitz, jetzige Direktorin des Az W. Dietmar Steiner wurde am 31. Dezember 1951 in Wels geboren, studierte Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien und arbeitete an Friedrich Achleitners Archiv „Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert“ mit. Der Grundstein einer lang anhaltenden Freundschaft und die Basis eines vier Säulen: Achleitner vermachte dem Architekturzentrum Wien sein Archiv, viele Nachlässe bedeutender Architekten und Architektinnen haben sich inzwischen dazu gesellt. Eine bedeutsamer Wissensspeicher: ist er doch der Schlüssel zur jüngeren Vergangenheit und die Grundlage künftiger Architekturforschung. Diesem Schatz widmete das Az W die Ausstellung: „Das Gold des AzW“ (21.03. – 22.07. 2013).

Dietmar Steiner © Architekturzentrum Wien, Foto Heribert Corn

Dietmar Steiner © Architekturzentrum Wien, Foto Heribert Corn

Weitere persönliche High-Lights: „Just built it! – Die Bauten des Rural Studio“ (März bis Juni 2003), das den Selbstbau und die Eigenermächtigung von Nutzern thematisierte, sowie die Ausstellung „Alexander Brodsky. It still amazes me that I became an architect.“ Ein einzigartig sinnliches Erlebnis und Eintauchen in den rätselhaft poetischen Kosmos von Alexander Brodsky. „Wien. Die Perle des Reiches“ (März bis August 2015) wiederum eröffnete den Blick auf die Rolle der Architektur und ihrer Protagonisten während des NS-Regimes. Was Dietmar Steiner selbst am meisten beglückte: „Das schönste Projekt meines Lebens waren die Bushaltestellen im Bregenzerwald. Wo alle – die, die es finanziert haben, die, die es gebaut haben, die, die es gebrauchen – glücklich damit sind. Das ist das, was wir in Zukunft erreichen sollten. Es geht um Wohlbefinden und Zufriedenheit. Und nicht um Aufgeregtheit, Sehstörung und Gleichgewichtsprobleme.“ Ein würdiges Vermächtnis.

Dietmar Steiner bei "Das Gold des Az W. die Sammlung", 2013 (c) eSeL_AzW_GOLD-3274

Dietmar Steiner bei "Das Gold des Az W. die Sammlung", 2013 (c) eSeL_AzW_GOLD-3274

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