Stefka Georgieva im Wiener Ringturm

Eine Architektin der Nachkriegsmoderne aus Bulgarien

Hotel Komplex Fregata am Badeort Sonnenstrand heute Foto: Ivan Pasoukhov

Für viele ist Bulgarien ein weißer Fleck auf der Architekturlandkarte. Dabei hat das südosteuropäische Land am Schwarzen Meer, das etwa gleich viele Einwohner zählt wie Österreich, eine herausragende regional-folkloristische und eine ebenso beachtliche klassisch moderne Tradition. 2007 wurde Bulgarien Mitglieder der Europäischen Union. Bereits damals hat sich die von Adolf Stiller verdienstvoll mit deutlichem Schwerpunkt auf Südost- und Osteuropa kuratierte Reihe „Architektur im Ringturm“ unter dem Titel „Architektonische Fragmente“ mit der Architektur des Landes auseinandergesetzt. Diese erste Ausstellung zu Bulgarien spannte einen weiten Bogen von mittelalterlichen Klosteranlagen bis hin zur zeitgenössischen Architektur.Diesmal konzentriert sich die Ausstellung auf eine einzige Persönlichkeit: Stefka Georgieva (1923 – 2004) war eine herausragende Architektin, die ein umfangreiches und vielseitiges Werk hinterließ.


Ausgebildet an der Technischen Hochschule in München bei Architekt Hans Döllgast, hatte Stefka Georgieva ein solides entwerferisches und strukturelles Rüstzeug, 1947 beendete sie ihr Studium am Staatspolytechnikum in Sofia und begann dann 1948 bei „Glavprojekt“, dem staatlichen Planungsbüro zu arbeiten. Ihre Arbeiten sind konzeptuell den Strömungen von Brutalismus und Strukturalismus zu zuordnen, weisen aber immer wieder auch Elemente auf, die für die bulgarische Architekturtradition typisch sind. „Es war nicht nur interessant, was sie gemacht hat, sondern auch wie sie es gemacht hat“, erklärt Aneta Bulant-Kamenova, Zeitzeugin und neben Adolph Stiller Co-Kuratorin der Ausstellung bei der Pressekonferenz. „Sie hat nämlich ihr Leben lang allein gearbeitet und alles selbst entschieden. Sie war sehr gut in der Konstruktion und hatte einen extrem starken Einfluss auf junge Architekten. Wir nannten sie ,die Lehrerin‘.“ Sie griff auch zu unkonventionellen Methoden: So schickte sie ihre beiden technischen Zeichner auf Praktika zu einem Tischler und einem Steinmetz, damit sie die Handwerker auf der Baustelle auch gut instruieren und mit ihnen auf Aughöhe sprechen konnten.

Tennishalle Sofia (1968) Foto: Archiv Stefka Georgieva

Tennishalle Sofia (1968) Foto: Archiv Stefka Georgieva

Stefka Georgieva ist das Gesicht des bulgarischen Brutalismus und war eine Schlüsselfigur in der sozialistischen Architektur.

Aneta Vasileva

„Stefka Georgieva ist das Gesicht des bulgarischen Brutalismus und war eine Schlüsselfigur in der sozialistischen Architektur“, sagt die Architekturhistorikerin Aneta Vasileva. „Sie hat viel mit der Struktur experimentiert.“ Die konstruktive Souveränität von Stefka Georgieva zeigt sich besonders am Entwurf ihrer Tennishalle in Sofia. Diese besteht im Prinzip aus acht dreieckigen Stahlbetonrahmen, die als raumbildende Tragstruktur wirken. Zwischen diesen mächtigen, brutalistisch anmutenden Struktur aus Sichtbeton kamen als ansprechender Kontrast Holz und Glas zum Einsatz. Einen besonderen Reiz verleiht dieser Halle noch ein Mauerstreifen aus unbearbeiteten Findlingssteinen als Sockel der Eingangsfassade. Für dieses Element suchte Georgieva jeden einzelnen Stein selbst auf einer Halde aus und ließ ihn dann zur Baustelle transportieren. „Als Stefka Georgieva im Jahr 1968 ihre Tennishalle in Sofia fertig stellte, erhob sie sich in unseren Augen auf eine Stufe mit unseren ausländischen Vorbildern, den Neuen Brutalisten. Das war der Moment, als die Kollegen ihrer Gruppe begannen, die die Lehrerin zu nennen“, erinnert sich Aneta Bulant-Kamenova.

Materialen wie Findlingssteine aus der unmittelbaren Umgebung eines Gebäudes in ihre Architektur ein zu beziehen, um diese so noch mehr zu einem Teil der Landschaft werden zu lassen, war ein Kunstgriff, den Georgieva immer wieder anwandte: So bestand ein Großteil des Mauerwerks des Restaurant Wodenitzata (1970 – 75) im Bezirk Dargalevtsi in Sofia aus unbearbeiteten Natursteinen. Dieses Lokal liegt am Abhang des Witoschagebirges, mit seinen Mauern aus Findlingssteinen fügt es sich wunderbar in die Gegend. Einzig die Dachträme aus Sichtbeton, die am Eck unter den Ziegeln vorlugen und die Unterzüge aus Beton über den Fenstern verraten, dass dieses Lokal keine vernakuläre Architektur ist.

Restaurant Wodenitzata Foto: Ivan Pastoukhov

Restaurant Wodenitzata Foto: Ivan Pastoukhov

Hochmodern, leichtfüßig und sehr mondän gab sich hingegen das Restaurant Düni (1958-60), das um ein Geschoss auf einer Brückenkonstruktion aufgeständert mit einer raumhohen, umlaufenden Glasfassade und einem weit auskragenden, schlanken Flugdach der protoypischen Vorstellung eines Panoramarestaurants am Stand entsprach. Dieses Restaurant ist leider inzwischen zerstört. „Leider sind viele der Arbeiten von Georgieva gefährdet. Denn kein einziges davon steht unter Denkmalschutz“, so Aneta Vasileva. „Wir befinden uns in einem Wettlauf mit der Zeit. Die Frage ist, was ist rascher: Die steigende Wertschätzung für die Architektur der Nachkriegsmoderne oder die Zerstörung derselben.“

Die Ausstellung im Ringturm zeigt jedenfalls die Bauten von Georgieva großteils in Archivaufnahmen: Hier sieht man auf schönen, historischen schwarz-weiß Fotografien ihre Hauptwerke in unversehrter Pracht glänzen: Die Villa „Magnolia“, eine Staatsresidenz (1960), die bahnbrechende Tennishalle in Sofia (1968), den Komplex von drei Wohnhochhäusern mit Appartements für den Bedarf des ausländischen diplomatischen Korps in Sofia (1973), Musterbeispiele des internationalen Stils – und die Hotelgruppe „Fregata“ am Badeort Sonnenstrand (1972).

Hotel Komplex Fregata am Badeort Sonnenstrand von Architektin Stefka Georgieva Foto: Archiv Stefka Georgieva

Hotel Komplex Fregata von Architektin Stefka Georgieva Foto: Archiv Stefka Georgieva

Restaurant Düni am Meer Foto: Archiv Stefka Georgieva

Restaurant Düni am Meer Foto: Archiv Stefka Georgieva

Ausstellungszentrum im Ringturm

Schottenring 30
1011 Wien
Österreich

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