Gestaltungsbeirat

Feuerwehr für die Baukultur

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Von Gestaltungsbeiräten haben die meisten Menschen nur eine vage Vorstellung. Dabei sind sie essentielle Gremien, die große Planungsvorhaben transparenter machen und raumplanerische Weichen stellen können. Die Architektenkammer gab nun eine Studie zu Gestaltungsbeiräten in Auftrag und lud zu einem ersten Vernetzungstreffen nach Innsbruck. More is to follow.


Das Wort ist sperrig: „Gestaltungsbeirat.“ Davon sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn Gestaltungsbeiräte leisten wesentliche Basisarbeit für die Baukultur, von der wir alle profitieren. In Städten, Dörfern und Siedlungen, in denen sich Häuser und Straßen an den menschlichen Maßstab halten, Platzräume bilden, fußgängerfreundlich, behindertengerecht, barrierefrei und ansprechend gestaltet sind, fühlt sich jeder wohler. Gestaltungsbeiräte können da einiges bewirken: Zum Beispiel, dass ein geschmackloser, überdimensionierter Neubau, der in einer kleinteilig strukturierten Altstadt projektiert ist, doch noch einmal neu und etwas rücksichtsvoller geplant wird.

Im Dienst der Architekturqualität

Eine der häufigsten Aufgaben von Gestaltungsbeiräten ist, zu begutachten, ob ein Projekt in eine Ortschaft passt. Außerdem bemühen sie sich, die architektonische Qualität in einer Gemeinde sicher zu stellen und die Politik in Bauangelegenheiten zu beraten. So beurteilen Gestaltungsbeiräte, ob ein Wohnbauvorhaben auch tatsächlich Förderung verdient und begleiten Wettbewerbe. Alles in allem wichtige Aufgaben, die durchaus Weichen stellen und letztlich auch Steuergeld sparen können.

Gemeinden, die auf sich und ihre Baukultur etwas halten, leisten sich selbstverständlich einen Gestaltungsbeirat. Dieser wird immer dann, wenn etwas in puncto Ortsentwicklung besonders heikel scheint, tätig. Natürlich gibt es auch da ein starkes Ost-West-Gefälle: so hat Vorarlberg in Relation zu anderen Bundesländern österreichweit eindeutig die größte Zahl und höchste Dichte an Gestaltungsbeiräten. Vielleicht ist darin auch eine Ursache für die hohe Baukultur im Ländle zu sehen. Wobei der Innsbrucker Architekt Daniel Fügenschuh, der momentan Bundessektionsvorsitzender der Architektenkammer ist, auch den Umkehrschluss für zulässig hält: Je mehr Baukultur, umso mehr Gestaltungsbeiräte.

Man braucht sich nur in der Landschaft umsehen, um zu wissen, wie nötig wir das hätten

Daniel Fügenschuh
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ZT Vernetzungstreffen Innsbruck (c) Felix Pirker

Österreichweit wären mehr davon sicher nicht falsch. „Man braucht sich nur in der Landschaft umsehen, um zu wissen, wie nötig wir das hätten“, so Fügenschuh. „In Südtirol, Bayern oder in der Schweiz ist die Situation schon wesentlich besser.“ Fügenschuh ist selbst seit zwei Jahren im Gestaltungsbeirat von Wels tätig. „Wir haben sehr unterschiedliche Aufgaben, das ist ja das spannende an unserer Arbeit. In Wels gab es früher viel Industrie und viel Zuzug. Außerdem existiert eine historische Tradition bei Wohnhochhäusern, die man weiterführen kann. Wir müssen über viele Projekte entscheiden, deren niedriger Anspruch mich oft erstaunt. Ich sehe unsere Rolle wie die einer Feuerwehr: das Schlimmste zu vermeiden.“ Der Gestaltungsbeirat bemüht sich nun, bei Fehlentwicklungen der letzten Jahre gegen zu steuern: so will man Sanierungen fördern, um auch den Leerstand in der Innenstadt wieder zu reduzieren.


Bewusstseinsoffensive

Fügenschuh betrachtet den Gestaltungsbeirat als Anwalt der Öffentlichkeit und hat sich eine stärkere Vernetzung der Beiräte zum Ziel gesetzt. Daher startet die Architektenkammer nun eine Bewusstseinsoffensive – und gab als ersten Schritt bei der IMAD-Marktforschung und Datenanalysen in Innsbruck eine Befragung zu Gestaltungsbeiräten in Auftrag, in denen immerhin an die zweihundert Architekten vertreten sind. Diese brachte ein differenziertes Bild zu Tage:

  • so sind 78% aller Gestaltungsbeiräte für eine einzige Gemeinde tätig, 20% für mehrere
  • Mit Abstand die meisten sind in Vorarlberg aktiv (31%)
  • Schlusslicht ist das Burgenland (2%).
  • Im Durchschnitt üben die meisten ihre Tätigkeit zwei Jahre aus (33%), sind also keine Sesselkleber.
  • 31% sind zwischen zwei und fünf Jahren Mitglied, 9% mehr als zehn Jahre im Gestaltungsbeirat tätig.
  • Rund ein Drittel aller Gestaltungsbeiräte investiert pro Jahr zwischen 30 und 60 Stunden Arbeitszeit in diese Tätigkeit, immerhin ein Viertel sogar 60 bis hundert Stunden, 12 % mehr als hundert, 27% unter 30 Stunden.
  • Die Mehrheit wird nach Stundenaufwand vergütet, was auch die Zufriedenheit erhöht.
  • Pauschalen sind bei 35% üblich, aber nicht so beliebt.
  • Die meisten bekommen Tagungs- und Fahrzeit bezahlt (71%), 56% auch noch Anfahrtskosten und Unterkunft.
  • Der kleinste Gestaltungsbeirat hat zwei Mitglieder, rund die Hälfte (48%) hat drei Mitglieder, der größte 57.
  • Der Anteil an Architektinnen beträgt im Schnitt 80%, mehr als die Hälfte der Gestaltungsbeiräte bestehen zu 100% aus Architektinnen.

Daniel Fügenschuh| Foto Larry Williams


Pionier

In Salzburg kämpften seit den 1970er Jahren Bürgerinitiativen beherzt gegen überdimensionierte Großprojekte und den Erhalt des Grüngürtels im Süden der Stadt. 1982 stellte die „Salzburger Bürgerliste“ einen Stadtrat, Johannes Voggenhuber, der das sogenannte „Salzburg-Projekt“ initiierte. Dieses umfasste eine Grünlanddeklaration, eine neue Verkehrspolitik, Impulse für die Altstadt und eine „Architekurreform“. Deren Herzstück bildete ein neuer „Beirat für Stadtgestaltung“, der am 14. November 1983 gegründet wurde.

Die Methode der Wahl war damals, alles in der Presse breit zu treten. Fast jedes Projekt, das dort vorkam, war ein Skandal.

Daniel Fügenschuh

„Die Methode der Wahl war damals, alles in der Presse breit zu treten. Fast jedes Projekt, das dort vorkam, war ein Skandal. Heute würde ich etwas vorsichtiger vorgehen“, meint Daniel Fügenschuh. Wesentlich war der Beirat trotzdem. „Eine der wichtigsten Funktionen eines Gestaltungsbeirats ist, dass nicht die Entscheidungsträger allein die Dinge händeln können, sondern sich mit dem Gutachten eines fachlich kompetenten Gremiums auseinandersetzen müssen. Die Entscheidungsfindung wird so nachvollziehbar und transparent.“ Nachsatz: „Es wäre ganz sicher begrüßenswert, wenn sich jede Kommune und größere Firma einen Gestaltungsbeitrat leistete, um ihre Bauvorhaben begutachten zu lassen.“


Hohes Niveau, großer Output

Mitglieder des ersten und zweiten Salzburger Beirats waren der italienische Architekt Luigi Snozzi, Stadtrat Johannes Voggenhuber, Wilhelm Holzbauer, Adolfo Natalini und Gehard Garstenauer, allesamt durchaus prominente Vertreter ihrer Zunft. Auch der dritte Beirat war mit Johann Georg Gsteu, Gustav Peichl, Christoph Hackelsberger und Norbert Steiner sehr hochkarätig besetzt. 2012 waren Elsa Prochazka, Walter Angonese, Peter Riepl, Marie-Theres Harnoncourt und Susanne Burger im Beirat. Insgesamt wurden vom Gestaltungsbeirat zwischen seiner Gründung 1983 bis 2013 beachtliche 185 Sitzungen abgehalten, 550 Projekte und 190 Wettbewerbe begutachtet. Man muss Salzburg doch insgesamt zugutehalten, dass es seine denkmalgeschützte Altstadt vorbildlich hegt und pflegt:

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ZT Vernetzungstreffen Innsbruck (c) Felix Pirker

Neuere Eingriffe wie das sehr schöne, filigrane Wohn- und Atelierhaus der Architekten Christine und Horst Lechner in der Priesterhausgasse fügen sich in das UNESCO-Weltkulturerbe der Salzburger Altstadt hervorragend ein. Auch neuere Entwicklungen wie der Umzug der Stadtbibliothek in die „Neue Mitte Lehen“ vom Architekturbüro Halle 1 in einen bis dato eher benachteiligten Stadtteil können sich durchaus sehen lassen. Heute ist Lehen für Menschen, die sich für moderne Architektur interessieren, dank der „Neuen Mitte“ und einiger geglückter sozialer Wohnbauten durchaus attraktiv.

Doch auch der Unipark Nonntal (Storch Ehlers Partner, 2011) ist nicht nur ein Hot-Spot für Studierende, sondern für alle Salzburger ein angenehmer öffentlicher Ort. Sogar ein Einkaufszentrum an der Peripherie, der Europark von Massimiliano Fuksas hat hier eine gewisse architektonische Qualität. Der Gestaltungsbeirat in Salzburg begutachtet seit 1983 große, für das Stadtbild bedeutende Bauvorhaben außerhalb der Altstadt, Wettbewerbe und entsendet ein Mitglied in die Jury. Die zweitägigen Sitzungen, die er sechs Mal im Jahr abhält, sind öffentlich zugänglich, die Beratungsergebnisse werden in einer Pressekonferenz des Gestaltungsbeirats vorgestellt. Allerdings ist so viel Transparenz – laut Studie – nur bei einem Viertel der Gestaltungsbeiräte üblich. Drei Viertel tagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit.


Vorzeigebeispiel Innsbruck

Generell gibt es keine verbindenden Richtlinien, bisher folgt jeder Gestaltungsbeirat in jeder Stadt den Gepflogenheiten, die sich eben dort herausgebildet haben. In der Vorarlberger Gemeinde Lustenau gibt es seit 1986 einen Gestaltungsbeirat, in Linz seit 1988, in Lauterach seit 1991, in Wels seit 1992, Krems folgte 1993. Architekt Ernst Beneder hat selbst den Stadtplatz in seiner Heimatgemeinde Waidhofen an der Ybbs auf eine vorbildliche Art und Weise neugestaltet und mit seiner Büropartnerin Anja Fischer das dortige alte zum offenen Rathaus umgebaut. Er war lange im Gestaltungsbeirat in Salzburg und auch in Innsbruck tätig. „Einzigartig in Innsbruck ist sicher die konstruktive Arbeit der Stadtplanung, die den Rat des Beirats als fachliche Expertise annimmt und nicht instrumentalisiert“, ist Ernst Beneder von den Innsbrucker Verhältnissen begeistert. Jedes Jahr trifft sich der Gestaltungsbeirat in Innsbruck zwischen fünf und sechs Mal, um etwa 15 Projekte zu begutachten. In Summe macht das sehr viel aus. „Niemand beschließt, eine neue Stadt zu bauen. Aber de facto ist es so, wenn man alle Projekte, mit denen man befasst war, auf dem Stadtplan einzeichnet. Der Gestaltungsbeirat kann deshalb auch eine vorausschauende Perspektive in Bezug auf die Stadtentwicklung einbringen.“ In Innsbruck wurden tatsächlich workshops zu einzelnen Stadtteilen – wie beispielsweise Wilten – abgehalten, um mögliche stadtkompatible Zukunftsszenarien zu entwickeln. „Unsere Expertise ist weisungsfrei, sie kann die Stadtplanung stark unterstützen“, ist Ernst Beneder überzeugt. Als Mitglied des Gestaltungsbeirats saß er in der Jury des Wettbewerbs zum Haus der Musik, das von der ARGE Erich Strolz + Dietrich ı Untertrifaller realisiert und auch bereits in architektur.aktuell 12, 2018 publiziert war. In Innsbruck, gleichermaßen der aktuellen Vorzeigestadt in baukulturellen Angelegenheiten, fand am 15. April 2018 das erste Vernetzungstreffen der österreichischen Gestaltungsbeiräte statt. Dort wurde viel Austausch betrieben und auch die Studie präsentiert.

 

Innsbruck, Haus der Musik | Architekt Erich Strolz Dietrich Untertifaller | Foto Roland Halbe

Innsbruck, Haus der Musik | Architekt Erich Strolz Dietrich Untertifaller | Foto Roland Halbe

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