Modern Classics 09

Gartenstadt und Siedlung: Ein sozialer Erfolgstyp

Schuster, Siemensstraße Wien (c) M. Boeckl

„Wie werden wir zusammenleben?“ lautet das Thema der nunmehr auf 2021 verschobenen Architekturbiennale von Venedig. Mit der Coronakrise hat es eine unerwartete Brisanz erhalten. Ein Teil der Antwort auf die Frage wäre die Gegenfrage: „Wie haben wir früher nachhaltig und sinnstiftend zusammengelebt?“ Das 20. Jahrhundert hatte durchaus Erfolgsmodelle vorzuweisen: Daher sollte man einmal mehr an die Verdienste der Gartenstadt- und Siedlerbewegung erinnern.


 

Die Beschreibung der aktuellen Wohnsituation der Städte könnte fast von heute stammen: „Am härtesten werden durch die gegenwärtigen Missstände natürlich die Minderbemittelten getroffen, die für durchaus unzureichende Wohnungen häufig ein Viertel, ja ein Drittel ihres Gesamtverdienstes ausgeben müssen. Doch auch zahlreiche Beamte, Ärzte, Künstler, Gelehrte leiden darunter, dass sie sich nicht denjenigen Wohnkomfort verschaffen können, auf den sie durch ihre kulturellen Bedürfnisse angewiesen sind.“ Diese Zeilen wurden jedoch schon 1908 geschrieben und von ihrem Autor, dem großen Gartenstadt-Ideologen Hans Kampffmeyer (1912-1996) in der berühmten Zeitschrift „Moderne Bauformen“ veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt hatte die sozial- und lebensreformerische Gartenstadtbewegung bereits volle Fahrt aufgenommen. Sie wollte gesunde Wohnverhältnisse für alle und strebte einen suburbanen Reform-Siedlungsbau an, in dem jede Familie ihr Haus mit Garten hat, entweder als Reihenhaus oder als Doppelhaus oder in anderen Formen relativ enger, platzsparender Verbindungen. Durch innovative Finanzierungsmodelle sollte das Eigentum der Häuser nach und nach auf die Bewohner übergehen, die zum „Einstieg“ nur wenig Geld brauchten oder auch Eigenleistungen beim Siedlungsbau einbrachten. So vermischte sich die Gartenstadtbewegung mit der Siedlerbewegung, die in Zentraleuropa nach und nach in Form von gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaften organisiert wurde. Die gemeinnützige Orientierung war auch Teil ihrer Gründungsidee bei Ebenezer Howard, der 1898 das erste und wichtigste Buch zum Thema schrieb: To-Morrow: A Peaceful Path to Real Reform. Unter dem Titel Garden Cities of To-morrow wurde es 1902 europaweit verbreitet. Die ersten Gartenstadt-Siedlungen nach diesen Ideen – adaptiert auf kontinentaleuropäische Verhältnisse – entstanden noch vor dem Ersten Weltkrieg in Dresden-Hellerau, Berlin-Staaken und Karlsruhe-Rüpurr, jeweils mit Beteiligung der führenden modernen Architekten.

Hans Kampffmeyer, Gartenstadt und Baukunst, in: Moderne Bauformen, 1908

Hans Kampffmeyer, Gartenstadt und Baukunst, in: Moderne Bauformen, 1908

Am härtesten werden durch die gegenwärtigen Missstände natürlich die Minderbemittelten getroffen, die für durchaus unzureichende Wohnungen häufig ein Viertel, ja ein Drittel ihres Gesamtverdienstes ausgeben müssen.

Hans Kampffmeyer

 

Mit dem großen deutschen Baukünstler Heinrich Tessenow und seiner Lehrtätigkeit an der Wiener Kunstgewerbeschule 1913 bis 1919 hielt diese Bewegung auch Einzug in Wien. Seine Schülerin Margarete Lihotzky, spätere Schütte-Lihotzky (1897-2000), und vor allem sein Schüler und Assistent Franz Schuster (1892-1972) konnten ab 1919 viel davon in der Siedlerbewegung der Notzeit nach dem Krieg umsetzen. Schuster, über den es leider bis heute keine profund recherchierte Monografie gibt, obwohl er einer der einflussreichsten Pioniere des sozialen Wohnbaus ist, avancierte bald zum Spezialisten für Gartenstadt-Siedlungen, von denen er einige in Wien und Frankfurt realisierte. Seine Karriere zunächst im Roten Wien, dann im Neuen Frankfurt unter Ernst May sowie als Professor an der Städelschule und ab 1937 erneut in Wien – und zwar unter drei verschiedenen politischen Systemen und als Professor an der damaligen Akademie für angewandte Kunst (der Nachfolgerin seiner ursprünglichen Kunstgewerbeschule) – ist beeindruckend. Sowohl vor als auch nach dem Zweiten Weltkrieg baute er in Wien die lebenswertesten, und ganz im Sinne von Tessenow bescheiden-eleganten und auch höchst ressourcenschonenden Siedlungen, die gerade heute wieder – nach nötigen Sanierungen – einen sehr hohen Wohnwert bieten.

 

In der folgenden Bildergalerie wird an ihre einnehmende, heimelige Atmosphäre erinnert und daran, dass wir vielleicht wieder eine neue, soziale orientierte Gartenstadtbewegung brauchen.

Franz Schuster, Friedhof, aus: Soldatengräber und Kriegsdenkmale, Wien 1915

Franz Schuster, Friedhof, aus: Soldatengräber und Kriegsdenkmale, Wien 1915

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