Modern Classics 1

Josef Hoffmann: Was ist schön?

Josef Hoffmann, Palais Stoclet, Brüssel, 1905-11 © Wiki Commons, Jean-Pol GRANDMONT (Detail)

„Beauty Matters“ ist das spannende Thema der diesjährigen Tallinn Architecture Biennale. Warum Schönheit? Diese Kategorie stand in den vergangenen Jahrzehnten nicht gerade im Zentrum des Architekturdiskurses. Der Blick auf die klassische Moderne zeigt jedoch, dass Ästhetik stets auch ein soziales Kriterium innovativer Architektur war. Die Moderne wollte nicht nur den gesunden Wohnraum an sich demokratisieren, sondern auch die Schönheit, die nicht länger ein Privileg der Reichen bleiben sollte: Schönheit sei nicht elitär, sondern ein Menschenrecht. Am konsequentesten verfolgte der österreichische Moderne-Pionier Josef Hoffmann (1870-1956) diese Haltung.


 

Wenn sich heute erneut eine Debatte über die ästhetische Dimension der Architektur entwickelt, dann kann es nicht mehr – wie seinerzeit in den banaleren Versionen der Postmoderne – vorwiegend nur um formale Fragen gehen. Wir müssen zurück zu den Wurzeln der Moderne und wie damals grundsätzlich fragen: Hat Schönheit eine soziale Funktion? Wenn ja, welche? Da die Kriterien der Schönheit stark kulturell definiert sind und somit als relativ gelten, ist auch eine Debatte über mögliche globale Grundkonstanten des Schönen nötig. In der Philosophie, aber auch in der Anthropologie und Psychologie denkt man dazu aktuell über die evolutionären Funktionen des menschlichen Schönheitssinns nach. Autoren wie Winfried Menninghaus oder Wolfgang Welsch zeigen, dass ästhetisches Empfinden einst eine vitale Funktion für die Unterscheidung des Nützlichen vom Gefährlichen besaß. Mit der evolutionären Funktion geht auch die ethische Bewertung einher, die sich am Wohlergehen des Menschen orientiert.

Josef Hoffmann, Fassadenentwurf für die Werkbundsiedlung, 1929-32 © MAK, KI 8812-3_1

Josef Hoffmann, Fassadenentwurf für die Werkbundsiedlung, 1929-32 © MAK, KI 8812-3_1

So öffnet sich ein spannungsreiches Debattenfeld zwischen den Extrempunkten einer normativen Ästhetik (schön und ethisch wertvoll ist, was evolutionär nützlich ist) und einer immateriell-liberalen, die sich komplett von der genetisch-evolutionären Funktion emanzipieren und Ästhetik als rein kulturelles Projekt betreiben will (schön ist, was gefällt). Es ist auch die Polarität zwischen genetischem Determinismus und kulturellem Relativismus, zwischen Rassismus und Humanismus. Mit allen nur denkbaren Zwischenstufen und Schattierungen, denn die Lebensrealität ist nie bloß Schwarz oder Weiß. Hier helfen auch sicher keine pseudowissenschaftlich-polemischen Beiträge, wie sie etwa vom subjektiv-künstlerischen Dogmatismus eines Stefan Sagmeister präsentiert wurden.

Josef Hoffmann, Fassadenentwurf Winarskyhof, 1924 © Bauhausarchiv, Berlin

Josef Hoffmann, Fassadenentwurf Winarskyhof, 1924 © Bauhausarchiv, Berlin

Gerade angesichts dieser unsachlichen Querschüsse ist es evident und dringend notwendig, dass sich die Architektur mit ihrer Verantwortung als primäre Umweltgestalterin nicht aus der ästhetischen Debatte verabschiedet – sonst wird sie nämlich insgesamt verabschiedet und andere besetzen das künstlerische Feld. Architekten beklagen oft den Niedergang ihrer universellen Gestaltungskompetenz, den sie jedoch durch gelegentliche Vernachlässigung essentieller kultureller und ökonomischer Kriterien wie Kulturkonventionen, Kosten, Nachhaltigkeit – oder eben Schönheit – zumindest teilweise auch selbst verschulden.

Der Blick zurück auf die klassische Moderne zeigt uns, dass das nicht immer so war. Einer der einflussreichsten globalen Pioniere der Reformbewegung in Architektur und Design um 1900, der Architekt und Begründer der Wiener Werkstätte Josef Hoffmann (1870-1956), glaubte wie viele andere Reformarchitekten seiner Zeit an die heilende Kraft der Schönheit. Sie sollte alle Lebens- und Gesellschaftsbereiche durchdringen, weil sie schon per Definition essentiell human ist und daher in breitest möglicher Anwendung gleichsam automatisch zur Verbesserung der Lebensbedingungen für alle führen würde. Hoffmann, der fälschlich oft als Architekt der „Happy Few“ wahrgenommen wurde, erarbeitete mit seinen Schülern der Wiener Kunstgewerbeschule bereits um 1900 schöne UND soziale Wohnbauprojekte wie etwa eine Arbeitersiedlung für die österreichischen Staatsbahnen. Auch in der neuen gesellschaftlichen Realität der Ersten Republik verweigerte sich Hoffmann keineswegs den neuen Verhältnissen, sondern entwarf zahlreiche soziale Bauprojekte – sowohl im Geschosswohnbau als auch im Siedlungsbau. Viele Entwurfsskizzen aus seiner Hand beweisen, dass er sich dabei intensiv mit sozialen und wirtschaftlichen Fragen befasste – seine Entwürfe für Siedlungshäuser zeigen beispielsweise auch Überlegungen zur sinnvollen Nutzung der Gartenflächen für Obst- und Gemüseanbau.

Josef Hoffmann, Grundrißstudie für die Werkbundsiedlung, mit Planvermerk für Obst und Gemüse, 1929-32 © MAK, KI 8812-4_1

Josef Hoffmann, Grundrißstudie für die Werkbundsiedlung, mit Planvermerk für Obst und Gemüse, 1929-32 © MAK, KI 8812-4_1

Seine sozialen Wohnbauten für die Stadt Wien (insgesamt errichtete Hoffmann zwischen 1924 und 1956 nicht weniger als sechs große „Gemeindebau“-Komplexe) zeigen in zahlreichen Fassadenstudien das Bemühen, diesen baulichen Repräsentanten der neuen Gesellschaft durch spielerisch-elegante Schönheit eine Würde zu verleihen, die letztlich der Identifikation der Nutzer und damit der sozialen Stabilität diente. Hoffmann erging es dabei wie vielen Architekten heute: Viele „schöne“ Details wurden aus Kostengründen gestrichen. Hoffmanns Fähigkeit, schon in den Proportionen der Gebäude Eleganz herzustellen, sicherte aber dennoch die Repräsentativität dieser Projekte. Daran könnte man in der Schönheitsdebatte von heute durchaus anknüpfen. Worauf man aber verzichten wird müssen, ist die um 1900 übliche Erhebung des Schönheitsideals zum absoluten und unhinterfragbaren Dogma, das letztlich in den Totalitarismus mündet(e).

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