Media Review

Städtisches Leben im öffentlichen Freiraum

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Der öffentliche Freiraum einer Stadt hat viele Gesichter. Aber in welcher Form auch immer er sich zeigt, seine wichtigste Aufgabe sollte immer sein, dem urbanen Leben Raum zu geben. Wobei unter Leben nicht nur menschliche Aktivitäten verstanden werden – auch Tiere und Pflanzen sollen Platz finden. Doch wie kann das bei den vielen heterogenen Anforderungen an urbane Lebensräume funktionieren? Die vorgestellten Bücher liefern gute Vorschläge.


 

 

Wozu überhaupt Landschaftsarchitektur? Natürlich hat das Fach schon längst keinen Nachweis für seine Daseinsberechtigung mehr nötig. Dennoch stellen Juliane und Sebastian Feldhusen diese Frage und beantworten sie bereits mit dem Buchtitel: Mensch und Landschaftsarchitektur. Doch wer ist dieser „Mensch“, für den die Landschaftsarchitektur arbeitet? Die Gesellschaft, die BewohnerInnen einer Stadt, eines Quartiers, eines Hauses? Ist ein durchschnittlicher, idealer oder ein individueller Mensch gemeint, wenn Gärten, Plätze, Parks und Promenaden entworfen, realisiert, vermittelt oder kritisiert werden? Und welche Rolle spielen LandschaftsarchitektInnen – selbst Menschen – dabei? Das Buch vereint sehr unterschiedliche Beiträge, in denen ExpertInnen ihre Erfahrungen, Gedanken, Theorien oder Projekte beschreiben.

 

Juliane Feldhusen / Sebastian Feldhusen (Hg.)
Mensch und Landschaftsarchitektur
336 Seiten, Deutsch, jovis, € 38,–

Mensch und Landschaftsarchitektur

 

 

Ebenfalls mit den Wechselbeziehungen zwischen Landschaftsarchitektur und Menschen in der Stadt befasst sich das im Birkhäuser Verlag erschienene Buch Staging Urban Landscapes: The Activation and Curation of Flexible Public Spaces. B. Cannon Ivers rückt darin öffentliche Freiräume und ihre Funktion als Bühne für urbanes Leben oder für öffentliche Events in den Fokus. Die Anforderungen an urbane Freiräume sind heutzutage vielfältig und so werden Flexibilität, Veränderungs- und Anpassungsfähigkeit zu wichtigen Eigenschaften eines Freiraumes. Das großformatige und reichlich illustrierte Buch bedient Theorie und Praxis gleichermaßen. Nach einem Vorwort von Charles Waldheim und einigen Essays, die das Thema inhaltlich weit aufspannen, folgt die Vorstellung zahlreicher internationaler best practice Beispiele. Von der temporären Installation bis hin zum Park werden unterschiedlichste Typologien und Methoden der Aktivierung und Kuratierung besprochen.

 

B. Cannon Ivers
Staging Urban Landscapes
304 Seiten, Englisch, Birkhäuser, € 69,95

Staging Urban Landscapes

 

 

Dass nutzbarer Freiraum in Städten nicht unweigerlich grün sein muss, ist bekannt. Dass aber gerade graue Straßen potentielle Freiraumreserven der Zukunft darstellen, ist noch lange nicht allerorts angekommen. Stefan Bendiks und Aglaée Degos erklären in Traffic Space is Public Space: Ein Handbuch zur Transformation wie Qualität und Quantität des öffentlichen Raumes in Städten durch (Re-)Transformation von Straßen verbessert werden können. Hierzu bedarf es einerseits ein gerechteres Gleichgewicht zwischen den verschiedenen NutzerInnen – sprich mehr Platz für Aufenthalt und aktive Mobilität. Andererseits braucht es neue Ansätze und Instrumente zur Gestaltung oder Prozessplanung und -steuerung. Diese werden als kreative Strategien formuliert: Vernetzen, Co-Produktion, Aktivierung der lokalen Ökonomie, gemeinschaftliche Nutzungen des Raums, zirkulärer Metabolismus und angemessene Ästhetik. Anhand von Referenzprojekten und eigenen Arbeiten geben die AutorInnen hilfreiche Einblicke in diesem, im Park Books erschienenen, bebilderten Taschenbuch.

 

 

Stefan Bendiks / Aglaée Degros
Traffic Space is Public Space
224 Seiten, Deutsch/Englisch, Park Books, € 38,–

Traffic Space is Public Space

 

In der Bedeutung gleichauf mit der Rückeroberung der Straßenräume, liegt die Rückeroberung der Stadt durch wilde Vegetation: The Botanical City untersucht die botanischen Eigenschaften des urbanen Raumes, aus wissenschaftlicher wie auch künstlerischer Perspektive. Allzu schnell werden unscheinbare Gewächse am Straßenrand und andere Spontanvegetation als Unkraut abgetan – zu Unrecht, geben sie doch Einblick in faszinierend komplexe Stadtökologien. Das von Matthew Gandy und Sandra Jasper herausgegebene und im Jovis Verlag erschienene Buch umfasst fünf thematische Abschnitte, die sich der Geschichte und Einordnung der städtischen Flora, der Begrünung des Asphalts, künstlerischen Aspekten, Experimenten abseits des Designs und der Kartografie widmen. Die Essays gehen Entwicklungen in unterschiedlichen Städten sowie philosophischen Überlegungen zur Bedeutung der urbanen Natur im Anthropozän nach.

 

Matthew Gandy / Sandra Jasper (Hg.)
The Botanical City
324 Seiten, Englisch, jovis, € 32,–

The Botanical City

 

Und wem nach dieser Fülle an Ideen für die Befüllung von Stadtfreiräumen nun nach etwas urbaner (aber keineswegs geistiger) Leere ist, sollte sich abschließend das Glossary of Urban Voids zu Gemüte führen. Sergio Lopez-Pineiro hat darin über 200 englische Begriffe zur städtischen Leere (urban void) zusammengetragen – vom terrain vague bis zur buffer zone. Es handelt sich um Bezeichnungen, die unterschiedliche zurückgelassene, aufgegebene und dem Verfall überlassene Stadträume umschreiben. Und so kommt es, dass beim Lesen der Begriffe und der begleitenden Buchkapitel beinahe reflexartig gedanklich neue Entwicklungen und alternative Formen erdacht werden. Das Werk ist ein gelungener Versuch, das Unnennbare zu benennen. Doch wie der Landschaftsarchitekt James Corner einst betonte, kann man der Leere keinen Namen geben, denn „sie zu benennen, heißt, sie für sich in Anspruch zu nehmen.“

 

Sergio Lopez-Pineiro
A Glossary of Urban Voids
240 Seiten, Englisch, jovis, € 28,–

Glossary of Urban Voids

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