Der erste Sommermonat beginnt bald! Anlass genug, um ein Projekt aus einer vergangenen Juni-Ausgabe aus dem Archiv zu fischen und ihm neues Leben einzuhauchen - zumindest digital.


 

Auf dem Terrain einer ehemaligen Reiterhalle aus dem 19. Jahrhundert eröffnete vergangenen Herbst Krakaus Garten der Künste. Ingarden & Ewy Architekci gelang inmitten des Zentrums ein multifunktionales Objekt, das anspruchsvolle Anforderungen zu einem urbanen Impulsgeber synthetisiert.

Ziegel-Rahmen

Von Krakaus bürgerlicher Architekturlandschaft hebt sich seit 2012 ein filigranes Skelett aus Keramikziegeln ab. Historische Stadthäuser, ein Kindergarten und die öffentliche Bibliothek, eine weiß getünchte Kaserne aus dem 19. Jahrhundert – das ist das unmittelbare Ambiente von Kleinpolens Garten der Künste. Ein atypisch geschnittener Grundriss, die zum Teil denkmalgeschützte Reiterhalle und die Nutzungssynthese als Mediathek sowie Veranstaltungsraum des renommierten Juliusz Słowacki-Theaters waren die wesentlichen Vorgaben. Die schmalen Umrisse des Siegerprojekts des Wettbewerbs von 2005 verbergen die wahre Größe des darin integrierten Nutzungsangebots. 

Ingarden & Ewys Symbiose aus künstlerischer Freiheit und technischer Neuerung erhebt den Ziegel zur Kernaussage des Gebäudes. Wie Perlen vertikal aufgefädelt umkleiden rote Blöcke den Glaskörper. Die geometrischen Linien strukturieren die Fassade und werden freistehend im Stadtbild weitergeführt. So schreitet der Besucher beim Haupteingang von der Rajska Straße durch eine gerüstartige Ziegelrahmung.

Stadtsilhouette als Fassade

Die Hülle spielt in ihrer offenen Struktur auf den wechselhaften Lebenszyklus von Architektur zwischen ruinenhaftem Verfall und Neubau an. Das Skelett greift thematisch die Wiederherstellung der historischen Reiterhallenwand auf. Die denkmalgeschützte Eingangsmauer wurde akribisch dokumentiert, abgetragen und mit den alten Ziegeln rekonstruiert. Die zweidimensionale Fassadenwand vermittelt wie ein Bühnenbild zwischen Stadt und Haus. Sie ist – wie auch die erhaltene Form der Oberlichter innen – ein historisches Zeugnis. Das Material verweist auf die große Bedeutung von Ziegel für Krakaus Stadtbild. Kirchen und das Königsschloss Wawel sind in diesem Material gebaut, das auch aus den freigelegten Kellergewölben der Stadthäuser  nicht wegzudenken ist. Seine Leuchtkraft geht auch von den teils mittelalterlichen Bauten in der ganzen Stadt aus. Zusätzlich zu ihrer baulichen und historischen Funktion sind die Blöcke im Garten der Künste auch innovative Prototypen. 

Entwickelt von den Architekten und hergestellt von der deutschen Firma Moeding sind recht- und dreieckige Formen auf Aluminiumschäften in drei unterschiedlichen Farben entstanden. Sie sind fix montiert, ergeben ein sich veränderndes Farbbild und kontextualisieren das Objekt mit der unmittelbaren Nachbarschaft. So greift die Linienführung der Fassade die Gesimse und Dachschrägen angrenzender Häuser auf, führt sie weiter, bricht und versetzt sie schräg. Die klare Bildsprache wird im minimalistischen Garten des jungen Landschaftsduo Karolina Bober und Małgorzata Tujko von Land Arch aufgenommen. Der Grünbereich mit den geometrischen, von unten beleuchteten Betonsitzbänken von Krzysztof Ingarden erweitert den öffentlichen Raum. Er erschafft einen ersten symbolisch geprägten Berührungspunkt zwischen Straßenfront und Multikunstobjekt. Der namenspendende Landschaftsraum verweist auf die vormals in der Nähe existierenden Paradiesgärten. Die Ziegelgerüst-Installation bietet einen Kontemplationsbereich im Stadtgeschehen.

Die aufwendige äußere Kontextualisierung erschließt ein offenes räumliches Funktionssystem im Inneren. Das schmale, nur knapp fünf Meter tiefe Glasfoyer mit Kassenschaltern vermittelt einen ersten Eindruck der Wandelbarkeit des Innenraums.

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