eine Ausstellung in Weil am Rhein

Balkrishna Doshi. Architektur für den Menschen

IIM corrdidor © Vinay Panjwani India

Balkrishna Doshi bereichert die Sprache der Moderne mit lokalem Handwerk und regionalen Bautraditionen. Nun ist das imposante Œuvre des indischen Architekten als Retrospektive im Vitra Design Museum zu sehen. Dabei entfalten seine Werke eine faszinierende, manchmal auch sehr atmosphärische Ästhetik.


1955 in Ahmedabad. Le Corbusier bespricht mit Doshi eines seiner Projekte. Daran erinnert eine kleinformatige Schwarz-Weiß-Fotografie, die im Eingangsbereich des Museums hängt. Doch das erste gemeinsame Bild – ein Gruppenporträt im Architekturbüro von Le Corbusier – entstand schon 1951, als der talentierte Inder (1927 in Pune geboren) nach Paris reiste, um beim prominenten Modernisten zu lernen. Dieser blieb eine inspirierende Referenzfigur: Doshi, 2018 mit dem renommierten Pritzker-Preis geehrt, nannte ihn gar seinen Guru. Daher erstaunt es nicht, dass viele seiner Bauten ebenso archaisch, poetisch oder reduziert anmuten. Entsprechend präsent sind dann diese Parallelen in der Ausstellung: Die Wohnsiedlung LIC Housing (1973) etwa besticht nicht nur durch farbige und simple Fassaden, sondern auch durch Treppen in corbusianischer Manier. Analog zu Gangways bei Flugzeugen oder Schiffen sind sie dem eigentlichen Bau quasi vorangestellt. Exemplarisch illustriert das ein sorgfältig gestaltetes Holzmodell. Stimmungsvolle Fotografien dokumentieren zudem den dortigen Alltag und verdeutlichen ein zentrales Element von Doshis Philosophie: Alle Wohneinheiten lassen sich flexibel umbauen und erweitern. Es ist eine Form von Partizipation, die Mahatma Gandhis Lehre der Selbstbestimmung aufnimmt – und sich architektonisch in einem Modulsystem manifestiert, das Fertigbauwesen mit lokalen Handwerkstechniken kombiniert.

Doshi LIC © Vastushipla Foundation

Doshi LIC © Vastushipla Foundation

Architektur als umfassende Disziplin und im Fokus den Menschen: Diese Prinzipien bestimmen nicht nur Doshis Schaffen, sondern auch das kuratorische Konzept. Einladende Sitzmöbel und begehbare Nachbauten, handgezeichnete Studien und ein Film mit dem Protagonisten selbst verleihen der Schau eine humane Komponente. Seinen interdisziplinären Anspruch demonstrieren dann diverse Projekte, darunter der Campus des Centre for Environmental Planning and Technology (CEPT) in Ahmedabad. In mehreren Etappen zwischen 1962 bis 2012 realisiert, entstand dort auf den Relikten einer alten Ziegelei auch die School of Architecture (1968). Ihr fließendes Raumkontinuum soll im Sinne einer offenen Hochschule den Austausch mit anderen Fachbereichen stimulieren. Ein Highlight bildet zudem die Galerie Amdavad Ni Gufa (1994), die Doshi mit dem Maler und Bildhauer Maqbul Fida Husain plante. Innen zeichnet sich der amorphe, primär unterirdisch gelegene Kunstraum durch eine organische Expressivität aus und erinnert auch mal an Antoni Gaudí oder Joan Miró. Außen bilden verschiedene Kuppeln eine skulptural anmutende Dachlandschaft, die von ungelernten Arbeitern errichtet wurde. Diese Gewölbe sind in der Retrospektive als große Modelle zu sehen und zeigen eine der vielen Facetten des Inders. Balkrishna Doshis Architektur – das bedeutet eben Moderne und Tradition, aber auch Partizipation und Regionalismus.

Gufa detail © Iwan Baan

Gufa detail © Iwan Baan

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