Ein Gespräch mit Maria Auböck, Lilli Lička, Sabine Dessovic und Thomas Knoll

Interview: Visionen gefragt!

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Die Veränderungen unserer Zeit fordern die österreichische Landschaftsarchitektur heraus – und das ist durchaus gut so. Denn für radikale Projekte braucht es visionäre Denkanstöße und Blicke über den disziplinären Tellerrand: Vier PlanerInnen über Qualitäten und Entwicklungsspielräume, über die fehlende Außenwirkung des Faches, über Freiraumbudgets, verantwortungsvolle Bauherren und über den Wunsch nach radikaleren Visionen.

DRLIK: Bei einem kürzlich gehaltenen Vortrag habe ich als Einstieg der sehr heterogenen Gruppe aus Planerinnen und Planern die Frage gestellt, was für sie persönlich Freiraum bedeutet. Die Antworten reichten von „Draußen“, „Garten“, „Park” oder „Balkon” über „flexible Arbeitszeiten“ bis hin zu „Platz haben“ oder „Freiheit“. Hier wurden die Sehnsüchte der Menschen nach Freiraum im eigentlichen, aber auch im übertragenen Sinn deutlich. Landschaftsarchitektur, die Freiraum-zuständige Planungsdisziplin, muss sich also neben den offensichtlichen Anforderungen an die Planung und Gestaltung physischer Orte auch mit den versteckten Bedürfnissen und Sehnsüchten der Menschen auseinandersetzen. Macht die Erfüllung dieses Anspruchs gute Landschaftsarchitektur aus?

DESSOVIC: Gute Landschaftsarchitektur konzipiert Freiräume so, dass sie von den Menschen angenommen und genutzt werden. Das kann intensive Gestaltungsinterventionen erfordern oder nur kleine Eingriffe, doch die Bedürfnisse der Menschen müssen verstanden und richtig in den Raum übertragen werden.

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LIČKA: Die soziale Komponente des Freiraumes ist jedenfalls ein zentraler Punkt für seine Qualität. Insbesondere dort, wo die Nutzbarkeit der Räume auf Grund der Dichte zwingend notwendig ist. Aber Landschaftsarchitektinnen und -architekten müssen auch einen Beitrag zur kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung leisten und sich mit ihrer Arbeit auf aktuelle ökologische, soziale oder politische Fragestellungen beziehen.

AUBÖCK: Die Besonderheit unserer Arbeit ist, dass wir durch einen guten Entwurf ein Projekt zu etwas Permanentem machen können, damit Menschen langfristig Freude an ihrer Umgebung haben. Aber nicht alles ist für die Ewigkeit bestimmt, Landschaftsarchitektur darf durchaus auch performative, ephemere Elemente aufweisen.

DRLIK: Seit vielen Jahren gibt es nun bereits die Sammlung Österreichischer Landschaftsarchitektur „next.land“ des Instituts für Landschaftsarchitektur (ILA) der Universität für Bodenkultur Wien und der Österreichischen Gesellschaft für Landschaftsplanung und Landschaftsarchitektur (ÖGLA). Sie umfasst mittlerweile rund 240 kuratierte Projekte hoher Qualität, in ihrer Gesamtheit zeigt sich aber ein gewisser Entwicklungsspielraum nach oben.

DESSOVIC: In den letzten Jahren hat sich in Österreich sehr viel getan. Die heimische Bürolandschaft ist vielfältig geworden, der Output der Planungsbüros ist bereits durchgehend hochwertig und die allgemeine Akzeptanz für Freiraumbelange ist deutlich gestiegen. Die Entwicklung geht in eine positive Richtung.

LIČKA: Ich schätze die Entwicklung ebenso ein, was leider in Österreich noch fehlt sind radikale Projekte, die national und international Aufmerksamkeit erzeugen.

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KNOLL: Die Preiseinschätzung der Baukosten, also der Quadratmeterpreis zur Herstellung des Freiraumes, ist im großen Durchschnitt leider nach wie vor zu gering. Daher können die Büros nicht das leisten, was sie leisten könnten, wenn sie ausreichende Budgets zur Verfügung hätten. Und natürlich würden aus vernünftigen Baupreisen auch fairere Planungspreise hervorgehen, die sich auch in der Entwurfsarbeit ablesen lassen. Solche Kalkulationsprobleme haben sich aktuell auch am Beispiel des projektierten Parks am Wiener Nordbahnhof gezeigt. Die Projektentwicklung war nicht vorbereitet, entsprechende Errichtungskosten bereitzustellen und so wird, unter dem scheinbaren Hinweis einer Ökologisierung, auf die notwendige Dotierung zur Ausgestaltung verzichtet. Wir sprechen hier von einem Quadratmeterbudget von unter 50 Euro, dabei wissen wir aus Erfahrung, dass es zur Herstellung von Anlagen im dichten Stadtgebiet mit intensiven Nutzungsanforderungen ein Budget von mindestens 150 Euro/m2 braucht – unabhängig ob der Gestaltungsstil ökologische oder andere Ansätze verfolgt.

LIČKA: Gerade das Beispiel des Nordbahnhofs zeigt aber auch, dass die Außenwirkung der Landschaftsarchitektur fehlt. Das verantwortliche Landschaftsarchitektur Büro, Agence Ter, fand im Großteil der Berichterstattung keine Erwähnung. Die Disziplin und ihre Vertreter und Vertreterinnen sind zu wenig bekannt und das wirkt sich leider auch negativ auf die Wahrnehmung ihrer Bedeutung aus.

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