MEDIA REVIEW

Kultur – Bildung – Leben

Media Review 09/2020 Header

Was ist Bildung? Wie lernen wir? Wofür lernen wir? Darüber geben einige Neuerscheinungen Auskunft, die sich auf die eine oder andere Weise mit dem Bildungsthema befassen. Und zwar in Museen (inklusive Architektur- und Designmuseen), in Hochschulen und – in Wohnbauten. Was verbindet diese Titel? Es ist das Lernen am gebauten Raum, das „Raum lernen“, wenn man so will. Unsere Umwelt würde wohl anderes aussehen, wenn viele Entscheidungsträger in einem kooperativen Wohnprojekt der 1970er Jahre aufgewachsen wären. Oder sich mit der Architekturausbildung an Universitäten befassen würden. Oder viel Zeit in einem der berühmten postmodernen Frankfurter Museen verbracht hätten.


 

 

In den 1980er Jahren zeigte die Stadt Frankfurt am Main als erste im deutschsprachigen Raum, wie man mittels Kultur und Bildung ein spektakuläres urbanes Re-Branding schafft. Und niemand kann darüber detaillierter Auskunft geben als Architekt Roland Burgard, 1977-98 Mitarbeiter und Leiter des Frankfurter Hochbauamts. In seinem Buch Das Museumsufer Frankfurt. Architekten und Bauten breitet er ein schillerndes Panorama seiner Erinnerungen aus. Spannend zu lesen sind nicht nur die Projektdokus und -Historien, sondern auch die Interviews mit Größen wie O. M. Ungers, Richard Meier, Josef Paul Kleihues, Hans Hollein, Stefan Behnisch, Gustav Peichl, Volker Staab und weiteren Planern der emblematisch-ikonischen Perlenreihe neuer Museen am Main: Hier wurde kompromisslos Kunst gebaut.

 

 

Roland Burgard
Das Museumsufer Frankfurt
176 Seiten, Deutsch, Birkhäuser, € 34,95

Museumsufer Frankfurt

 

Zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe – der Bildung – passen auch zwei Bücher über die Architekturausbildung an Technischen Universitäten. An der Grazer Fakultät lehrt Hans Gangoly Architekturentwurf und legte mit dem Band Institut für Gebäudelehre. Jahrbuch 18/19 einen aufschlussreichen Blick in diese Baukünstlerschmiede vor. Man darf sie so nennen, denn Gangoly reklamiert: „Architektur ist Entwerfen und Entwerfen heißt hier architektonische Gestaltung, heißt architektonische Formfindung, ist die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen.“ Macht sich hier ein Abschied von einer bloß datengetriebenen Bauplanung bemerkbar? Ein neuer Postfunktionalismus? Zu wünschen wäre es. Die umfangreichen Recherchen und höchst sinnlichen Entwürfe der Studierenden beweisen jedenfalls überzeugend, dass positive Umweltgestaltung auch heute noch mit „Entscheidungen“ von Menschen für Menschen zu tun hat.

 

 

Hans Gangoly (Hg.)
Institut für Gebäudelehre – Jahrbuch 18/19
399 Seiten, Deutsch, Verlag der Technischen Universität Graz, € 39,–

Institut für Gebäudelehre

 

Gerhard Steixner dokumentierte die wohn- und städtebauliche Arbeit seines Instituts an der TU Wien im Forschungsbereich Hochbau – Konstruktion und Entwerfen. Das über 500 Seiten starke Buch Society now! Architektur. Projekte und Positionen 2009-2019 ist eine großartige Bilanz einer Dekade des Lehrens und Lernens: ein Querschnitt durch die Analyse- und Entwurfsthemen des Lehrstuhls, der viele bemerkenswerte urbanistische Strategien eröffnet, besonders im nachhaltigen Stadtumbau. Spannend sind hier die typologischen Innovationen, die man am Institut erarbeitete, etwa „der Hyperblock als Modell für Bauplätze in Kernlagen mit hoher Dichte. Realisierbar mit 50 % Nichtwohnnutzung für quartiersübergreifende Funktionen wie Kultureinrichtungen, Gastronomie, Gewerbe, Handel und Dienstleistung. Der Hyperblock als beispielhaftes Modell für einen öko-solaren Städtebau.“ Hier wurde gewiss nicht am Planerbedarf unserer Zeit vorbeiproduziert!

 

 

Michael Seidel / Gerhard Steixner (Hg.)
Society now!
516 Seiten, Deutsch, Park Books, € 38,–

Society Now!

 

Im Bereich architekturhistorischer Neuerscheinungen thematisieren seit längerem viele Titel die optimistische Nachkriegsmoderne. Verständlich, denn die zukunftsfrohe Stimmung der unbeschwerten Jahre vor Klimakrise und Globalisierung, als Demokratie, Technik und unbegrenztes Wirtschaftswachstum für immer gesichert schienen, wirken heute wie Traumbilder aus einer anderen, besseren Welt. Dass diese de facto keineswegs „besser“ war, wissen wir. Aber Bücher wie das Land der Moderne. Architektur in Kärnten 1945-1979 wiegen uns wenigstens in der schönen Illusion, dass Modernität einst eine breitere Akzeptanz im Lande hatte als heute. Das Werk bemüht sich, durch vorbildliche Dokumentation von zwölf ausgewählten Schlüsselbauten seinen überraschenden, vielleicht augenzwinkernd gemeinten Titel zu rechtfertigen. Betrachtet man Gerhard Maurers neue und Hans-Jörg Abujas historische Fotos von Hochhäusern, Seilbahnen, Schulen, Autohäusern, Ferienheimen und anderen Symbolen der Prosperität jener Zeit, oft in Sichtbeton und fast immer mit Kunstausstattungen, dann möchte man es fast glauben.

 

 

Lukas Vejnik (Hg.)
Land der Moderne – Architektur in Kärnten 1945-1979
270 Seiten, Deutsch, Ritter Verlag, € 24,–

Land der Moderne

 

Eine Verbindung zwischen Gestern und Heute schafft der ambitionierte Film Der Stoff, aus dem Träume sind von Michael Rieper und Lotte Schreiber. Hier stehen nicht die PlanerInnen auf der Bühne, sondern die BewohnerInnen sozialer und ökologischer kollektiver Wohnprojekte, die funktionierende Alternativen zum konventionellen Wohnbau initiiert und realisiert haben. Dokumentiert wird mit vielen Interviews der heutige Wohnalltag von sechs Projekten, die zwischen 1975 und 2015 entstanden: Die berühmte Terrassenhaussiedlung der Werkgruppe Graz in St. Peter (1975), das Projekt Kooperatives Wohnen in Graz-Raaba (1979), die Ökosiedlung Gärtnerhof in Gänserndorf (1988), der Co-Housing-Lebensraum in Gänserndorf (2005), das Wohnprojekt Wien (2014) sowie Willy * Fred in Linz (2015). Lehrreich ist etwa die beeindruckend positive Langfrist-Perspektive in Erzählungen von BewohnerInnen, deren erwachsene Kinder auch nach ihrem Auszug regelmäßig und gerne wiederkommen. Gemeinschaftliche Sinnstiftung hat hier funktioniert.

 

 

 

Michael Rieper / Lotte Schreiber
Der Stoff, aus dem Träume sind
75 min, Deutsch, MVD

Der Stoff, aus dem Träume sind

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