Modern Classics 04

Thonet und die Moderne – eine symbiotische Beziehung

Thonet-Installation 2019 im MAK von Claudia Cavallar © MAK Georg Mayer

Bugholzmöbel von Thonet repräsentierten – lange vor den Stahlrohrmöbeln – eine Quintessenz an Modernität: Schlank, leicht und industriell hergestellt verkörperten sie viele Ideale der modernen Bewegung. Fast alle wichtigen modernen Architekten verwendeten sie in ihren Einrichtungen – wenn sie nicht gleich ihre eigenen Entwürfe beim Pionier dieser Technik fertigen und vertreiben ließen.


 

Die moderne Kunst und Architektur um 1900 war auch eine Reaktion auf die unumkehrbar gewordene Industrialisierung Europas. Diese wurde von Künstlern und Designern manchmal kritisch, manchmal euphorisch interpretiert. Jene unter ihnen, die erkannten, dass kostengünstige, aber qualitätsvolle Massenproduktion von Gebrauchsgegenständen zum wichtigsten Werkzeug verantwortungsvoller Umweltgestaltung im Industriezeitalter avancieren würde, hatten dafür einen kongenialen Partner: Das 1849 in Wien gegründete Unternehmen von Michael Thonet (1796-1871), der auf Anregung von Fürst Metternich aus Deutschland in die Donaumetropole gezogen war. Er ließ sein Verfahren zur Herstellung von Bugholz-Elementen für den Möbelbau bereits 1852 patentieren und stieg rasch zu einem der größten europäischen Hersteller mit Fabriken in Deutschland, Böhmen und Österreich auf. Der weltweite Export der Stühle, Fauteuils und Tische aus dem leichten und vielfältig formbaren Material wurde durch Versand der in seine Einzelteile zerlegten Möbel möglich, die vor Ort mit wenigen Schrauben zusammengebaut werden konnten. Sowohl die Form (schlank und elegant) als auch die Konstruktion (radikal auf das technisch Nötige beschränkt) und das Material (leicht und in standardisierten Modulen verarbeitbar) verkörperten die Quintessenz an Modernität und vereinigten viele ihrer Schlüsseleigenschaften.

Wie eng und nahezu symbiotisch diese Beziehung voll gegenseitiger Inspirationen zwischen modernen Designern und dem innovativen Möbelhersteller war, beweisen die vielen Entwürfe der einflussreichsten Pioniere der Moderne für das Unternehmen, insbesondere natürlich an dessen Hauptsitz in Wien: Otto Wagner und Josef Hoffmann etwa entwarfen Stühle, die Thonet – neben vielen eigenen Werksentwürfen – in großen Auflagen herstellte, weltweit vertrieb und damit auch für die Designer warb.

Thonet-Sessel Nr 14, 1859 © MAK Georg Mayer

Thonet-Sessel Nr 14, 1859 © MAK Georg Mayer

Dieser Stuhl, der in Millionen von Exemplaren auf dem europäischen Festland und in beiden Amerika in Gebrauch ist, besitzt Adel.

Le Corbusier

 

Adolf Loos ließ die Bugholzsessel für sein Café Museum 1898 von Thonet-Konkurrent J. & J. Kohn fertigen, mit dem man später fusionierte. Andere Architekten interpretierten den Industrialisierungsprozess noch konsequenter und verwendeten nicht eigene Modelle, sondern – aufgrund ihrer industriell-ästhetischen und funktionalen Perfektion – Thonet-Standardtypen aus Werksentwicklung. Dazu zählte etwa Le Corbusier, der in seiner Maison La Roche-Jeanneret, im Pavillon de l’esprit nouveau auf der Pariser Art-Déco-Ausstellung 1925 und in seinem Stuttgarter Werkbundsiedlungshaus Thonet-Bugholzmöbel verwendete.

Über alle diese Verflechtungen gibt die Schau im Wiener MAK ausführlich Auskunft. Mit großer Expertise kuratiert wurde sie von MAK-Möbelkustos Sebastian Hackenschmied und vom Thonet-Experten Wolfgang Thillmann.  Praktisch alle der legendären Thonet-Produkte, die regelmäßig auch auf Weltausstellungen präsentiert und vielfach ausgezeichnet wurden, werden hier im Original gezeigt. Dabei wirkten die Sammlungen der verschiedenen europäischen Thonet-Unternehmen in Deutschland, Italien und Tschechien höchst produktiv mit der umfassenden eigenen Sammlung des MAK und vielen Privatsammlungen zusammen, die alle gerne ihre wertvollen Stücke zur Verfügung stellten. Der inhaltsreiche Katalog mit vielen Fachbeiträgen hat unter anderem den hohen Sammler-Nutzen einer Dokumentation aller Thonet-Markenlabels (geklebt, eingebrannt, aufgedruckt...).

Thonet-Armlehnssesel Nr 729 F, Josef Hoffmann, um 1907 © MAK Georg Mayer

Thonet-Armlehnssesel Nr 729 F, Josef Hoffmann, um 1907 © MAK Georg Mayer

Die lustvoll-spielerische Installation von Claudia Cavallar präsentiert die schier endlose Holzmöbelreihe – samt Bugholzbeispielen aus aller Welt von anderen Herstellern – auf einem niedrigen Podeststreifen mit Linoleumbelag, der sich schlangenförmig durch die gesamte obere Ausstellungshalle des MAK windet und damit subtil auch auf die Qualität „gebogenen Holzes“ anspielt. „Bugholzmöbel treffen auf Stahlrohrmöbel und Plastiksessel, klassische Bürostühle und avantgardistische Möbelexperimente, aber auch vereinzelte Referenzbeispiele aus der Biedermeierzeit oder höfische Möbel“, erklärt das MAK. „Verwandtschaften und Korrespondenzen sowie Kontraste und Divergenzen mit anderen Herstellern sind ebenso abzulesen wie Brüche und Zäsuren, die die Weiterentwicklung der Möbelproduktion vorantrieben. Die zeitlose Ästhetik und perfekte Form der Thonet-Möbel ist immer wieder Inspirationsquelle für zeitgenössische KünstlerInnen, DesignerInnen und ArchitektInnen. Mit gezielt in der Ausstellung platzierten Werken u.a. von Birgit Jürgenssen, Bruno Gironcoli, Rolf Sachs, Uta Belina Waeger und Markus Wilfling wird die Strahlkraft der Bugholztechnik aus künstlerischer Perspektive thematisiert.“

 

MAK-Schau „BUGHOLZ, VIELSCHICHTIG. Thonet und das moderne Möbeldesign“

Thonet-Installation 2019 von Claudia Cavallar © MAK Georg Mayer

Thonet-Installation 2019 von Claudia Cavallar © MAK Georg Mayer

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