Modern Classics 10

Ästhetisierte Räume der Mobilität

Schloss Grafenegg, Reitschule (c) M. Boeckl 2

Raum, Macht und Technologie stehen seit jeher in engstem Zusammenhang. Machtverschiebungen und technische Fortschritte produzieren enorme Veränderungen der öffentlichen und privaten Räume. Die moderne Großstadt ist das spektakulärste Ergebnis dieser Wechselwirkungen. Neben den Mega-Raumänderungen in ihrer Entstehungszeit (Abbruch mittelalterlicher Stadtmauern, Anlage großflächiger Bahnhöfe, Massenbehausungen…) gab es auch kleinere Schauplätze dieser Transformation. Etwa die ehemaligen Reithallen des Hochadels.


 

Fürstensitze als Wissensspeicher

Ab und zu lohnt ein Blick auf die weniger bekannten und als solche bewussten Orte der Modernisierung, um Breite und Tiefgang des Industrialisierungs-Impacts noch intensiver im Stadtkörper zu erleben. Dieser profunde Wandel unserer gebauten Umwelt im 19. und 20. Jahrhundert ist heute kaum mehr wahrnehmbar, da viele stadtbildprägende Objekte der vorindustriellen Jahrhunderte – etwa die mächtigen Befestigungsanlagen von Wien und anderen Metropolen – eben zu dieser Zeit abgerissen wurden. Um Eindrücke des „Lebens von damals“ zu erhalten, kann man aber hinter die Fassaden jener kleineren erhaltenen Bauten schauen, die typischen Aktivitäten damals dominierender Gesellschaftsschichten dienten, aber heute ganz anders genutzt werden. Dabei geht man entsprechend der spätfeudalen Gesellschaftsordnung am besten nach dem Top-down-Prinzip vor – betrachtet also zunächst die ausgedehnten und hochkomplexen Fürstenresidenzen.

Fischer von Erlachs Prunksaal der Hofbibiothek in Wien © Österreichische Nationalbibliothek, Hloch

Fischer von Erlachs Prunksaal der Hofbibiothek in Wien © Österreichische Nationalbibliothek, Hloch

Waren im religiösen Mittelalter noch die Kathedralen jene Bauten, für deren Bau gleichsam das gesamte technische Know-How der Gesellschaft eingesetzt wurde und in denen ihr gesamtes Wissen gespeichert war, so übernahm ab Beginn der Neuzeit in der Renaissance zunehmend der Fürstensitz diese Rolle. Residenzen dehnten sich nun schnell und weit über die ursprünglichen mittelalterlichen Festungen in ihrem Kern aus, da immer mehr Wissen, kulturelle Aktivitäten und seltene Sammlungsobjekte großen und sehr speziellen Raumbedarf anmeldeten.

Residenzkomplexe

Je mächtiger ein Fürst, desto mehr exklusives (Herrschafts-) Wissen und kostbare Objekte besaß er auch und wollte diese natürlich präsentieren. Der Explosion des Wissens seit Galileo Galilei folgte eine Explosion an speziellen Bauten für die vielen neuen Fachgebiete – so entstanden etwa Sternwarten für die Astronomie, Gewächshäuer für die Botanik, Tiergärten für die Zoologie, Bibliotheken für die Fachliteratur und Museen für die Kunstsammlungen. Ältere Spezialbauten für kulturelle Nutzungen bei Hofe waren die Theater, Reitschulen und Ballspielhäuser. Gegen Ende der Feudalzeit im 19. Jahrhundert hatte sich damit an den großen Fürstenhöfen neben den ursprünglichen Kernfunktionen (Residenz, Hofhaltung und Verwaltung) eine große Vielfalt spezieller Bauten angesammelt, die in ihrer Gesamtheit die Kultur eines Landes abbildeten.

Das Hofburgquartier auf einer Vogelschau der Stadt Wien 1905

Das Hofburgquartier auf einer Vogelschau der Stadt Wien 1905

Nach dem Ende der Monarchien verschwanden viele dieser Bauten, wurden umgenutzt oder auch von einer demokratischen Regierung für den ursprünglichen Zweck weitergenutzt. Oft ging jedoch der originale Funktionszusammenhang verloren, weshalb uns meist nur ein Teil der Residenzkomplexe als Fürstensitz gegenwärtig ist, während der Rest vom umgebenden Stadtgewebe absorbiert wurde.

Spanische Hofreitschule

Idealtypisch lässt sich dieser Prozess an der 700 Jahre lang stetig gewachsenen Wiener Hofburg nachvollziehen. Von vielen Bürgern Österreichs wird sie nur mit dem Amtssitz des heutigen Bundespräsidenten in Verbindung gebracht, der im sogenannten Leopoldinischen Trakt der Hofburg aus dem 17. Jahrhundert amtiert. Dieser ist aber nur ein Teil des gesamten Hofburgareals, dessen ausgedehnte Gebäudeansammlung samt Freiflächen, Hofstallungen und ausgelagerten Spezialfunktionen wie Hofburgtheater, Hofmuseen und Hofoper mehr als einen halben Quadratkilometer Fläche umfasst, also rund ein Fünftel der gesamten Wiener Innenstadt. Unter den vielen Gebäuden der Wiener Hofburg befanden sich nicht weniger als drei Reithallen, die aufgrund der Nutzungsanforderung neben den Festsälen zu den größten Raumvolumina des Komplexes zählen. Die bekannteste ist die Spanische Hofreitschule, die noch heute ihren ursprünglichen Zweck erfüllt – nämlich Reitkunst auf höchstem Niveau zu präsentieren. Auch das war eine Machtdemonstration, nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch kulturell, da ja das Pferd als Fortbewegungsmittel seit der Antike höchste militärische Bedeutung besaß, zunächst nur Mächtigen (Reitern, Rittern) zur Verfügung stand und in seiner raffiniertesten, zur Kunstform ästhetisierten Verwendung beim perfektionierten „spanischen“ Dressurreiten nur den Allermächtigsten (etwa dem Kaiser). Der Bau der Reitschulen erforderte zudem großes technisches Know-How. Bei der Spanischen Hofreitschule in Wien (1729-35 errichtet) musste der Hofarchitekt Joseph Emanuel Fischer von Erlach eine Distanz von 18 Metern auf eine Länge von 58 Metern in 17 Meter Höhe stützenfrei überspannen. Dies erfolgte mit aufwändigen hölzernen Dachstuhl-Konstruktionen, die in manchen Reithallen sichtbar belassen und bei der Hofreitschule mit einer abgehängten Decke versehen wurden.

Georg Niemann, Grundriß und Schnitt der Spanischen Hofreitschule in Wien

Georg Niemann, Grundriß und Schnitt der Spanischen Hofreitschule in Wien

Hofreitschule und Reithalle in den Hofstallungen

Ein weitere Macht- und Luxusaspekt ist, dass große Innenräume in der bis 1860 vom Mauerring eingeschnürten engen Stadt echte Mangelware waren. So wurde gerade dieser „Luxus“ schon früh vom „Volk“ reklamiert – etwa bei den ersten Sitzungen des österreichischen Reichstages nach der Märzrevolution ab 22. Juli 1848 in der Wiener Hofreitschule. Im September beschloss er die endgültige Befreiung der Bauern von der Erbuntertänigkeit, wurde aber im März 1849 von Kaiser Franz Joseph wieder aufgelöst.

Außer der im 18. Jahrhundert errichteten Spanischen Hofreitschule gab es in den 700 Meter weiter westlich gelegenen Hofstallungen, dem heutigen Museumsquartier, eine weitere große Reithalle, die den alltäglichen Reitzwecken des Hofes diente. Sie wurde von Kaiser Franz Joseph zwischen Fischer von Erlachs bestehende barocke Stalltrakte in den Jahren 1850-54 mittig im historistischen Stil eingefügt. Heute wird sie im Museumsquartier als Halle E+G für Theater-, Tanz- und Musikveranstaltungen genutzt. Gleich daneben steht ein kleiner Ziegel-Fachwerkbau auf oktogonalem Grundriss, der von Kaiserin Sissi als private Reitschule genutzt wurde. Heute beherbergt er die Bibliothek des Architekturzentrums Wien.

Die größte Reithalle in Wien war mit rund 80 x 20 m die kaiserliche im Hofstallungskomplex (heute: Museumsquartier Wien), 1854 (c) Kunsthalle Wien, Museumsquartier, Stephan Wyckoff

Die größte Reithalle in Wien war mit rund 80 x 20 m die kaiserliche im Hofstallungskomplex (heute: Museumsquartier Wien), 1854 (c) Kunsthalle Wien, Museumsquartier, Stephan Wyckoff

Reitschulen in München und Salzburg

Diese Vorbilder der höchsten Fürstenhöfe führten dazu, dass an ambitionierten Adelssitzen überall im Reich ähnliche Einrichtungen entstanden. Neben Wien verfügte etwa auch München über eine schöne Alte Reitschule direkt neben der Residenz. Die Halle wurde um 1822 für die Errichtung des Odeonsplatzes abgerissen, was einen kurzfristigen Einblick in ihre Dachkonstruktion mit abgehängter flacher Decke ermöglichte, der vom Maler Domenico Quaglio festgehalten wurde. -- Eines der prominentesten Beispiele war die Felsenreitschule der Fürsterzbischöfe von Salzburg. Johann Bernhard Fischer von Erlach plante sie mit Arkaden für das Publikum, die aus dem Felsen des Mönchsberges herausgehauen waren. Heute ist sie eine perfekte Bühne der Salzburger Festspiele, die von den HALLE 1 Architekten mit einem beweglichen Dachmechanismus versehen wurde. -- Im 19. Jahrhundert begann schließlich die „Demokratisierung“ dieses Bautyps. Die am Kaiserhofe im höchsten Maße ästhetisierte und bis zur Kunstform gesteigerte Mobilität „versachlichte“ sich zusehends.

München, Domenico Quaglio, Abbruch der alten Reitschule um 1822, Pinakothek

München, Domenico Quaglio, Abbruch der alten Reitschule um 1822, Pinakothek

Enns, Grafenegg und Feistritz

Reitschulen und Reithallen wurden nun auch vom Militär gebaut – etwa die wunderbare Kavalleriereitschule in Enns von 1857 – und auf den Gütern des Adels, etwa beim Schloß der Grafen Breuner, das der Wiener Dombaumeister Leopold Ernst als Hauptwerk des romantischen Historismus in Grafenegg erbaute. Auch die Burg Feistritz am Wechsel erhielt zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter dem Freiherrn von Dietrichstein eine Reithalle mit bemerkenswerter Dachkonstruktion als Holzfachwerk, deren romantischer Hintergrund als ehemaliger Turnierplatz mit gotischen Bauformen dargestellt wurde.

Enns, Kavelleriereitschule, 1857 (c) Bundesheer

Enns, Kavelleriereitschule, 1857 (c) Bundesheer

Feistritz am Wechsel, Burg, Reithalle (c) burgfeistritz.com

Feistritz am Wechsel, Burg, Reithalle (c) burgfeistritz.com

Die Liechtenstein-Reitschule

In Wien verfügten vor dem Abbruch der Stadtmauern ab 1860 außer dem Kaiser aufgrund des großen Bauplatzmangels und der dichten Bebauung nur die reichsten und mächtigsten Adelshäuser über eigene Reithallen. Die Fürsten Liechtenstein besaßen schon seit 1443 eine Liegenschaft an der Herrengasse, die sukzessive als erstes Stadtpalais ausgebaut wurde. Vor den Stadtmauern errichteten sie das Gartenpalais Liechtenstein. Das Stadtpalais hingegen wurde zuletzt ab 1792 vom Architekten Joseph Hardtmuth umgebaut, der auch einige beindruckende klassizistische Objekte am Hauptsitz der Liechtenstein um Eisgrub (Lednice, CZ) errichtete, wo übrigens Johann Bernhard Fischer von Erlach bereits um 1690 einen großen Komplex mit Stallungen und einer Reithalle errichtet hatte. An der Rückseite des Wiener Liechtenstein-Palais in der Herrengasse stand eine Reitschule im beachtlichen Maß von rund 40 x 20 Metern. Fürst Johann II. „der Gute“ (1840-1929), der nicht weniger als 71 Jahre lang regierte und seine Besitzungen (darunter auch das seit Napoleon souveräne Land Liechtenstein) grundlegend modernisierte, erkannte auch als erster der hochfürstlichen Reitschulbesitzer, dass die repräsentative Nutzung eines derartigen Volumens in allerbester, hofnaher Lage für kunstvolle Pirouetten nicht mehr zeitgemäß war und vermietete die Halle ab 1872 an Ludwig Bösendorfer, der sie umbaute und bis 1913 als Konzertsaal mit einer Kapazität für 588 Personen nutzte.

Wien, Palais Liechtenstein, Ehem. Reitschule (rechts im Bild), Foto Stauda, 1911 (c) ÖNB ST 2933F

Wien, Palais Liechtenstein, Ehem. Reitschule (rechts im Bild), Foto Stauda, 1911 (c) ÖNB ST 2933F

Der Bösendorfersaal (c) Gesellschaft der Musikfreunde Wien

Der Bösendorfersaal (c) Gesellschaft der Musikfreunde Wien

Adolf Loos und der Bösendorfersaal

Hier beginnt auch der unmittelbare Kontakt der Reithallen-Tradition mit der Moderne: Die perfekte Akustik des bei der Musikgemeinde höchst beliebten Saals war so berühmt, dass sie sogar von Adolf Loos beschrieben wurde: „Seit Jahrhunderten beschäftigen sich die Architekten mit Fragen der Akustik. Sie wollten sie auf konstruktivem Wege lösen. Sie zeichneten gerade Linien vom Tongeber nach der Decke und meinten, dass der Schall wie eine Billardkugel im selben Winkel von der Bande abspringe und seinen neuen Weg nehme. Aber alle diese Konstruktionen sind Unsinn. Denn die Akustik eines Saales ist nicht eine Frage der Raumlösung, sondern eine Frage des Materials. Einen akustisch schlechten Saal kann man durch weiche Stoffe, durch Vorhänge und Wandbespannungen verbessern. Ja, ein mitten durch die Wand gespannter Zwirnsfaden kann die Akustik eines Raumes völlig verändern oder verbessern. Das aber sind Surrogate. Denn diese weichen Stoffe saugen den Ton auf und nehmen ihm seine Fülle.

Umbau der Liechtenstein-Reitschule zum Bösendorfersaal (c) Christina Meglitsch, Liechtensteinarchiv

Umbau der Liechtenstein-Reitschule zum Bösendorfersaal (c) Christina Meglitsch, Liechtensteinarchiv

Da wussten die Griechen besser Bescheid. Unter den Sitzen ihrer Theater hatten sie in gleichen Abständen Kammern angebracht, in denen sich jeweils ein grosses metallenes Becken befand, das mit Trommelfell bespannt war. Sie versuchten, den Ton zu verstärken, nicht ihn zu schwächen. Und der Bösendorfer Saal hat die herrlichste Akustik, ohne alle Vorhänge, mit geraden, nackten Mauern. (…) Im Mörtel des Bösendorfer Saales wohnen die Töne Liszts und Messchaerts und zittern und vibrieren bei jedem Ton eines neuen Pianisten und Sängers mit. Das ist das Mysterium der Akustik des Raumes.“

Ungeachtet dieser Würdigung und jener vieler weiterer prominenter Autoren des jungen Wien um 1900 wurden das Palais und die Reitschule aber 1913 abgerissen, um auf diesem Premiumgrundstück einem einträglichen Neubau Platz zu machen. Seit dem Ankauf des nahen, noch unfertigen Palais Kaunitz in der Bankgasse 1694 und dessen Vollendung 1705 verfügten die Fürsten Liechtenstein ja noch über einen zweiten Stadtpalast, den sie auch heute noch nutzen. Das Projekt in der Herrengasse konnte aber wegen des Kriegsausbruchs 1914 nicht realisiert werden. Erst 1931-32 entstand auf diesem Bauplatz das Hochhaus Herrengasse nach den Plänen von Theiß & Jaksch.

Die „Manège“ auf der Augustinerbastei

Außer dem Kaiser und dem Fürsten Liechtenstein verfügte nur ein weiterer wichtiger Bauherr über den Luxus einer 40 x 20 Meter großen Reitschule im Bereich der vollständig und eng verbauten Innenstadt Wiens. Dieses Privileg stand nur einem bedeutenden Mitglied des Erzhauses zu, nämlich dem Oberkommandierenden der kaiserlichen Heere im Koalitionskrieg gegen Frankreich 1792-97. Allerdings handelte es sich dabei um ein „eingeheiratetes“ Mitglied der kaiserlichen Familie: Herzog Albert von Sachsen-Teschen (1738-1822), Sohn des Kurfürsten von Sachsen, hatte 1766 Kaiserin Maria Theresias Lieblingstochter Marie Christine geheiratet. In seiner Stellung als Militärchef und Onkel des Kaisers Franz II. (I.) hatte er Anspruch auf repräsentative Hofhaltung in der Residenzstadt Wien. Dazu gehörten auch umfangreiche Stallungen und mit Reitschule sowie Personal- und Verwaltungsbauten, in denen die zahlreichen Besitzungen und Ländereien des Herzogs in ganz Mitteleuropa administriert wurden.

Die Manège oder Reitschule des Herzogs Albert auf der Augustinerbastei, Bildmitte E, 1804 (c) Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek

Die Manège oder Reitschule des Herzogs Albert auf der Augustinerbastei, Bildmitte E, 1804 (c) Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek

Nur mit Mühe und einer unkonventionellen Maßnahme konnte dieses umfangreiche Bauprogramm realisiert werden: Kaiser Franz überließ dem Reichsfeldmarschall 1794 das Palais Tarouca am südlichen Ende des Hofburgareals neben dem Augustinerkloster. Es war ursprünglich als Hofbauamt errichtet worden und wurde von Maria Theresias Hofbaumeister Emanuel da Silva-Tarouca (1691-1771) zum einem Wohnpalais ausgebaut, das allerdings den Ansprüchen von Herzog Albert, der auch viel Platz für seine berühmte Grafiksammlung benötigte, bei weitem nicht genügte. So schenkte Kaiser Franz dem Feldmarschall auch noch angrenzende Flächen auf der Bastei, die Herzog Albert für eine große Erweiterung des Palais Tarouca und für die Errichtung zahlreicher Nebengebäude für Verwaltung, Personal, Ställe und Reitschule nutzte. Dies war insofern ungewöhnlich, als die Basteien als militärische Befestigungsanlagen normalerweise nicht bebaut werden durften. Da sie jedoch damals angesichts neuester Artillerietechnologien und Militärstrategien ihre Verteidigungsfähigkeit bereits verloren hatten – was Napoleon 1809 mit der Besetzung von Wien und der nonchalanten Sprengung der Burgbastei überdeutlich bewies –, machte man eine Ausnahme. Das umfangreiche Bauprogramm wurde vom französischen Architekten Louis Joseph Montoyer (1749-1811) geplant und bis 1804 realisiert.

Erzherzog Albrechts Reitschule bei der Oper

Die 40 x 20 Meter große Reitschule, die nun als eingeschossiger Bau mit Grabendach auf der Augustinerbastei stand, repräsentiert die vorletzte Etappe der fürstlichen Reithallen in Wien. Als sie 1860 gemeinsam mit der Augustinerbastei und dem Rest der Wiener Stadtbefestigung abgebrochen wurde, musste sie standesgemäß ersetzt werden – Erzherzog Albrecht (1817-1895), der damalige Besitzer des Palais und Sohn des legendären Feldherren Erzherzog Carl (der „Löwe von Aspern“, Sieger einer Schlacht gegen Napoleon), war ein Onkel des nunmehrigen Kaisers Franz Josef sowie Feldmarschall und Generalinspektor der k.u.k. Armee. Als Ersatz für die Nebengebäude seines Palais Albrecht (heute Albertina) auf der nun großteils abgerissen Augustinerbastei erhielt er einen der prominentesten Bauplätze, die die Monarchie zu vergeben hatte: Den Baublock Operngasse-Opernring-Goethegasse-Hanuschgasse, der im Zuge der Planung der Ringstraße anstelle der abgebrochenen Augustinerbastei direkt neben der neuen Hofoper angelegt wurde.

Reithalle Erzherzog Albrecht, 1862, Architekt Anton Hefft

Reithalle Erzherzog Albrecht, 1862, Architekt Anton Hefft

Erzherzog Albrecht verkaufte sieben der acht Parzellen dieses Promi-Blocks an Industrielle und Bankiers des neuen Geldadels, etwa an Friedrich Schey von Koromla, Alexander von Schoeller und den Bierbaron Anton Dreher den Jüngeren. Von einem Teil des Erlöses konnte er auf dem Rest des Baublocks auf dessen bei weitem größter Parzelle entlang der heutigen Goethegasse und Hanuschgasse seine neuen Palast-Nebengebäude als Ersatz für die abgerissenen Bauten auf der Bastei errichten. Die ausgedehnte Blockrandbebauung mit drei Innenhöfen war über eine Brücke mit dem belassenen Rest der Bastei und dem Wohnpalais verbunden, beherbergte Büros und Personalwohnungen sowie Ställe im Erdgeschoß und eine eingeschossige Reitschule im Innenhof, die exakt die gleichen Ausmaße hatte wie die kurz zuvor auf der Bastei abgerissene alte von Louis Montoyer. Planer der 1862-64 errichteten Anlage war der Hofarchitekt Albrechts, der Peter von Nobile-Schüler Anton Hefft (1815-1900).

Erzherzog Albrechts Nebengebäude, Wien 1890 (c) ÖNB 1895516

Erzherzog Albrechts Nebengebäude, Wien 1890 (c) ÖNB 1895516

Anton Hefft, Nebengebäude Erzherzog Albrecht, 1862, EG-Grundriß mit Reithalle (c) M. Boeckl

Anton Hefft, Nebengebäude Erzherzog Albrecht, 1862, EG-Grundriß mit Reithalle (c) M. Boeckl

Kanzleigebäude und Privatmuseum Horten

Die vorerst letzte Etappe „ästhetisierter Mobilität“ im Bereich der Wiener Adelsresidenzen fiel schließlich bereits in den ersten Weltkrieg. Erzherzog Albrechts Adoptivsohn und Erbe war sein Neffe Erzherzog Friedrich (1856-1936), der mit Kriegsausbruch 1914 von Kaiser Franz Joseph zum Oberkommandierenden ernannt wurde und durch seine nunmehr vermehrte Anwesenheit in Wien andere Mobilitätsbedürfnisse hatte als seine Vorfahren. Er ließ die 50 Jahre alte Reithalle seines Onkels abreißen. Dann folgte der Entwurf eines vorerst nur als trockener Zweckbau angedachten „Kanzleigebäudes“. Dessen im Herbst 1914 schließlich ausgeführte Version nach Planung des Baumeisters Hugo Schuster (einen Architekten wollte man dafür nicht eigens bemühen) wurde aber schließlich doch noch mit repräsentativen Elementen wie Eckrustika, Gaupen und Ochsenaugen (Ovalfenstern) versehen.

Kanzleigebäude für Erzherzog Friedrich, 1914

Kanzleigebäude für Erzherzog Friedrich, 1914

Im Erdgeschoß beherbergte es keine Pferde mehr, sondern bereits Autos, die im rückseitigen glasgedeckten Hof gepflegt wurden. Die drei Obergeschoße boten Raum für Dienstbotenwohnungen, die über einen gedeckten Gang mit den Straßentrakten des Baukomplexes verbunden waren. Doch wie "modern" ließ Erzherzog Friedrich dieses Programm lösen? Gab es Alternativen?

Der Bedarf für diese spezielle Bauaufgabe eines Wohnpalais-Nebengebäudes mit Autogarage im Erdgeschoss sowie oft auch Dienstwohnungen darüber hatte sich seit der Erfindung des Automobils und der Ausstattung erster vermögender Haushalte damit bereits des öfteren ergeben. Wie modern man diese Typ gestalten konnte, zeigt das Palais Stoclet in Brüssel von Josef Hoffmann, das er gemeinsam mit Künstlern der Wiener Werkstätte 1904-11 für den Bankier und Kunstsammler Adolphe Stoclet und dessen kunstsinnige Frau Suzanne errichtete. Das berühmteste "Ausstattungsstück" des Palais sind die Speisezimmer-Mosaiken von Gustav Klimt, deren Entwurf im Wiener MAK zu sehen ist. Auf eine ganz andere Weise fortschrittlich war jedoch die Lösung der "Mobilitätsfrage" in der Planung Hoffmanns: Von der Straße fuhr man unter einem verglasten Übergang in einen Hof, an dessen Rückseite sich die eleganten Garagentore befanden. -- Diese Konstellation (gleiche Bauaufgabe, unterschiedliche Bauherren und höchst gegensätzliche bauliche Lösungen) beweist einmal mehr, dass die Trägerschicht der Moderne um 1900 nicht beim alten Adel zu suchen war (der in diesem konkreten Falle einen lokalen Baumeister statt einen Josef Hoffmann beauftragte), sondern beim neu aufgestiegenen "Geldadel" mit viel sozialem und kulturellem Verantwortungsbewußtsein.

Josef Hoffmann, Garagenzufahrt zum Palais Stoclet, 1904-11, aus Moderne Bauformen 1914

Josef Hoffmann, Garagenzufahrt zum Palais Stoclet, 1904-11, aus Moderne Bauformen 1914

Nach der Enteignung des WIener Besitzes von Erzherzog Friedrich (inklusive Albertina und Grafiksammlung) durch die Habsburgergesetzte 1919 ging das Kanzleigebäude, der gebaute Nachfahre der fürstlichen Reithallen, in den Besitz der Republik über, die den Bestand im nunmehrigen „Hanuschhof“ für Zwecke der Bundestheater nutzte. Jüngst wurde das ehemalige Kanzleigebäude an Heidi Goëss-Horten verkauft, die dort in einem Umbau der Wiener Architekten von the next ENTERprise bis 2022 ihr Privatmuseum einrichtet. So findet die lange Wiener Baugeschichte ästhetisierter Mobilität zu einer logischen Fortsetzung, die sich würdig in die Tradition des ehemaligen Bösendorfersaals und der Veranstaltungshalle in der Winterreitschule der zum Museumsquartier umgebauten Hofstallungen einreiht.

the next ENTERprise, Privatmuseum Horten, Wien, 2019-2022

the next ENTERprise, Privatmuseum Horten, Wien, 2019-2022

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