MEDIA REVIEW

Die Frage des Zusammenlebens

Auch von der Ferne aus kann man die Biennale genießen – dank der Publikationen der Länderpavillons. Während manche Beiträge das Vorhandene und Best-Practice-Beispiele dokumentieren, hinterfragen andere den sozialen Raum des Zusammenlebens: wie und mit wem leben wir zusammen? Die Bandbreite reicht von der Enzyklopädie über das Sachbuch bis hin zum interaktiven digitalen Format.


Eine Auswahl von Klara Jörg

Sei es im dörflichen oder urbanen Umfeld: Eine Agglomeration mehrerer Häuser ist meist ein untrügliches Zeichen für das Zusammenleben mehrerer Personen. Der belgische Pavillon zeigt in direkter Beantwortung der Frage des Biennale-Kurators Hashim Sarkis ebensolche Gebäudecollagen. Diese allerdings im Maßstab 1:25, inszeniert aus Gebäuden unterschiedlicher geografischer Herkunft. Kuratiert vom Büro Bovenbouw Architectuur entstand vor Ort ein dreidimensionales Capriccio als imaginäre urbane Landschaft.
Die Publikation Composite Presence dient als Naschlagewerk der im Pavillon vertretenen flämischen Architekturprojekte, die auf herausragende Weise in Interaktion mit ihrem Kontext treten. Die 50 ausgewählten Projekte, dargestellt mittels Modell, Foto und Umgebungsplan, werden von Textbeiträgen ergänzt. So beispielsweise neun verschiedene Perspektiven, die den Mediationsprozess zwischen Architekturschaffenden und munizipaler Seite in Flandern näherbringen.

 

 

 

 

Sofie De Caigny, Maarten Van Den Driessche, Dirk Somers (Hg.)
Composite Presence
216 Seiten,Text englisch, Flanders Architecture Institute, € 29,50


Während derartige politische Zusammenhänge, Wetter, Geografie und Wirtschaft unser Niederlassen prägen, hinterfragt der israelische Pavillon nicht nur wo, sondern auch mit wem wir unsere Umwelt teilen.
In Land. Milk. Honey. Animal Stories in Imagined Landscapes hinterfragen fünf AutorInnen und HerausgeberInnen die Beziehung zwischen Mensch und Tier und deren wechselseitigen Einfluss in der Geschichte. Der Produktionsdruck, um dem sagenumwobenen „Land, wo Milch und Honig fließt“ nachzueifern, hatte sowohl auf die landschaftlichen Charakteristika Israels als auch auf die Tiere der Region immensen Einfluss. Anhand historischer Reiseberichte und geschichtlicher Anekdoten führt das Buch durch eine Landschaft, in der wir Kühen, Bienen, Ziegen und Wasserbüffeln begegnen. Während die einen als Nutztiere in der Gunst ihrer menschlichen MitbewohnerInnen standen, wurden andere verdrängt oder durch „produktivere“ Arten ersetzt. Sowohl Pavillon wie auch Publikation zeigen die Koexistenz unserer tierischen Mitbewohner eindrucksvoll.

 

 

Rachel Gottesman, Tamar Novick, Iddo Ginat, Dan Hasson, Yonatan Cohen
Land. Milk. Honey. Animal Stories in Imagined Landscapes
392 Seiten, Text englisch, Michael Gov Priductions & Park Books, € 25,00

Bedingt durch die lange Planungsunsicherheit der Pandemie laden eine Vielzahl digitaler Formate zum Interagieren aus der Ferne mit diversen Biennalebeiträgen ein. Der polnische Pavillon Trouble in Paradise ist online erlebbar und durchleuchtet vor Ort in Venedig sowie auf heimischen Bildschirmen das Zusammenleben am Land aus historischer, geographischer und soziologischer Sicht. Kuratiert von PROLOG +1, beschreiben sechs junge europäische Architekturbüros Konzepte und Ideen des kollektiven Lebens. Glück im Unglück: Die Verzögerung der Biennale ermöglichte es, weitere Sichtweisen anhand kurzer Essays in einem Onlinekatalog, herausgegeben von Wojciech Mazan, zu sammeln. Die gewünschte Horizontalität der diversen Sichtweisen der Textbeiträge wird dank des Panoramas der polnischen Landschaft sowohl online wie auch im Pavillon verstärkt. Auf den ersten Blick nicht gleich ersichtlich, erkennt der/die BetrachterIn erst durch die Interaktion damit einzelne Elemente, die territoriale Zusammenhänge, Siedlungswesen und Wohnbau am Land ausmachen.

 

 

 

Wojciech Mazan (Hg.)
Trouble in Paradise
258 Seiten, Text englisch, Zachęta — National Gallery of Art, online unentg.

Im Gegensatz dazu beschäftigt sich der kanadische Beitrag Imposter Cities mit der Identität amerikanischer Großstädte und deren Fälschungen.
In einer Nebeneinanderstellung verschiedener Filmausschnitte erkennt der/die Website-BesucherIn dieselben Drehorte in unterschiedlichen Filmen und wird so durch eine allseits bekannte und dennoch fiktive Welt geführt. Gekoppelt mit Interviewausschnitten von kanadischen Filmschaffenden trägt der Beitrag, kuratiert von David Theodore, auf erfrischende Weise zum Thema des Kollektiven am Bildschirm bei und macht dies sowohl im Pavillon wie auch auf den heimischen Rechnern erlebbar. Der Soundtrack des kanadischen Pavillons ist als weiteres Medium bald auf Schallplatte erhältlich.

 

 

 

 

 

David Theodore (Kur.)
Imposter Cities
www.impostorcities.com, englisch, online unentg.

Unser Zusammenleben ist geprägt vom gegenseitigen Einfluss aufeinander – dieses Mantra verdeutlichen sowohl der dänische Beitrag vor Ort wie auch dessen Publikation. Während in den Giardini das Wasser diesen zusammenhängenden Kreislauf inner- und außerhalb des Pavillons verbildlicht, beschreibt das Buch con-nect-ed-ness eine Enzyklopädie der Zusammenhänge auf unserer Erde. Die Herausgeberin Marianne Krogh versammelt eine Vielzahl von Stimmen verschiedener AutorInnen, deren Beiträge und Manifeste sich jeweils einem Thema des Anthropozäns, von A wie Architektur, über H wie Hitzewelle bis hin zu X wie Xenophobie widmen. Eine eigens eingeführte Leseart ermöglicht, Zusammenhänge auch außerhalb der alphabetischen Reihenfolge sowie Seitenabfolge zu lesen und erkennen. So bildet das ansprechend gestaltete Buch nicht den einen richtigen Weg des Zusammenlebens ab, sondern dient mehr noch als Inspiration für ein zukünftiges Miteinander in Anbetracht der planetaren Verknüpfungen.

 

 

 

Marianne Krogh (Hg.)
con-nect-ed-ness
416 Seiten, Text englisch, Paperback, € 32,37

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