MEDIA REVIEW

Erkundung des (vermeintlich) Bekannten

Media Review 01-02/2021 Header

Weihnachten hat allen Architekturinteressierten hoffentlich viele schöne Architekturbücher beschert. Denn die zahlreichen Shutdowns in ganz Europa rund um die Jahreswende boten ausreichend Muße, sich sogleich in die neueste Lektüre über (vermeintlich) bekannte Orte, Bauten und Architekten zu vertiefen. So lernen wir viele bekannte Personen und Objekte aus ganz neuen Perspektiven kennen, oft auch in faszinierender Tiefe und Detailgenauigkeit.


 

 

 

Am 31. Oktober 2020 wurde nach 14-jähriger Bauzeit der neue Berliner Flughafen BER eröffnet. Der alte in Berlin-Tegel hingegen war 1948 binnen drei Monaten für die Berliner Luftbrücke errichtet worden. 1965-74 wurde dort das zivile Abfertigungsgebäude von Meinhard von Gerkan, Volkwin Marg und Klaus Nickels geplant und errichtet, das nun wohl abgetragen werden wird. Das Buch „TXL. Berlin Tegel Airport“ hält für Design-Fans verdienstvoll fest, was hier verloren geht. Jedem Berlinreisenden war das „ikonische“ Sechseck bestens vertraut: ein wahres Signature-Piece für die Ästhetik der 1970er Jahre, in bequemer Zentrumsnähe, aber ohne U-Bahn-Anschluss (!). Die chronische Überlastung, aber auch die kurzen Wege bleiben in Erinnerung, nun werden dem Leser nachträglich die vielen zeittypischen Details von Mero-Raumfachwerk-Dächern bis zu gelben Plastik-Wartemöbeln erst richtig bewusst

Jürgen Tietz (Hrg.)
TXL. Berlin Tegel Airport
248 Seiten, Deutsch/Englisch, Park Books, € 38,–

 

 

Einen neuen Blick auf eine vermeintlich bestens bekannte Stadt bietet auch das Buch „Ein neues Mainz? Kontroversen um die Gestalt der Stadt nach 1945“. Mainz eignet sich perfekt für urbanistisch-historische Studien, da es nicht nur auf eine 2000-jährige Geschichte zurückblickt (gegründet 13 v.Chr. durch den römischen Feldherrn Drusus, seit dem 4. Jh. einer der ältesten deutschen Bischofssitze), sondern auch durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs (mit ersten NS-Wiederaufbauplanungen) ab 1945 zum städtebaulichen Laboratorium avancierte. Die Autoren dokumentieren, wie sich deutsche und französische, moderne und traditionalistische Positionen verschiedener Schulen in einer relativ offenen Atmosphäre der zahlreichen involvierten Besatzungs- und Lokalbehörden nach 1945 gegenseitig stimulierten und so ein – für ganz Europa repräsentatives – Panorama damaliger Städtebautheorien entfalteten.

Jean-Louis Cohen, Hartmut Frank, Volker Ziegler
Ein neues Mainz?
280 Seiten, Deutsch, De Gruyter, € 49,95

 

 

 

 

Eine weitere europäische Stadt mit über 2000-jähriger Geschichte ist Wien. Wojcech Czajas Buch „Almost. 100 Städte in Wien“ dokumentiert jedoch die Episoden der langen Wiener Baugeschichte nicht als Historiker, sondern illustriert mit je einem aktuellen Foto von 100 Situationen deren Funktion in der Vielfalt der heutigen Stadt. Coronabedingt war der sonst höchst fernreisefreudige Architekturkritiker der Tageszeitung „Der Standard“ auf lokale Entdeckungsreisen per Motorroller beschränkt. Und erkannte, dass viele Stadtbausteine eine Atmosphäre ferner anderer Städte vermitteln. So finden sich in Wien Bauten und Plätze, die an exotische Orte wie Bishkek, Lhasa, Kapstadt, Kuwait City oder Isfahan erinnern und damit eine Mikro-Weltreise im Radius weniger Kilometer ermöglichen.

Wojcech Czaja
Almost. 100 Städte in Wien
232 Seiten, Deutsch, Konnex, € 20,-

 

 

 

Zwei neue Bücher sind Schlüsselpersönlichkeiten der frühen und klassischen Moderne gewidmet. Hartmut Frank, führender Peter-Behrens-Experte und Co-Herausgeber des oben besprochenen Buches über Mainz, legte im Buch „Fritz Schumacher“ eine Monografie über einen stadtbildprägenden Architekten vor. Fritz Schumacher (1869-1947) war 1909-33 Oberbaudirektor von Hamburg. Frank: „Wenn gefragt wird, wer (…) dieser so lange als nüchtern und materialistisch geschmähten Großstadt an der Elbe zu ihrem besonderen Charakter und ihrer räumlichen Identität verholfen hat, wird sein Name zuerst genannt.“ Das große Œuvre, das es hier zu entdecken gilt, bearbeitet von Grafikdesign, Ausstellungsgestaltungen, Möbelentwurf und Villenplanungen über Entwürfe für Denkmäler, Theater, Kaufhäuser, Schulen, Museen und Kirchen bis zu Parks, Bootsanlegestellen, großen Wohnbebauungen und ganzen Quartiersentwicklungen praktisch alle modernen Bauaufgaben, die sich in der entstehenden Großstadt stellten. Städtebauliche Planungen für Köln aus den 1920er Jahren vervollständigen die Dokumentation eines der Großen der frühmodernen Architektur Deutschlands.

Hartmut Frank
Fritz Schumacher
350 Seiten, Deutsch, Ellert & Richter, € 19,95

 

 

 

Ähnlich augenöffnend wirkt die Monografie „Ernst A. Plischke, 1903-1992. Architekt zwischen den Welten“ von Christoph Schnoor, der über Le Corbusier und Colin Rowe forschte und in Auckland, Neuseeland lehrt. In Neuseeland lebte und arbeitete auch der kosmopolitische Wiener Architekt Ernst A. Plischke, nachdem er nach dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland mit seiner jüdischen Frau Anna 1939 flüchten musste. In den 1920er und 1930er Jahren zählte Plischke, der bei Peter Behrens an der Wiener Akademie studiert hatte, zur jungen, international orientierten Avantgarde mit einer eleganten minimalistischen Formensprache. Höhepunkte waren ein längerer Aufenthalt in New York sowie die Planung des progressiven Arbeitsamts Wien-Liesing. Bisher konnten die neuseeländischen Jahre Plischkes noch nicht komplett auf Basis des lokalen Archivmaterials dargestellt werden. Nun lernt man aber viel über die Wohnbauten und Community Centers, die Plischke in Fortsetzung der europäischen Ideale der Moderne in einem neuen Kontext realisierte. 1963 wurde er auf eine Professur an der Akademie nach Wien zurückgerufen.

Christoph Schnoor
Ernst A. Plischke, 1903-1992
459 Seiten, Deutsch, Park Books, € 48,-

 

 

 

Ebenfalls einer angesehenen Wiener Ausbildungsstätte für ArchitektInnen entstammt die Dokumentation eines Forschungsprojekts über Kunstschulen, das bei Tina Gregorič an der TU Wien entstand. Das Buch „Open Design Academy. Paris Design Studio Series 2018-2020“ präsentiert Überlegungen zu „kreativen akademischen Bildungs-Umwelten“. Verdienstvoll werden zuerst 16 bekannte Architekturschulbauten von Semper bis Mies planlich dokumentiert, bevor 14 Projekte von Studierenden ideale Kunstschulen von heute entwickeln, an denen man gerne lernen würde.

Tina Gregorič, Gordon Selbach (ed.)
Open Design Academy. Paris Design Studio Series 2018-2020
335 Seiten, Englisch, TU Wien

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