Modern Classics 13

Industrialisierung des Bauens: Europäische Prototypen der 1920er und 1930er Jahre

Hirsch Kupferhaus in Zeuthen (c) Wiki Commons, Braveheart

Im ersten Teil unserer Miniserie über die Industrialisierung des Bauens war von den Anfängen im 19. Jahrhundert die Rede. Teil 2 beleuchtet nun die Architekturavantgarde der 1920er und 1930er Jahre.


 

Anfangs lieferte die Rationalisierungsobsession der Avantgarde auch irrationale Planungsergebnisse. Ein erstes Beispiel derartiger Konflikte von technischen Standardisierungen mit realen Nutzerbedürfnissen bot die Siedlung in Dessau-Törten 1926–28, wo Gropius identische Häuser – nur um eine „rationale Fließbandherstellung“ zu demonstrieren – wegen der gewählten Produktionsmethode entlang zweier paralleler Reihen durch die Grundriss-Spiegelung in verschiedene Himmelsrichtungen orientieren musste: Damit opferte er eine wesentliche funktionale Anforderung bewusst einem „höheren Ziel“.

In praktisch allen derartigen frühen „Industrialisierungs“-Projekten waren die Baukosten wegen der neuen Technologie und der geringen Anzahl an Produktionseinheiten höher als bei etablierten handwerklichen Bautechniken, da diese längst keine Entwicklungskosten mehr verursachten: Die enorme Anfangsinvestition für die neue Produktionstechnik hätte erst in ferner Zukunft durch den Absatz großer Produktionsmengen zurückverdient werden können.

Gropius Siedlung Dessau Törten (c) Archiv MB

Walter Gropius, Bauhaus-Siedlung, Dessau-Törten (c) Archiv MB

Dieses klassische Problem der Finanzierung hoher Entwicklungskosten einer neuen industriellen Produktionsweise begleitet seither alle einschlägigen Baukonzepte. Es konnte im Bauwesen – im Gegensatz zur vorbildlichen Autoindustrie – niemals gänzlich gelöst werden, da vorgefertigte Wohnhäuser in einer konkurrenzfähigen Qualität kaum je die für eine Amortisierung der Anfangsinvestition erforderlichen Absatzzahlen erreichten.

Ein zweiter Fall, in dem Gropius’ Ambition der Durchbruch zum Massenmarkt verwehrt blieb, war sein Beitrag zur Werkbund-Ausstellung von Modellhäusern in Stuttgart 1927. Das Haus Nr. 17, das dort buchstäblich im Schatten der Häuser von Le Corbusier stand, war als Stahlgerüst mit Füllwänden aus 8 cm starken Expansitkorkplatten und Asbestschieferplatten konstruiert. Winfried Nerdinger zieht auch für diesen Prototyp eine ernüchternde Bilanz: „Nicht nur Kritiker sprachen vom Barackenmäßigen der Bauten, sondern auch die Bauhausstudenten waren enttäuscht über ihren Direktor und meinten, so etwas wie Le Corbusiers Bauten hätte aus Dessau kommen müssen. In ihrem Tagebuch notierte Ilse Gropius darauf, dass Gropius die Häuser Le Corbusiers als rückständig kritisierte, denn die Zukunft läge in der Mechanisierung der Bauproduktion.“ Einmal mehr zeigte sich so, dass die dogmatische Fraktion der Rationalisierungsfans die emotionalen Faktoren des Bauens völlig aus den Augen verloren hatten. Corbusiers Bauten bestachen nämlich durch Eleganz und kühne Konstruktion...

 

Le Corbusiers Häuser auf der Werkbundsiedlung Stuttgart 1927 (c) Wienmuseum

Le Corbusiers Häuser auf der Werkbundsiedlung, Stuttgart 1927 (c) Wienmuseum

Vorgefertigte Wohnhäuser in einer konkurrenzfähigen Qualität erreichten anfangs kaum je die für eine Amortisierung der Anfangsinvestition erforderlichen Absatzzahlen.

Eine dritte Episode ist das Projekt einer „Häuserbaufabrik“, die der Bauhaus-Gründer 1928 mit dem Berliner Bauunternehmer Adolf Sommerfeld aufziehen wollte. Dafür unternahm Gropius eine ausgedehnte Studienreise in die USA und inszenierte nach seiner Rückkehr gemeinsam mit László Moholy-Nagy eine Ausstellung, die „amerikanische“ Bausysteme propagierte. „Aber die Häuserbaufabrik“, resümiert Nerdinger erneut, „zerschlug sich und die beschworene amerikanische Bauwirtschaft blieb auch weiterhin ein etwas nebulöser, meist nur statistisch gebrauchter Begriff“.

Metallkonstruktionen begannen sich zu dieser Zeit als bevorzugte industrielle Serienhausbautechnik sowohl am Markt als auch bei den von Architekten ersonnenen Prototypen zu etablieren: Schon 1924 hatte Friedrich Förster (1930 mit Robert Krafft verbessert für die Hirsch Kupfer- und Messingwerke in Eberswalde) ein innovatives Wandelemente-System aus Holzrahmen mit Kupferpaneelen für vorgefertigte Häuser entwickelt: „Dieses Konzept hatte keine konstruktiven Vorbilder am deutschen Hausbaumarkt und nicht einmal unter früheren, vielbewunderten britischen Modellen.“ Nach Präsentationen von traditionalistisch gestalteten Prototypen auf Bauausstellungen analysierte Walter Gropius das Hirsch-System 1931 für die Zeitschrift Bauwelt und begann danach das Unternehmen bei der experimentellen systematischen Verbesserung anhand von Modellbauten umfassend zu beraten. Letztlich wurden aber – trotz vieler Verhandlungen mit Entwicklern in Europa, Amerika und in der Sowjetunion über eine Serienproduktion – nur einige Dutzend dieser Häuser hergestellt, meist als Prototypen, einige wenige auch für private Endkunden.

Hirsch Kupferhaus in Zeuthen (c) Wiki Commons, Braveheart

Hirsch Kupferhaus in Zeuthen (c) Wiki Commons, Braveheart

Auch österreichische Architekten und Unternehmen starteten um 1930 Versuche in Richtung Serienproduktion vorgefertigter Metallhäuser. Der Stahlhersteller Böhler – dessen Besitzerfamilie eng mit den Wiener-Moderne-Pionieren um Josef Hoffmann verbunden war – entwickelte ein Wandsystem mit Stahlrahmen, Stahlpaneelen und innerer Heraklith-Dämmung. Prototypen aus diesem System wurden, teilweise nach Architektenentwurf, auf deutschen Bauausstellungen präsentiert. Das Konzept konnte sich jedoch nie am Markt etablieren – genauso wenig wie das Stahlhaus, das Josef Hoffmann für den steirischen Hersteller Vogel & Noot entworfen hatte.

Gleichzeitig entwickelte Richard Buckminster Fuller in den USA sein Dymaxion-Konzept für ein industriell produziertes Aluminium-Fertighaus, das 1928–30 nur in zwei Prototypen hergestellt wurde. Seine geodätischen Kuppeln aus industriell produzierten Leichtbauelementen folgten ab 1948. Einer der Erfolgsfaktoren dieses Systems war seine Adaptierbarkeit für zahlreiche Kontexte und Funktionen – mit der großen Ausnahme des Wohnens.

Josef Hoffmann, Stahlhaus für Vogel & Noot, aus: MBF 1929, 77

Josef Hoffmann, Stahlhaus für Vogel & Noot, aus: MBF 1929, 77

Konrad Wachsmann, der mit Gropius ab 1941 im gemeinsamen US-Exil zusammenarbeitete, hatte seine Erfahrungen mit rationellen Produktionstechnologien zunächst im Holzbau erworben. Nach einer Lehre als Möbel- und Bauschreiner und dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Berlin studierte er 1923 an der Dresdner Akademie bei Heinrich Tessenow und 1924 an der Berliner Kunstakademie bei Hans Poelzig. 1926 trat er in das Holz- und Stahlbauunternehmen Christoph & Unmack in der ostdeutschen Stadt Niesky ein. 1929 eröffnete er ein Architekturbüro in Berlin, das mit dem Ferien-Holzhaus für Albert Einstein in Caputh bei Potsdam schlagartig bekannt wurde.

1930 publizierte er ein Fachbuch über Holzbautechnik. Von der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten 1933 bis zu seiner von Einstein ermöglichten Emigration in die USA 1941 lebte und arbeitete Wachsmann unter anderem in Italien, Spanien und Frankreich. Auch in dieser unruhigen Zeit hielt er stets intensiven Kontakt mit den wichtigsten Persönlichkeiten der deutschen und europäischen Architekturavantgarde von Tessenow über Poelzig und Gropius bis zu Le Corbusier. Aber schon beim Einstein-Projekt hatte er seine Lebensaufgabe erkannt: „Einstein als Auftraggeber zu haben, das war eine ungeheure Reputation. Obwohl es eigentlich leichtsinnig war, gab ich meinen Posten als Chefarchitekt (bei Christoph & Unmack, Anm. d. Verf.) auf, um in eigener Praxis zu arbeiten. Dabei war ich meiner Zukunft gar nicht so sicher. Entdeckt hatte sich mir lediglich eine universelle, anonyme Aufgabe: die Industrialisierung.“

Konrad Wachsmann, Einsteinhaus in Caputh (c) Wiki Commons, Cornelsen Kulturstiftung

Konrad Wachsmann, Einsteinhaus in Caputh (c) Wiki Commons, Cornelsen Kulturstiftung

Jene Projekte, die Wachsmann zwischen seiner Ankunft in Amerika 1941 und dem Beginn seiner Lehrtätigkeit an US-Universitäten 1949 sowie seiner Wanderjahre als Vortragender in direktem und indirektem Auftrag der US-Regierung ab 1954 entwickelte, waren Gegenstand zahlreicher Publikationen. Die wichtigsten Hallenbaustudien waren eine Mobilar Structure für die Atlas Aircraft Corporation und Hangar-Projekte für die US Air Force. Bezahlt wurden dabei nur die Forschungskosten. Keines der beiden Systeme erreichte Marktreife und Serienproduktion.

Vorschau Teil 3: Die General Panel Corporation: Erfolgskriterien des industriellen Wohnbaus

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