MEDIA REVIEW

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Media Review 04/2021 Header

Bücher sind resiliente Zeitgenossen. Das zeigte einmal mehr das Pandemie-Jahr 2020. Trotz Krise konnte eine erstaunlich große Anzahl an qualitätsvollen Publikationen sämtliche Produktionsschritte bis zur Fertigstellung durchlaufen. Das liegt auch daran, dass Buchmachen eine komtemplative Tätigkeit ist und mit digitalen Tools bestens auch von zu Hause aus funktioniert.


Eine Auswahl von Gudrun Hausegger

 

 

Zu Beginn ein Buch mit Bezug zum Heftthema: Urban Design Methods richtet sich als „Handbuch“ an alle an der Gestaltung urbaner Lebensräume beteiligten Akteure – von ArchitektInnen über LandschaftsarchitektInnen bis hin zu Stadt-, Regional- und LandschaftsplanerInnen. Dass Stadtplanung als komplexes Feld nicht länger ohne inter- bzw. transdisziplinäre Zusammenarbeit, ohne innovative unkonventionelle Arbeitsmethoden lösbar ist, machen die Herausgeber in ihrem Einleitungsessay klar. Naturgemäß war die Profession ständig einem Wandel unterworfen, aber die Aufgabenstellungen haben globale Ausmaße angenommen. Im Anschluss werden 27 „Tools“ vorgestellt – nicht alle sind unbekannt, werden hier jedoch unter aktualisiertem Blickwinkel aufbereitet: wie z.B. Typologien und Morphologien verstehen, Mapping oder die Anwendung von Systemdenken und Datengewinnung. Einige „Werkzeuge“ sind neueren Ursprungs (z.B. die Akteur-Netzwerk-Theorie ANT), manche noch nicht etabliert (wie die Einbeziehung anderer Lebewesen). Kein Buch für „nebenbei“!

 

Undine Giseke, Martina Löw, Angela Million, Philipp Misselwitz, Jörg Stollmann (Hg.)
Urban Design Methods. Integrated Urban Research Tools
256 Seiten, Englisch, Jovis Verlag, € 29,80,-

 

Die folgenden vier Bücher widmen sich Themen, die schon lange auf Bearbeitung warten oder Altbekanntes durch neuartige „Lesarten“ bereichern: So beispielsweise die Publikation „Die Frauen der Wiener Werkstätte“: Es sind Männer­namen wie Josef Hoffmann oder Koloman Moser, die man mit der Wiener Werkstätte (1903–1932) gemeinhin verbindet. Das neue Buch hingegen legt das Augenmerk auf das Wirken der Frauen innerhalb dieser zukunftsweisenden Vereinigung für Kunsthandwerk. Die aktuelle Forschungslage (Texte von u.a. Anne-Katrin Rossberg, Elisabeth Schmuttermeier, Angela Völker) gibt nicht nur Einblick in die vielfältige Produktion der rund 180 Künstlerinnen der WW, sondern beleuchtet auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Berufsbildes „Kunstgewerblerin“. 80 Seiten an Biografien, großteils zum ersten Mal erhoben, komplettieren das grafisch sehr ansprechend aufbereitete Buch. Der Band erscheint zur gleichnamigen Ausstellung im Wiener MAK (21.4. bis 3.10. 2021).

 

Christoph Thun-Hohenstein, Anne-Katrin Rossberg, Elisabeth Schmuttermeier (Hg.)
Die Frauen der Wiener Werkstätte
288 Seiten, Deutsch/Englisch, Birkhäuser Verlag, € 44,95,-

 

 

„Ein wissenschaftliches Schau- und Lesebuch“ steht auf dem Buchdeckel der im März erschienenen zweibändigen Publikation „Berghotels 1890–1930: Südtirol, Nordtirol und Trentino. Bauten und Projekte von Musch & Lun und Otto Schmid“. In der Tat – und was für ein erlesenes! Bettina Schlorhaufer, Kunsthistorikerin, Kuratorin und Lehrende, meistert in Band 1 eine umfassende Darstellung über geschichtliche, wirtschaftliche sowie kulturelle Entwicklungen und Zusammenhänge im Berghotelbau Südtirols und der Nachbarregionen Nordtirol und Trentino. Die profunde Kennerin dieser Alpenländer erzählt von Stadtflucht, Straßen- und Eisenbahnbau, der Ankunft der modernen Architektur in luftiger Höhe sowie einflussgebenden „Playern“ im Tourismus. Band 2 stellt 18 Hotels der Architekten und Ingenieure Musch & Lun aus Meran sowie Otto Schmid (gebürtiger Österreicher) anhand von teils erstmals publizierten historischen Fotos und Plänen sowie umfangreichem Archivmaterial vor. Er gibt Einblick in deren Geschichte, Bauphasen und Besonderheiten.

 

Bettina Schlorhaufer (Autorin), Touriseum (Hg.)
Berghotels 1890–1930: Südtirol, Nordtirol und Trentino.
Bauten und Projekte von Musch & Lun und Otto Schmid

608 Seiten (2 Bände), Deutsch, Birkhäuser Verlag, € 79,95,-

 

 

Der Um- und Neugestaltung der sogenannten Brückenkopfgebäude an der Nibelungenbrücke in Linz zu einem Standort der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung kommt als exemplarisches Beispiel für die Umdeutung eines historisch „kontaminierten“ architektonischen Erbes internationale Bedeutung zu. Architekt Adolf Krischanitz gewann 2009 den EU-weit ausgeschriebenen Wettbewerb dazu. Er „konterkarierte“, so Krischanitz, das Pathos der beiden denkmalgeschützten neoklassizistischen Monumentalbauten aus nationalsozialistischer Planung (Reichsbaurat Roderich Fick), um Gebäude für neue zukunftsfähige Nutzungen zu schaffen: Leichtigkeit, viel Licht, großzügige Flächen. Die Publikation „Strategie der Überwindung“ zu diesem richtungsweisenden Umbau stellt mit ihren inhaltlich breit gefächerten Essays einen wesentlichen Beitrag zum Thema Weiterentwicklung und Neupositionierung historisch belasteter Bausubstanz dar.

 

Georg Schöllhammer (Hg.)
Strategie der Überwindung. Umbau und Erweiterung der Kunstuniversität Linz durch Architekt Krischanitz
160 Seiten, Deutsch, Park Books, Verlag, € 38,-

 

 

Zuletzt zu einem Meister der Moderne: Mies van der Rohes Werk ist seit jeher von einer intensiven und widersprüchlichen Rezeption begleitet worden. So rücken in den letzten Jahren verstärkt „ideelle“ Inhalte in den Vordergrund, sowohl bei den Pionieren der Mies-Forscher wie Fritz Neumeyer („Das kunstlose Wort“, 1986), als auch bei der jüngeren Generation, wie Albert Kirchengast („Das unvollständige Haus. Mies van der Rohe und die Landschaft“, 2019). Die Publikation „Mies und die Poesie der Architektur“, die die Vorträge des Symposiums „Mies‘ Architekturdenken“ von Februar 2020 zusammenfasst (begleitend zur Ausstellung „Modell Mies“ im Mies van der Rohe Haus in Berlin), zeigt dies einmal mehr: Unter Begrifflichkeiten – wie Innigkeit, Mut oder Trost – konstatieren die Herausgeber, dass es Mies stets „um die Kunst des In-die-Welt-Bringens des Guten, Schönen und Wahren“ ging. Eine wohltuende Befreiung vom Dogma „Less is more“!

 

Albert Kirchengast, Jörn Köppler, Wita Noack (Hg.)
Mies und die Poesie der Architektur
Schriftenreihe des Mies van der Rohe Hauses. Band 4
212 Seiten, Deutsch, form + zweck Verlag, € 20,-

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