Für das Oktoberheft Buchempfehlungen mit zweierlei Ausrichtung: Zum einen werfen wir Schlaglichter auf exemplarische historische sowie aktuelle Wohnbaupositionen, zum anderen führen zwei das Wohnbauthema ergänzende Publikationen – ganz herbstlich inspiriert – in den sakralen Bereich sowie in den Süden.


Eine Auswahl von Gudrun Hausegger

Zunächst zu einer langen erfolgreichen Karriere, die, wäre sie männlich, schon längst im Architekturkanon Aufnahme gefunden hätte: „Elizabeth Scheu Close. A Life in Modern Architecture.“ Die Tochter (1912–2011) des Rechtsanwalts und Sozialdemokraten Gustav Scheu zog 1932 als junge Studentin in die USA, um ihr Studium am MIT in Boston abzuschließen. 1938 gründete sie mit ihrem Mann Winston Close in Minneapolis ein eigenes Büro, ihre frühen Bauten zählen zu den ersten Beispielen moderner Architektur in Minnesota. Nach dem Krieg führte die mittlerweile zweifache Mutter die Firma Großteils allein weiter, entwarf bis Ende der 1950er Jahre rund 10.000 industriell vorgefertigte Häuser und in der Folge, neben zahlreichen anderen Bauaufgaben, rund 250 Einfamilienhäuser im mittleren Westen und Nordwesten der USA. Ihre (material)technisch sowie funktional innovativen Lösungen waren stets aus dem tiefen Verständnis des Kontexts entwickelt. Die weiten, großzügig verglasten Wohnräume mit engem Bezug zum Außenraum zeigen aber auch spürbare Einflüsse der Wiener Moderne (immerhin hatte sie 20 Jahre lang im berühmten „Haus Scheu“ gelebt). Es ist das Verdienst der US-Architekturhistorikerin Jane King Hession, die Biographie dieser Pionierin der Moderne gehoben zu haben!

Jane King Hession Elizabeth
Scheu Close. A Life in Modern Architecture
224 Seiten, Englisch, University of Minnesota Press, $39.95

Anlässlich der kommenden Retrospektive zum 150.Geburtstag von Josef Hoffmann (1870–1956) im Wiener MAK (ab 15.12.2021) sei auf die Publikation „Josef Hoffmann. Fortschritt durch Schönheit“ hingewiesen, die das Schaffen des Architekten, Designers, Lehrers, Ausstellungsmachers und Mitbegründers der Wiener Werkstätte zum ersten Mal in einer umfassenden Gesamtschau zeigt. Das Opus Magnum „bietet einen Überblick zu Hoffmanns Beiträgen aus sechs Jahrzehnten zu allen Produktionssparten der Lebensreform“, so Matthias Boeckl, Co-Kurator und Mitherausgeber der Publikation. „Hoffmann glaubte unbeirrbar an die (auch soziale) Heilkraft des Schönen als Menschenrecht und an die individuelle Kreativität, die idealerweise in handwerklicher Produktion zum Ausdruck kommt und Identifikation schafft.“ In über 40 Essays wird Hoffmanns Idee des industriekritischen Gesamtkunstwerks in all seinen Aspekten analysiert und dokumentiert.

 

 

 

 

 

Ch. Thun-Hohenstein, M. Boeckl, R. Franz, Ch. Witt-Dörring (Hg.)
Josef Hoffmann 1870–1956. Progress through Beauty. A Guide to his Oeuvre
448 Seiten, English, Birkhäuser Verlag, € 69.95

Zur aktuellen Wohnbaudebatte: Bevölkerungswachstum, Verdichtungsdruck oder Migration sind nur einige der Herausforderungen, die neue zukunftsfähige Wohnformen notwendig machen. Der deutsche Jovis Verlag widmet sich traditionsgemäß in einer Reihe von Publikationen dem Thema Wohnbau der Zukunft. Wiederholt stehen dabei gemeinschaftlich orientierte Typologien im Vordergrund, wie beispielsweise in dem Buch „Zusammenhalt braucht Räume.“ Ausgehend von der These, dass bestimmte Wohnformen Integration und Teilhabe fördern können, werden hier Projekte in Deutschland vorgestellt, die das Zusammenleben von „Neuzugewanderten“ (in den letzten fünf Jahren aus dem Ausland zugewandert) und „Orstansässigen“ (mehr als zehn Jahre in Deutschland wohnhaft) ermöglichen sollen. Die im Rahmen eines Forschungsprojekts (Universität Stuttgart, Fakultät für Architektur und Stadtplanung und Deutsches Institut für Urbanistik) analysierten integrativen Modelle (z.B. das Refugio in Berlin Neukölln, 2015) wurden vor allem auf ihr Potential der Verbreitung und Übertragbarkeit hin untersucht – als künftige Bausteine einer sozial verträglichen Stadt.

 

 

 

 

 

Christine Hannemann, Karin Hauser (Hg.)
Zusammenhalt braucht Räume. Wohnen integriert
192 Seiten, Deutsch, Jovis Verlag, € 24,80

„Sacred Concrete. The Churches of Le Corbusier“ führt vom Wohnen in den sakralen Bereich. In dieser Publikation traten zwei Architektinnen bzw. Architekturhistorikerinnen an, das Verhältnis des großen Architekten zum Kirchenbau sowie zur Religion an sich zu beleuchten. Ein gewagtes Unterfangen, ist die Literatur über Le Corbusier sowie das theoretische Werk des Architekten selbst bereits reichhaltig. Flora Samuel und Inge Lindner-Gaillards fokussierten bei ihrem Vorhaben auf vier Sakralbauten: die (ungebaute) Basilika La Sainte-Baume, Ronchamp, das Dominikanerkloster La Tourette und die Kirche Saint Pierre in Firminy. Neben der Entstehungs- und Baugeschichte untersuchten sie die Bauten auf deren jeweilige „Essenz“ und dokumentierten im Anschluss Corbusiers Einfluss auf den modernen Sakralbau. Den Einstieg in die Materie bildet ein theoretischer Überbau, der von der Begegnung Corbusiers mit der Kirche erzählt (der Dominikanerpater Marie-Alain Couturier als zentrale Figur), von seinen Erfahrungen mit diversen Formen der Religiosität sowie vom Verhältnis von Kirche und Moderne. Eine gelungene Zusammenschau des Themas, auch wenn manche Schlussfolgerungen überraschend scheinen!

 

 

 

 

Flora Samuel, Inge Linder Gaillard
Sacred Concrete. The Churches of Le Corbusier Überarbeitete Neuausgabe
232 Seiten, Englisch, Birkhäuser Verlag, € 58,80

Zu guter Letzt laden wir zu einer Reise in den Süden – nach Neapel. Die Publikation „Napoli Super Modern“ entführt in die Zeit von Faschismus und Nachkriegszeit, in der sich in der süditalienischen Hafenstadt zwischen 1930 und 1960 eine stark regional geprägte Moderne entwickelte. Was macht dieses Buch so besonders faszinierend? Zunächst sicherlich – im Zusammenspiel mit der eleganten Grafik – die atmosphärisch starken Fotografien des französischen Fotografen Cyrille Weiner. Komplettiert durch Texte, die ein Porträt der Stadt zeichnen, das weit über den architekturhistorischen Kontext hinausgeht: Sie sprechen von der porösen, auf Stein gebauten Stadt, von der Sache mit dem Tod, der hier „Bürgerrechte“ hat und von der besonderen Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart. Dazu kommt ein „Gebäude-Atlas“, der die 18 ausgewählten Projekte in eigens angefertigten Planzeichnungen samt Planerinnen und Planern vorstellt. Eingeschrieben in die Seiten des Buches hat sich gewiss das „mentale Gedächtnis“ des Mitherausgebers Umberto Napolitano vom Pariser Büro LAN Local Architecture Network – er begann als gebürtiger Neapolitaner sein Studium in der lebhaften Metropole.

 

 

LAN Local Architecture Network, B. Jallon, U. Napolitano, und Le Laboratoire R.A.A.R. (Hg.)
NAPOLI SUPER MODERN
232 Seiten, Englisch, Park Books, € 48

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